Schlagwort: Jahrgang 2022

  • Sangiovese im Jahrgangsvergleich: Welche Fragen wir an die neuen Brunello stellen

    Sangiovese im Jahrgangsvergleich: Welche Fragen wir an die neuen Brunello stellen

    Benvenuto Brunello kehrt vom 19. bis 23. November 2026 nach Montalcino zurück. Der Veranstalter, das Consorzio del Vino Brunello di Montalcino, bestätigt die 35. Ausgabe als Vorschau auf neue Brunello und weitere Weine der Herkunft. Die offizielle Programmseite führt Verkostungen im Chiostro di Sant’Agostino auf; das Consorzio weist zugleich darauf hin, dass das Programm noch in Arbeit ist. Welche Weine und Jahrgänge tatsächlich präsentiert werden, sollte deshalb erst mit einer abschließenden Bestätigung festgeschrieben werden.

    Für die Sangiovese-Leserinnen und -Leser ist die entscheidende Frage nicht, welches Jahr pauschal „besser“ war. Interessanter ist, wie Klima, Höhenlage, Lesezeitpunkt und Entscheidungen im Keller unterschiedliche Antworten innerhalb derselben Herkunft hervorbringen. Noch ist hier eine Vorschau auf die Fragen, nicht auf ein Verkostungsurteil.

    Eine Rebsorte, viele Antworten

    Brunello di Montalcino wird aus Sangiovese gekeltert, der in der Gegend traditionell auch Brunello heißt. Die Herkunft umfasst das Gemeindegebiet von Montalcino; Weinberge liegen in einem deutlich wechselnden Höhenprofil. Schon diese Spannweite legt nahe, Jahrgang nicht als einheitliche Schablone zu behandeln: Wasserverfügbarkeit, Exposition und Reifeverlauf können sich von Standort zu Standort unterscheiden.

    Die erste Frage an die neuen Weine lautet deshalb: Wie wurde mit dem jeweiligen Reifeverlauf umgegangen? 2022 begann mit Trockenheit und Hitze. Das Consorzio meldete Anfang August nach Regenfällen eine Verbesserung der Rebenbedingungen und größere Unterschiede zwischen Tages- und Nachttemperaturen. Dieser Zwischenstand ist kein abschließendes Jahrgangsbild. Er macht aber die Fragen konkret: Wann setzte die Erholung ein, wie unterschiedlich reagierten die Lagen, und wie wurde der Erntezeitpunkt gewählt?

    Was eine Riserva zusätzlich erzählt

    Ein Vergleich mit einer Riserva verlangt eine zweite Unterscheidung: Nicht allein das Wetter trennt die Weine, sondern auch Selektion und Zeit. Das Brunello-Regelwerk schreibt für die normale Abfüllung mindestens zwei Jahre Ausbau in Eiche und eine Freigabe ab dem 1. Januar des fünften auf die Ernte folgenden Jahres vor. Für Riserva gelten längere Fristen. Die Bezeichnung ist damit mehr als ein anderer Jahrgangsname; sie verweist auf eine eigenständige Auswahl und längere Reifung.

    Der Consorzio-Bericht zur 2021er Ernte beschreibt unter anderem eine kalte Frühjahrsphase mit Spätfrost und einen trockenen, warmen September. Das sind Angaben zur Witterung, keine Garantie für einen bestimmten Stil jeder Flasche. Bei einer Gegenüberstellung wäre zu fragen, welche Partien für Riserva ausgewählt wurden, wie Holz und Flaschenreife eingesetzt wurden und ob zusätzliche Zeit die Unterschiede zwischen Herkunft und Jahrgang deutlicher oder leiser macht.

    Nicht die Sternzahl, sondern die Herkunft lesen

    Auch innerhalb eines Jahrgangs sollte die Verkostung nicht bei einem Gesamturteil stehen bleiben. Montalcino ist kein einzelner Weinberg: Boden, Höhenlage und Exposition unterscheiden sich, und Weingüter treffen eigene Entscheidungen bei Lese, Gärung und Ausbau. Ein sinnvoller Vergleich fragt deshalb nach konkreten Weinen und ihrer Herkunft, nicht nur nach einer Rangfolge von Jahrgängen.

    Benvenuto Brunello bietet dafür den Rahmen: Die offizielle Veranstaltungsseite kündigt Produzentenverkostungen und thematische Masterclasses an. Bis die vollständige Liste der präsentierten Weine vorliegt, bleibt offen, welche Jahrgänge sich direkt nebeneinander stellen lassen. Sicher ist die redaktionelle Leitfrage: Wie hält Sangiovese in Montalcino Frische, Struktur und Reife zusammen – und welche Antwort geben unterschiedliche Lagen und Keller darauf? Erst die Weine selbst können diese Fragen beantworten.

  • Deutscher Rotwein: drei Charaktere, ein Jahrgang

    Deutscher Rotwein: drei Charaktere, ein Jahrgang

    Deutscher Rotwein muss sich nicht zwischen Leichtigkeit und Wucht entscheiden. Spannender ist, wie Frucht, Säure und Gerbstoff zueinanderstehen: Kräuter können einer dunklen Beerenfrucht Kontur geben, Holz kann Konzentration auffangen, Säure einen kräftigen Körper beweglich halten. Drei trockene Weine des Jahrgangs 2022 setzen dabei deutlich unterschiedliche Schwerpunkte.

    Schnaitmanns „Steinwiege“ Lemberger aus Fellbach, Hubers „Malterdinger“ Spätburgunder aus Baden und die Pfälzer Cuvée „Das kleine Kreuz“ von Rings stehen für drei eigenständige Rotweinstile. Ihr gemeinsamer Nenner ist nicht maximale Fülle, sondern das Zusammenspiel von Substanz und Spannung.

    Schnaitmann: Würze mit schlankem Alkoholrahmen

    Der 2022er „Steinwiege“ Lemberger kommt mit 12,5 Prozent Alkohol aus. Nach Angaben des Weinguts wachsen die Trauben auf Gipskeuper; sie werden als ganze Trauben spontan auf der Maische vergoren. Anschließend reift der Wein 24 Monate in alten großen Holzfässern und wird unfiltriert abgefüllt. Ein Ausbau, der dem gebrauchten Holz viel Zeit, aber keine Hauptrolle als neue Eichenwürze gibt.

    Schnaitmann beschreibt ein vielschichtiges Spektrum aus Sauerkirsche, Brombeere und Cassis, begleitet von Wacholder, Thymian und schwarzem Tee. Dazu nennt das Gut eine lebhafte Säure und reife, eng gewobene Tannine. Der Reiz dieses Lembergers liegt damit in seiner würzigen Kontur: dunkle Frucht, aber kein allein auf Fruchtsüße angelegter Charakter.

    0,4 Gramm Restzucker und 6 Gramm Säure je Liter unterstreichen die trockene Ausrichtung. Das ist ein ernsthafter Gegenentwurf zur Vorstellung, zugänglicher Rotwein müsse vor allem weich sein. Als Speisenbegleiter nennt das Weingut unter anderem gebratenes Gemüse, Eintöpfe und Wildgeflügel.

    Huber: Spätburgunder mit Konzentration

    Der 2022er „Malterdinger“ Spätburgunder des Weinguts Bernhard Huber setzt einen anderen Akzent. Der badische Ortswein hat 13,5 Prozent Alkohol und stammt aus dem von Muschelkalk geprägten Malterdingen. Hier steht nicht zarte Rotbeerigkeit im Mittelpunkt, sondern ein konzentrierterer Pinot-Stil.

    Weinfurore hebt in seiner Verkostung vom September 2024 Schwarzkirsche und Brombeere hervor, dazu Süßholz, getrocknete Kräuter und eine rauchige Holzwürze. Die Notiz beschreibt zugleich feine Tannine und eine bereits gut eingebundene Säure. Entscheidend ist diese Verbindung: Konzentration erhält durch präzisen Gerbstoff Form, statt bloß Gewicht aufzubauen.

    Der teilweise Einsatz neuer Barriques gehört zu diesem Profil. Das Holz setzt einen würzigen Rahmen um die dunkle Frucht. Innerhalb des Trios steht der „Malterdinger“ damit für einen substanzreichen Spätburgunder, dessen Anspruch über unkomplizierte Fruchtigkeit hinausgeht. Weinfurore nennt ein Trinkfenster von 2025 bis 2032.

    Rings: Cuvée mit saftigem Zug

    „Das kleine Kreuz“ 2022 verbindet Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und St. Laurent. Die trockene Pfälzer Cuvée hat 14 Prozent Alkohol und reift in neuen sowie gebrauchten Barriques. Ihr Charakter ist körperreicher angelegt, doch die Säure bleibt ein wesentlicher Teil der Balance.

    Beim Deutschen Rotweinpreis 2024 von VINUM erreichte sie mit 93 Punkten den zweiten Platz unter den Cuvées. Die Jury notiert schwarze Johannisbeere, Heidelbeere und Vanille; besonders betont sie die saftige Frucht und eine deutlich präsente Säure. Das dort angegebene Trinkfenster reicht von 2024 bis 2028.

    Gerade diese Frische macht den Stil interessant: kein Rotwein, der Kraft mit schwerer Ruhe verwechselt. Gegenüber dem kräuterbetonten Lemberger und dem konzentrierten Pinot bietet „Das kleine Kreuz“ die vollere Cuvée-Handschrift. Drei verschiedene Wege also: Würze bei Schnaitmann, Verdichtung bei Huber, Fruchtfülle mit Säurezug bei Rings.