Schlagwort: Klimaanpassung

  • Regen oberhalb der Reben: Wer organisiert den Wasserrückhalt?

    Regen oberhalb der Reben: Wer organisiert den Wasserrückhalt?

    Das Wasser kommt oft im falschen Takt: Nach längeren trockenen Phasen kann ein heftiger Regen auf ausgetrocknete, geneigte Böden treffen. Dann läuft ein Teil rasch oberflächlich ab und kann Boden mitreißen, statt dort zu versickern, wo Reben und Landschaft es später gebrauchen könnten. Das Statistische Bundesamt beschreibt das Weinjahr 2026 als von Trockenheit und Hitze geprägt; die zum Herbst veröffentlichte Ernteschätzung ist eine Prognose, keine abschließende Bilanz.

    Wasser länger in der Landschaft zu halten, ist deshalb mehr als eine Frage der Bewirtschaftung einzelner Weinbergszeilen. Wo Regen fällt, wie er über Wege, Wald, Rebflächen und Gräben weiterfließt und an welcher Stelle er gebremst werden kann, hängt oft von mehreren Grundstücken und Zuständigkeiten ab. Genau dort beginnt die organisatorische Arbeit.

    Vom schnellen Ableiten zum verzögerten Abfluss

    In vielen Weinbergsfluren wurden Entwässerungsrinnen so angelegt, dass Niederschlag möglichst rasch aus den Hängen abfließt. Am Geisenheimer Fuchsberg wurde 2023 eine Betonrinne gemeinsam mit den Stadtwerken Geisenheim aufgebrochen und durch ein geschwungenes Gerinne mit Natursteinen ersetzt. Einzelbäume ergänzen die Umgestaltung. Nach Darstellung der Hochschule Geisenheim soll das Wasser dadurch stärker versickern und der Oberflächenabfluss abnehmen. Das ist ein beschriebenes Ziel der Maßnahme, kein Beleg für eine bereits gemessene Wirkung.

    Solche Eingriffe stehen nicht für eine Lösung, die überall passt. Hangneigung, Boden, vorhandene Entwässerung und die Nutzung angrenzender Flächen bestimmen, ob etwa eine Mulde, ein begrünter Abflussstreifen, eine veränderte Rinne oder bessere Bodenbedeckung sinnvoll ist. Begrünte Fahrgassen können die Aufnahmefähigkeit des Bodens unterstützen; Rückhalteräume oder seitliche Ableitungen können Abflussspitzen bremsen. Maßnahmen müssen so geplant werden, dass Wasser nicht einfach auf die nächste Fläche oder in einen gefährdeten Ort verlagert wird.

    Einzugsgebiet statt Parzellengrenze

    Für die Abstimmung braucht es Landnutzende, Kommunen und Fachstellen aus Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Forst und Naturschutz. Ein möglicher Einstieg ist, Abflusswege und Problemstellen gemeinsam im Gelände oder anhand von Karten zu erfassen. Danach lassen sich geeignete Maßnahmen kombinieren und Zuständigkeiten klären. Eingriffe an Gewässern oder am Wasserabfluss können weitere Prüfungen und die Beteiligung zuständiger Behörden erfordern.

    Das Regionalbüro für Natürlichen Klimaschutz Rheinland-Pfalz bot im Oktober 2026 Schulungstage zu Wasserrückhalt im Offenland in Schöneberg und im Wald in Hachenburg an. Die Termine zeigen, dass Wissenstransfer verschiedene Nutzungen zusammenbringen soll; sie belegen für sich genommen aber weder die Umsetzung konkreter Vorhaben noch deren Erfolg. In der Soonwald-Nahe-Region bündelt ein Leitfaden zudem Maßnahmen, Praxisbeispiele und Hinweise auf Ansprechstellen. Sein Grundgedanke: Viele kleine, aufeinander abgestimmte Eingriffe können gemeinsam mehr bewirken als isolierte Einzelmaßnahmen.

    Wer bezahlt – und wer prüft?

    Eine pauschale Kostenaufteilung gibt es nicht. Je nach Fläche, Trägerschaft und Maßnahme kommen unterschiedliche Förderwege infrage; auch Kommunen, Bewirtschafter oder weitere Partner können beteiligt sein. Der Leitfaden der Schwammregion führt Fördermöglichkeiten für Landwirtschaft und Weinbau sowie für kommunale und landschaftliche Maßnahmen auf. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeingültige Finanzierung für ein konkretes Vorhaben ableiten. Vor der Planung müssen deshalb Eigentum, Pflege über die Bauphase hinaus und mögliche Ertrags- oder Flächenverluste geklärt werden.

    Auch die Wirkung ist nicht allein daran abzulesen, ob eine Mulde nach einem Regen Wasser enthält. Für eine belastbare Bewertung wären etwa Beobachtungen zu Abfluss, Erosion und Bodenfeuchte vor und nach der Maßnahme wichtig – möglichst über mehrere Wetterlagen hinweg. Zu den Geisenheimer Beispielen lagen in den herangezogenen Informationen keine unabhängigen Messreihen vor. Wasserrückhalt kann Trockenheit oder Hochwasser nicht verhindern. Er kann aber, standortgerecht geplant und gemeinsam gepflegt, dazu beitragen, Abfluss zu verlangsamen und Wasser länger in der Kulturlandschaft zu halten. Entscheidend ist, dass Weinberg, Wald, Wege und Gemeindegrenzen nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

  • Nicht jede Neuerung ist Fortschritt.

    Wer Herkunft ernst nimmt, darf sie nicht mit Unveränderlichkeit verwechseln. Das ist für mich der Gedanke, der unsere Beiträge dieser Woche verbindet. Eine andere Rebsorte pflanzen, Technik einsetzen, Rebfläche aufgeben: Jede dieser Entscheidungen kann wie ein Bruch aussehen. Ob sie einer Weinkultur schadet oder ihr Zukunft ermöglicht, entscheidet sich aber nicht daran, wie vertraut sie uns ist.

    Ich möchte Herkunft deshalb weniger als Verpflichtung zum Weitermachen verstehen. Sie ist eine Verpflichtung zur Begründung. Warum diese Rebe an diesem Ort? Warum dieser Arbeitsaufwand? Und für welchen Wein, für welche Menschen soll er geleistet werden? Das verlangt mehr als Treue zu einem vertrauten Etikett. Es verlangt, den Zusammenhang zwischen Landschaft, Handwerk und wirtschaftlicher Existenz immer wieder neu zu prüfen.

    Die richtige Rebe ist noch kein Betriebsplan

    „Pilzfest ist nicht trockenheitsfest: Welche Rebe für welches Problem?“ bringt diese Aufgabe auf einen präzisen Punkt. Widerstand gegen Pilzkrankheiten beantwortet nicht automatisch die Wasserfrage. Rebsorte, Unterlage – also der wurzelbildende Teil der veredelten Rebe – und Bewirtschaftung müssen zusammenpassen. Wer daraus nur die Suche nach einer vermeintlichen Zukunftssorte macht, verkürzt das Problem.

    Ähnlich lese ich unseren Beitrag über Merlot in Deutschland. Wärmere Jahre sind kein hinreichender Betriebsplan. Die Entscheidung für eine internationale Sorte ist weder schon ein Verlust an Eigenständigkeit noch von selbst ein Zeichen kluger Anpassung. Entscheidend ist, ob sie zum Standort und zur Ausrichtung des Betriebs passt. Herkunft entsteht für mich nicht durch die Abwehr alles Neuen, sondern durch nachvollziehbare Entscheidungen am konkreten Ort.

    Das gilt auch für Maschinen. Unser Blick auf Weinbergstechnik fragt danach, welche Arbeit tatsächlich entfällt und welche von Hand bleibt. Genau diese Nüchternheit wünsche ich mir für die Zukunftsdebatte. Ebenso wichtig ist die Grenze der Übertragbarkeit: Was unter den Inselbedingungen La Gomeras sinnvoll erscheint, muss für einen deutschen Betrieb noch lange nicht passen. Lernen heißt nicht kopieren.

    Auch weniger kann eine Entscheidung für Zukunft sein

    Am unbequemsten wird dieser Gedanke bei der Rebfläche. Die Rodungsprämie in Rheinland-Pfalz fördert die Aufgabe produktiver Flächen und berührt dabei auch Pflanzgenehmigungen. Das ist keine bloße Korrektur einer Zahl. Unser Beitrag „Wenn weniger Rebfläche zur Betriebsstrategie wird“ stellt damit eine Frage, die sich nicht romantisch beantworten lässt: Muss Bewahren immer bedeuten, alles weiterzubewirtschaften?

    Der stärkste Einwand verdient Respekt. Eine Weinlandschaft ist mehr als die Summe einzelner Betriebsrechnungen. Wer nur auf Kosten schaut, kann aus dem Blick verlieren, was eine Region unverwechselbar macht. Weniger Fläche darf deshalb nicht zum bequemen allgemeinen Zukunftsmodell erklärt werden. Aber auch das Gegenteil überzeugt mich nicht: einem Betrieb das Festhalten an jeder Parzelle als kulturelle Pflicht aufzuerlegen. Bewahrung braucht tragfähige Betriebe, nicht bloß gute Absichten.

    Derselbe Maßstab sollte für alkoholfreie Weine gelten. Das Geisenheimer Projekt AROMAnoALK untersucht, wie Traubentrester zur Aromagewinnung beitragen könnte. Daraus folgt noch kein fertiges Qualitätsversprechen. Wohl aber ein Grund, solche Produkte ernsthaft zu beurteilen, statt sie vor der Prüfung aus der Weinkultur auszuschließen.

    Meine Schlussfolgerung aus dieser Woche ist deshalb kein Aufruf zur Neuerung um jeden Preis. Ich wünsche mir eine Weinwirtschaft, die Veränderungen weder feiert noch abwehrt, bevor sie deren Folgen verstanden hat. Herkunft sollte der Maßstab dieser Prüfung sein, nicht ihr Abbruchargument. Bewahren heißt dann: begründet entscheiden, was bleiben soll – und was sich ändern muss, damit es bleiben kann.