Kategorie: Rebsorten

  • Sangiovese im Jahrgangsvergleich: Welche Fragen wir an die neuen Brunello stellen

    Sangiovese im Jahrgangsvergleich: Welche Fragen wir an die neuen Brunello stellen

    Benvenuto Brunello kehrt vom 19. bis 23. November 2026 nach Montalcino zurück. Der Veranstalter, das Consorzio del Vino Brunello di Montalcino, bestätigt die 35. Ausgabe als Vorschau auf neue Brunello und weitere Weine der Herkunft. Die offizielle Programmseite führt Verkostungen im Chiostro di Sant’Agostino auf; das Consorzio weist zugleich darauf hin, dass das Programm noch in Arbeit ist. Welche Weine und Jahrgänge tatsächlich präsentiert werden, sollte deshalb erst mit einer abschließenden Bestätigung festgeschrieben werden.

    Für die Sangiovese-Leserinnen und -Leser ist die entscheidende Frage nicht, welches Jahr pauschal „besser“ war. Interessanter ist, wie Klima, Höhenlage, Lesezeitpunkt und Entscheidungen im Keller unterschiedliche Antworten innerhalb derselben Herkunft hervorbringen. Noch ist hier eine Vorschau auf die Fragen, nicht auf ein Verkostungsurteil.

    Eine Rebsorte, viele Antworten

    Brunello di Montalcino wird aus Sangiovese gekeltert, der in der Gegend traditionell auch Brunello heißt. Die Herkunft umfasst das Gemeindegebiet von Montalcino; Weinberge liegen in einem deutlich wechselnden Höhenprofil. Schon diese Spannweite legt nahe, Jahrgang nicht als einheitliche Schablone zu behandeln: Wasserverfügbarkeit, Exposition und Reifeverlauf können sich von Standort zu Standort unterscheiden.

    Die erste Frage an die neuen Weine lautet deshalb: Wie wurde mit dem jeweiligen Reifeverlauf umgegangen? 2022 begann mit Trockenheit und Hitze. Das Consorzio meldete Anfang August nach Regenfällen eine Verbesserung der Rebenbedingungen und größere Unterschiede zwischen Tages- und Nachttemperaturen. Dieser Zwischenstand ist kein abschließendes Jahrgangsbild. Er macht aber die Fragen konkret: Wann setzte die Erholung ein, wie unterschiedlich reagierten die Lagen, und wie wurde der Erntezeitpunkt gewählt?

    Was eine Riserva zusätzlich erzählt

    Ein Vergleich mit einer Riserva verlangt eine zweite Unterscheidung: Nicht allein das Wetter trennt die Weine, sondern auch Selektion und Zeit. Das Brunello-Regelwerk schreibt für die normale Abfüllung mindestens zwei Jahre Ausbau in Eiche und eine Freigabe ab dem 1. Januar des fünften auf die Ernte folgenden Jahres vor. Für Riserva gelten längere Fristen. Die Bezeichnung ist damit mehr als ein anderer Jahrgangsname; sie verweist auf eine eigenständige Auswahl und längere Reifung.

    Der Consorzio-Bericht zur 2021er Ernte beschreibt unter anderem eine kalte Frühjahrsphase mit Spätfrost und einen trockenen, warmen September. Das sind Angaben zur Witterung, keine Garantie für einen bestimmten Stil jeder Flasche. Bei einer Gegenüberstellung wäre zu fragen, welche Partien für Riserva ausgewählt wurden, wie Holz und Flaschenreife eingesetzt wurden und ob zusätzliche Zeit die Unterschiede zwischen Herkunft und Jahrgang deutlicher oder leiser macht.

    Nicht die Sternzahl, sondern die Herkunft lesen

    Auch innerhalb eines Jahrgangs sollte die Verkostung nicht bei einem Gesamturteil stehen bleiben. Montalcino ist kein einzelner Weinberg: Boden, Höhenlage und Exposition unterscheiden sich, und Weingüter treffen eigene Entscheidungen bei Lese, Gärung und Ausbau. Ein sinnvoller Vergleich fragt deshalb nach konkreten Weinen und ihrer Herkunft, nicht nur nach einer Rangfolge von Jahrgängen.

    Benvenuto Brunello bietet dafür den Rahmen: Die offizielle Veranstaltungsseite kündigt Produzentenverkostungen und thematische Masterclasses an. Bis die vollständige Liste der präsentierten Weine vorliegt, bleibt offen, welche Jahrgänge sich direkt nebeneinander stellen lassen. Sicher ist die redaktionelle Leitfrage: Wie hält Sangiovese in Montalcino Frische, Struktur und Reife zusammen – und welche Antwort geben unterschiedliche Lagen und Keller darauf? Erst die Weine selbst können diese Fragen beantworten.

  • PIWI-Züchtung: Wie lange soll eine Resistenz tragen?

    PIWI-Züchtung: Wie lange soll eine Resistenz tragen?

    Eine Resistenz ist kein Versprechen auf Unverwundbarkeit. Sie ist ein Vorsprung, den eine Rebe gegenüber einem Krankheitserreger besitzt – und den der Erreger durch Anpassung verkleinern kann. Für die PIWI-Züchtung lautet die entscheidende Frage deshalb nicht nur, ob eine neue Sorte Mehltau widersteht. Es geht auch darum, wie lange und unter welchen Bedingungen dieser Schutz trägt.

    Das Thema ist aktuell: Die Hochschule Geisenheim plant für ihre internationale Alumni-Woche vom 22. bis 28. November 2026 einen Arbeitsbereich zu Rebenzüchtung und Mikrobiologie. Ein Anlass, genauer auf die Zusammenarbeit von Labor, Züchtung und Weinberg zu schauen – ohne dass sich daraus bereits Ergebnisse oder Aussagen der Teilnehmenden ableiten lassen.

    Wenn der Erreger dazulernt

    PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Viele davon tragen Erbanlagen, die ursprünglich aus anderen Vitis-Arten stammen und der europäischen Kulturrebe Schutz vor echtem oder falschem Mehltau verleihen. Dieser Schutz beruht zum Teil darauf, dass die Pflanze bestimmte Merkmale des Erregers erkennt und eine Abwehrreaktion auslöst.

    Doch Krankheitserreger sind keine unveränderlichen Gegenspieler. In ihren Populationen können Varianten auftreten, die von einer Abwehr weniger gut erkannt werden. Unter dem Druck einer verbreiteten Resistenz haben solche Varianten einen Vorteil: Sie können sich stärker vermehren und die Schutzwirkung der Sorte schwächen. INRAE-Forschung aus dem Jahr 2026 beschreibt unterschiedliche Anpassungswege des Erregers des falschen Mehltaus. Das unterstreicht, warum eine erfolgreiche Resistenz nicht automatisch dauerhaft ist.

    Eine feste Haltbarkeit in Jahren lässt sich daraus nicht ableiten. Sie hängt unter anderem davon ab, welche Erregerstämme vorkommen, welche Resistenzgene eine Sorte trägt und wie stark sie angebaut wird. Auch Standort und Witterung beeinflussen, wann und wie deutlich eine Krankheit auftritt. Ein einzelnes Jahr ohne sichtbaren Befall beweist daher weder dauerhafte Resistenz noch deren Zusammenbruch.

    Mehr als ein Schutzschlüssel

    Ein Weg, die Widerstandskraft zu stärken, ist die Kombination mehrerer Resistenzfaktoren. Fachleute sprechen von Pyramiden, wenn mehrere Gene gegen denselben Erreger in einer Sorte zusammenkommen. Muss der Erreger mehrere Abwehrmechanismen zugleich überwinden, kann das schwieriger sein als bei einer einzelnen Resistenz. Eine Garantie ist auch das nicht: Resistenzgene unterscheiden sich in ihrer Wirkung, und Erreger können sich weiterentwickeln.

    Züchtung prüft deshalb nicht nur, ob ein Sämling im Labor auf einen Erreger reagiert. Entscheidend sind mehrjährige Versuche, verschiedene Erregerstämme und Beobachtungen an unterschiedlichen Standorten. Die OIV empfiehlt für die Beurteilung von Mehltauresistenz Feldprüfungen über mehrere Jahre; bei Prüfungen auf falschen Mehltau sollen sie ohne chemischen Pflanzenschutz oder Resistenzverstärker erfolgen. So lässt sich die natürliche Reaktion der Rebe besser beurteilen.

    Der Weinberg als Frühwarnsystem

    Auch nach der Sortenzulassung endet die Prüfung nicht. Das französische OSCAR-Netzwerk beobachtet resistente Sorten in Praxisparzellen, erfasst Krankheitsverläufe und sammelt Erregerproben. Im Labor werden diese auf Eigenschaften wie Aggressivität und Virulenz untersucht. Solche Netze verbinden Beobachtungen aus Weinbergen mit genetischen und biologischen Analysen – und können Veränderungen sichtbar machen, die eine Einzelparzelle kaum einordnet.

    Für den Weinbau zählt dabei nicht nur der große Resistenzbruch. Wiederkehrender Befall, Unterschiede zwischen Sorten oder Regionen und der nötige Pflanzenschutz gehören ebenfalls in die Erfassung. PIWI bedeutet nicht automatisch „nie spritzen“: Die Sorten können auch von weiteren Krankheiten betroffen sein, und bei nachlassender Wirkung müssen Betriebe ihre Maßnahmen anpassen.

    Die Dauerhaftigkeit entsteht somit nicht allein im Züchtungslabor. Sie hängt auch davon ab, ob Weinbau, Forschung und Züchtung ihre Beobachtungen systematisch teilen. Wenn auffällige Befälle dokumentiert und Erreger untersucht werden, lässt sich die nächste Züchtung gezielter ausrichten. Die Resistenzfrage ist deshalb kein Countdown, sondern eine fortlaufende Aufgabe: Schutzgene auswählen, ihre Wirkung unter realen Bedingungen prüfen und rechtzeitig reagieren, wenn der Erreger neue Wege findet.

  • Uruguay ohne Tannat-Tunnelblick

    Uruguay ohne Tannat-Tunnelblick

    Tannat ist in Uruguay keine bloße Visitenkarte für den Export: Die Sorte nimmt auch im heimischen Weinberg den größten Platz ein. Doch die Bestandsaufnahme für 2025 zeigt ein Land, dessen Rebsortenprofil deutlich breiter ist, als das Etikett „Tannat-Land“ vermuten lässt. Neben dem kraftvollen Rotwein stehen weiße Sorten, Bordeaux-Klassiker und jüngere französische Kreuzungen – nicht alle gleich groß, aber längst mehr als eine Randnotiz.

    Was die Rebflächen verraten

    Der Jahresbericht des uruguayischen Weinbauinstituts INAVI zählt 2025 insgesamt 5.798 Hektar Rebfläche. Davon entfielen rund 1.536 Hektar oder 26,5 Prozent auf Tannat. Die nächstgrößeren Sorten erzählen eine andere Geschichte: Moscatel de Hamburgo und Merlot kommen auf knapp 995 beziehungsweise 577 Hektar; Ugni Blanc steht auf gut 581 Hektar. Bei den roten Sorten folgen Cabernet Sauvignon, Marselan und Cabernet Franc. Albariño erreicht 141 Hektar, Sauvignon Blanc gut 143.

    Die Zahlen setzen den Begriff „Vielfalt“ ins Verhältnis. Albariño ist ein sichtbarer Teil der Entwicklung, aber keine flächendeckende Alternative zu Tannat. Marselan wiederum ist mit knapp 218 Hektar keine exotische Fußnote mehr: 3,76 Prozent der Rebfläche weist INAVI für die Sorte aus. Was im internationalen Gespräch als Entdeckung erscheint, kann im Herkunftsland bereits eine substanzielle, wenn auch kleinere Rolle spielen.

    Atlantik statt Schablone

    Uruguays Weinbau ist von einem feuchten, subtropischen Klima mit maritimem Einfluss geprägt. Das ist kein einheitlicher „Atlantikstil“: INAVI unterscheidet Regionen mit verschiedenen Temperaturen, Höhenlagen und Niederschlagsbedingungen. Im Süden liegt das Zentrum des Weinbaus; im Osten, in Maldonado, prägen die Nähe zum Meer und eine größere geologische Vielfalt die Bedingungen. Für Winzer bedeutet ein feuchtes Klima zugleich Aufmerksamkeit im Weinberg: Reife, Regen und Pilzdruck lassen sich nicht aus einer Rebsortenbeschreibung allein ableiten.

    Albariño passt als galicische Sorte in die Erzählung vom Atlantik, doch die geografische Verwandtschaft ist kein Qualitätsversprechen. Entscheidend bleiben Parzelle, Lesezeitpunkt und Ausbau. INAVI führt Albariño als aufstrebende weiße Sorte; Weingüter wie Garzón bauen sie in Maldonado an. Auch Sauvignon Blanc, Chardonnay und Viognier gehören zu den weißen Möglichkeiten. Sie stehen für unterschiedliche Ansätze, nicht für ein einziges nationales Geschmacksbild.

    Marselan und die zweite Reihe

    Bei den Roten lohnt der Blick auf Marselan und Cabernet Franc. Marselan entstand 1961 aus einer Kreuzung von Cabernet Sauvignon und Grenache. Das Weingut Juanicó nennt den späten Einsatz von Holz bei seinem Marselan als bewusste Entscheidung – ein Beispiel dafür, wie eine Sorte nicht zwingend nach dem vertrauten Muster schwerer, stark ausgebauter Rotweine behandelt werden muss. Cabernet Franc ist ebenfalls relevant: 2025 standen davon rund 204 Hektar im Register.

    Das heißt nicht, dass diese Sorten Tannat verdrängen. Tannat bleibt mit großem Abstand die wichtigste rote Rebsorte und prägt die internationale Wahrnehmung. Sinnvoller ist, die übrigen Pflanzungen als Ergänzung und als Versuch zu lesen, unterschiedliche Standorte und Stile auszudrücken. Der Rebflächenbericht misst Anbau, nicht Qualität oder Nachfrage; aus Hektarzahlen allein lässt sich kein Sieger küren.

    Was davon hier ankommt

    Im deutschsprachigen Handel ist die Auswahl nicht nur theoretisch. Albariño aus Uruguay findet sich etwa im Sortiment deutscher Händler; auch spezialisierte Importeure führen Weine aus dem Land. Das belegt Zugänglichkeit, aber noch keine breite Präsenz in Gastronomie oder Fachhandel. Ein einzelner Online-Katalog kann nicht zeigen, wie regelmäßig Flaschen verfügbar sind oder wie stark Käuferinnen und Käufer nach ihnen suchen.

    Uruguay jenseits des Tannat-Tunnelblicks ist deshalb keine Geschichte vom Ende eines Monopols. Es ist eine Bestandsaufnahme eines kleinen, diversifizierten Weinlands: Tannat gibt den Takt vor, während Albariño, Marselan, Cabernet Franc und weitere Sorten konkrete, unterschiedlich große Kapitel hinzufügen. Wer das Land verstehen will, sollte nicht nur nach der berühmten roten Traube fragen, sondern auch danach, wo und warum andere Sorten ihren Platz finden.

  • Welche roten Sorten tragen jenseits des Spätburgunders?

    Welche roten Sorten tragen jenseits des Spätburgunders?

    Spätburgunder ist Deutschlands wichtigste rote Rebsorte – aber nicht die einzige, die Herkunft und Stil prägt. Die Ergebnisliste des Deutschen Rotweinpreises 2026 zeigt, wie weit das Spektrum reicht: vom württembergischen Lemberger über Cabernet Franc und Syrah bis zu fränkischem Tauberschwarz. Das sind zunächst Wettbewerbsergebnisse, keine eigene Verkostungsbilanz; spannend ist, was die Sorten über Weinbau und mögliche Stilrichtungen erzählen.

    Lemberger: Württembergs vielseitiger Charakterkopf

    Die stärkste Gegenstimme zum Spätburgunder kommt aus Württemberg. Lemberger, in Österreich und anderen Ländern meist Blaufränkisch genannt, stammt aus dem heutigen Nordosten Sloweniens. Er treibt früh aus und reift spät – eine Kombination, die warme, windgeschützte Standorte verlangt. Nach Angaben des Deutschen Weininstituts standen 2023 bundesweit 1.917 Hektar unter Lemberger, davon 1.757 Hektar in Württemberg.

    Seine Spannweite ist groß: Es gibt fruchtbetonte, leichtere Weine ebenso wie Varianten mit kräftigerem Gerbstoff und Struktur. Das ist auch eine Frage des Ausbaus: Holz kann Würze und Körper stärker hervortreten lassen; im Wettbewerb 2026 erreichten sowohl Lemberger als auch die als Blaufränkisch bezeichnete Variante hohe Platzierungen. Für den Tisch heißt das: Ein leichterer Stil kann eine Vesper begleiten, ein dichterer verträgt kräftigere Speisen – etwa Schmorgerichte oder gereiften Käse. Das sind Anregungen, keine festen Regeln.

    Frühburgunder und Tauberschwarz: kleine Flächen, eigene Geschichten

    Der Frühburgunder reift früher als der Spätburgunder und ist in Deutschland eine Nischensorte. Im Wettbewerb siegte 2026 ein Frühburgunder aus Randersacker; auch ein Wein von der Ahr kam auf einen Spitzenplatz. Seine frühe Reife macht ihn zu einer eigenständigen Option, nicht bloß zu einer kleinen Kopie des bekannteren Burgunders. Die getrennte Wettbewerbskategorie St. Laurent/Frühburgunder fasst zwei Sorten zusammen, die im Glas nicht gleichzusetzen sind.

    Noch stärker an eine Region gebunden ist der Tauberschwarz, ein historischer Klassiker aus dem Taubertal. Der erste Platz der Kategorie „Deutsche Klassiker“ ging 2026 an einen Tauberschwarz aus Franken; ein weiterer schaffte es ebenfalls aufs Podium. Solche Resultate verleihen einer Sorte Sichtbarkeit, sagen aber allein noch nichts darüber aus, wie groß ihre Verfügbarkeit oder Nachfrage ist. Ihr Wert liegt auch darin, regionale Weinidentität jenseits der bekannten Namen erfahrbar zu machen.

    Internationale Sorten und die Frage nach dem Platz am Markt

    Auch Merlot, Syrah und Cabernet Franc finden in deutschen Weinbergen passende Standorte. Ihre Siege bei VINUM zeigen, dass sie nicht nur als Verschnittpartner auftreten müssen: 2026 gewann ein Merlot aus Württemberg, ein Syrah aus Baden und ein Cabernet Franc ebenfalls aus Baden. In Cuvées wiederum können unterschiedliche Sorten kombiniert werden, um Frucht, Säure, Gerbstoff und Körper auszubalancieren.

    Die Rangliste ist allerdings ein Ausschnitt der Spitze. Im Alltag bestimmen Fläche, Preis, Verfügbarkeit und vertraute Namen mit, welche Sorten ihren Weg in Handel und Gastronomie finden. In Rheinland-Pfalz, wo viele deutsche Rebflächen liegen, waren 2025 Dornfelder und Spätburgunder die flächenstärksten roten Sorten; beim Dornfelder ging die Fläche zurück, beim Spätburgunder stieg sie leicht. Eine große Wettbewerbsvielfalt bedeutet also nicht automatisch, dass jede Sorte breit verfügbar ist.

    Vielfalt ist mehr als eine Rangliste

    Der Rotweinpreis, den VINUM seit 1987 veranstaltet, feiert 2026 seine 40. Ausgabe. Die diesjährige Liste reicht von etablierten Sorten bis zu historischen und internationalen Reben. Sie macht Vielfalt sichtbar, bleibt aber ein Wettbewerb mit Kategorien und einer Auswahl eingereichter Weine. Für Weininteressierte ist gerade das ein guter Ausgangspunkt: nicht nach einem Ersatz für Spätburgunder zu suchen, sondern nach Sorten, die zu Region, Stil und Anlass passen. Am 28. November 2026 stehen die prämierten Weine bei Preisverleihung und Publikumsveranstaltung in Stuttgart im Mittelpunkt.

  • Merlot in Deutschland: Welche Rechnung hinter der Sortenwahl steckt

    Merlot in Deutschland: Welche Rechnung hinter der Sortenwahl steckt

    Eine Rebsorte pflanzt man nicht für eine Saison. Die Entscheidung wirkt über Jahrzehnte – und damit weit über die Frage hinaus, ob ein Sommer warm genug wird. Merlot steht in Deutschland inzwischen auf rund 1.000 Hektar. Die Zahl ist ein Signal für wachsendes Interesse, aber noch keine Antwort darauf, ob die Sorte für einen bestimmten Betrieb eine gute Rechnung ist.

    Mehr Wärme öffnet eine Tür – nicht jede Lage

    Merlot stammt aus Frankreich und ist international etabliert. In Deutschland wächst die Fläche in einem Umfeld, in dem sich die Bedingungen für wärmeliebende rote Sorten verändern. Das Umweltbundesamt ordnet Merlot als Sorte ein, deren Anbaueignung mit steigenden Wärmesummen in deutschen Weinbaugebieten zunimmt. Zugleich betont es, dass Nachfrage, Moden und die Erfahrungen der Betriebe die Sortenwahl mitprägen.

    Wärme ist also ein Standortfaktor, kein Gütesiegel. Entscheidend bleibt, ob eine konkrete Parzelle die Reife der Trauben verlässlich ermöglicht und ob ihre Bedingungen auch in wechselhaften Jahren tragen. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau beschreibt Merlot als je nach Klima mittel bis spät bis spät reifend. Für den Betrieb heißt das: Nicht ein allgemeiner Trend, sondern das Zusammenspiel aus Lage, Jahrgangsverlauf und Bewirtschaftung muss passen.

    Eine Pflanzung bindet Kapital und Fläche

    Reben sind eine Dauerkultur. Das Umweltbundesamt veranschlagt ihre Lebensdauer mit 20 bis 30 Jahren und hebt hervor, dass Sortenentscheidungen bei Neupflanzungen deshalb sorgfältig abzuwägen sind. Wer Merlot setzt, entscheidet nicht nur über den Namen auf dem Etikett, sondern auch über eine langfristige Nutzung von Fläche, Arbeitszeit und Investitionen.

    Zu dieser Rechnung gehören Fragen, die keine Rebflächenstatistik beantwortet: Welche Erträge sind am Standort realistisch? Wie viel Aufwand erfordert die Bewirtschaftung? Lässt sich der Wein als eigenständige Sorte verkaufen oder soll er in eine Cuvée eingehen? Und erreicht der Betrieb Kundinnen und Kunden, die mit einer internationalen Rebsorte aus Deutschland etwas anfangen können? Eine belastbare Antwort hängt vom einzelnen Betrieb ab. Für pauschale Aussagen zu Ertrag oder Absatz liefert die verfügbare Datenlage keine Grundlage.

    Nachfrage ist Teil des Terroirs der Entscheidung

    Die jüngsten Zahlen machen die Bewegung greifbar: Das Deutsche Weininstitut bezifferte die Merlotfläche für 2025 auf 981 Hektar, ein Plus von 18 Hektar gegenüber dem Vorjahr. In seiner Meldung vom 30. Oktober 2026 rundete es den Bestand auf etwa 1.000 Hektar. Gleichzeitig nahm die gesamte deutsche Rebfläche 2025 ab; bei den roten Sorten fiel der Rückgang laut DWI stärker aus als bei den weißen. Merlot wächst also gegen einen größeren Flächentrend, bleibt aber eine vergleichsweise kleine Sorte.

    Das spricht nicht automatisch für einen Siegeszug. Eine wachsende Fläche kann Nachfrage signalisieren, aber auch Erwartungen an künftige Klimabedingungen oder den Wunsch nach einer breiteren Sortimentspalette. Welche Motive im Einzelfall ausschlaggebend sind, lässt sich aus den Zahlen allein nicht ablesen. Gerade deshalb gehört die Absatzfrage in dieselbe Kalkulation wie die Eignung des Weinbergs.

    Die Gegenrechnung: nicht pflanzen

    Auch der Verzicht ist eine aktive Sortenentscheidung. Ein Betrieb kann auf Reben setzen, die sich unter den eigenen Bedingungen bewährt haben, auf andere Rotweinsorten ausweichen oder angesichts von Markt und Aufwand eine Neupflanzung zurückstellen. Klimatische Veränderungen erweitern die Möglichkeiten, nehmen aber weder das Ertragsrisiko noch die Notwendigkeit einer Absatzstrategie aus der Rechnung.

    Merlot ist damit weder bloß eine Mode noch automatisch die Rebsorte der Zukunft. Die fast vierstellige Hektarzahl markiert eine Veränderung im deutschen Sortenspiegel. Ob daraus ein guter Weinberg wird, entscheidet sich jedoch kleinteiliger: auf einer konkreten Parzelle, im Betriebskonzept und bei den Menschen, die den Wein später kaufen sollen.

  • Pilzfest ist nicht trockenheitsfest: Welche Rebe für welches Problem?

    Pilzfest ist nicht trockenheitsfest: Welche Rebe für welches Problem?

    Gesunde Trauben, aber zu wenig Wasser: Schon zum Lesebeginn am 18. August 2026 meldete das Deutsche Weininstitut Trockenheitsprobleme, besonders in jungen Anlagen. Teilweise wurden Trauben entfernt, um die Reben zu entlasten. Auch ältere Weinberge auf wenig wasserspeichernden Böden waren gefährdet. Der Bericht beschreibt einen Zwischenstand, zeigt aber deutlich: Traubengesundheit und Wasserversorgung sind verschiedene Aufgaben.

    Genau deshalb lohnt der Blick auf die Geisenheimer Rebsortentage vom 27. und 28. August 2026. Die Hochschule stellte dort Arbeiten an PIWI-Sorten, Klonen und Unterlagen vor. Drei Ansätze, die im Gespräch über robuste Reben leicht zusammenrücken, tatsächlich aber unterschiedliche Probleme bearbeiten.

    PIWI: Abwehr ist kein Wasservorrat

    PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Bei ihrer Züchtung werden Qualitätseigenschaften von Kulturreben mit Resistenzen anderer Reben kombiniert. Im Mittelpunkt stehen der Echte und der Falsche Mehltau. Die Widerstandskraft fällt je nach Sorte und Erreger unterschiedlich aus; auch Blätter und Trauben können verschieden reagieren.

    Widerstandsfähig bedeutet zudem nicht unverwundbar. Die rheinland-pfälzische Weinbauberatung sieht auch bei PIWIs gezielte Pflanzenschutzbehandlungen vor, unter anderem, um die Resistenz zu erhalten. Der Gewinn liegt im verminderten Aufwand, nicht im Versprechen völliger Behandlungsfreiheit.

    Über die Reaktion auf Wassermangel sagt das Kürzel dagegen nichts Verlässliches. Das Julius Kühn-Institut behandelt Klimaanpassung ausdrücklich als zusätzliche Züchtungsaufgabe neben der Pilzresistenz. Eine PIWI-Sorte kann für einen trockenen Standort geeignet sein – belegt werden muss diese Eigenschaft gesondert.

    Klone: dieselbe Sorte, andere Trauben

    Klonenselektion setzt innerhalb einer bestehenden Rebsorte an. Ausgewählte Rebstöcke werden vegetativ, also ohne neue Kreuzung über Samen, vermehrt. Genutzt werden Unterschiede, die etwa durch natürliche Mutationen entstanden sind.

    Ein anschauliches Beispiel liefert der Spätburgunder: Geisenheim entwickelte unter anderem lockerbeerige und kleinbeerige Klontypen sowie solche mit aufrechtem Wuchs. Ziel war insbesondere, die Anfälligkeit für Botrytis, den Erreger der Graufäule, zu senken. Eine günstigere Traubenstruktur ist jedoch etwas anderes als die eingekreuzte Mehltauresistenz einer PIWI-Sorte. Und auch sie belegt noch keine Trockenheitstoleranz.

    Unterlagen: die Entscheidung unter der Erde

    Bei der Pfropfrebe trägt die Unterlage das Wurzelsystem; auf ihr sitzt das Edelreis der gewünschten Weinsorte. Unterlagen dienen dem Schutz vor der Wurzelreblaus, müssen aber zugleich zum Boden und zum Wasserhaushalt passen.

    Wie eng die Auswahl abgewogen werden muss, zeigt Weinbauberater Gerd Götz vom DLR Rheinpfalz: Trockentoleranz steht neben Kalkverträglichkeit, Wuchskraft und Verträglichkeit mit dem Edelreis. Auch die Reife wird beeinflusst. Für einen beispielhaften trockenen, heißen Rieslingstandort nennt er unter anderem „5 BB“ und „1103 Paulsen“ als mögliche Unterlagen. Das ist eine standortgebundene Abwägung, keine Bestenliste für trockene Weinberge.

    Erst den Standort prüfen

    Für eine Pflanzentscheidung gehören deshalb Bodenbeschaffenheit, Wasserhaushalt, Kalkgehalt, Pflanzdichte und Ertragsziel zusammen. Dazu braucht es mehrjährige Vergleiche der vorgesehenen Sorte-Klon-Unterlagen-Kombination unter ähnlichen Bedingungen. Auch das Rebalter zählt: Geisenheim untersucht Wasserstresstoleranz in einem Rieslingversuch mit gleichem Klon und gleicher Unterlage, aber unterschiedlich alten Reben.

    Die entscheidende Frage lautet also nicht: Welche Rebe kann alles? Sondern: Welches Problem soll sie hier lösen? Gegen Mehltau, Traubenfäule und Wassermangel können unterschiedliche Eigenschaften helfen. Erst ihre passende Kombination macht aus einem einzelnen Vorteil eine tragfähige Entscheidung für den Weinberg.