Eine Flasche kommt unter den Hammer, ein Weinberg wird zur Disposition gestellt. Zwischen diesen beiden Entscheidungen liegt für mich der Gedanke dieser Weinwoche. Am 7. November sollen in Bad Kreuznach nach Angaben des VDP 30 Lose von 14 Weingütern versteigert werden. Zugleich stellt Rheinland-Pfalz Betrieben eine Prämie für die dauerhafte Rodung produktiver Rebflächen in Aussicht. Das ist kein Widerspruch. Es sind unterschiedliche Ausschnitte derselben Branche.
Unsere Beiträge vom 29. Oktober bis 5. November legen eine unbequeme Unterscheidung nahe: Aufmerksamkeit für Wein ist nicht dasselbe wie eine wirtschaftliche Grundlage für Weinbau. Ich halte es für einen Fehler, das eine als Beweis für das andere zu behandeln. Wer Herkunft und Handwerk bewahren will, muss auch darüber sprechen, welche Arbeit sich unter welchen Bedingungen noch tragen lässt.
Die Ausnahme ist nicht der Maßstab
„Was der Zuschlag verrät – und was nicht“ stellt die richtige Frage. Ein Gebot zeigt, was ein bestimmter Wein seinen Bietern wert ist. Es beantwortet nicht, wie verlässlich ein Betrieb seine übrigen Weine absetzt. Die ausgewählte Flasche kann begehrt sein, ohne dass daraus eine belastbare Aussage über den gesamten Markt entsteht.
Das stärkste Gegenargument verdient Respekt: Herausragende Weine können einer Region Aufmerksamkeit verschaffen. Auszeichnungen können neugierig machen, Versteigerungen besondere Leistungen sichtbar halten. Eine Weinwirtschaft ohne solche Anziehungspunkte wäre nicht automatisch gerechter oder stabiler. Aber Strahlkraft ersetzt keine Nachfrage in der Breite. Aus einem hohen Zuschlag folgt noch keine Antwort auf die Kosten einer Arbeitsstunde im Weinberg.
Deshalb erscheint mir „Wenn weniger Rebfläche zur Betriebsstrategie wird“ als notwendiges Gegenstück. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz nennt die Senkung des Produktionspotenzials und die Marktentlastung als Ziele der angekündigten Rodungsförderung. Weniger Fläche darf dabei nicht vorschnell als persönliches Scheitern gelesen werden. Es kann eine Entscheidung sein, mit der ein Betrieb seine verbleibende Arbeit überhaupt erst wirtschaftlich ordnet.
Herkunft braucht Spielraum
Gegen Rodung spricht freilich mehr als Sentimentalität. Wer Wein vom Ursprung her denkt, kann Rebflächen nicht nur als Produktionskapazität betrachten. An ihnen hängen Landschaft, Können und regionale Eigenart. Ich möchte deshalb weder jede Fläche um jeden Preis verteidigen noch ihren Verlust zur nüchternen Selbstverständlichkeit erklären. Entscheidend ist, welche Perspektive dem Betrieb bleibt – nicht, ob seine Entscheidung in eine Fortschritts- oder Untergangserzählung passt.
Derselbe Maßstab verbindet unsere Beiträge über Merlot in Deutschland und arbeitssparende Weinbergstechnik. Die internationale Rebsorte ist nicht schon deshalb die richtige Wahl, weil wärmere Jahre sie denkbar machen. Eine Maschine ist nicht schon deshalb eine Entlastung, weil sie einen Arbeitsgang übernimmt. Es kommt darauf an, was am konkreten Standort gelingt, welche Handarbeit verbleibt und ob das Ergebnis zum Betrieb passt.
Das klingt weniger verheißungsvoll als die nächste große Lösung. Gerade darin liegt seine Stärke. Anpassung ist keine Abkehr von Herkunft. Sie kann deren Voraussetzung sein.
Fortschritt muss etwas leisten
Auch alkoholfreier Wein gehört in diese Betrachtung, nicht an ihren Rand. Beim Geisenheimer Projekt AROMAnoALK wird untersucht, wie Aromastoffe aus fermentiertem Traubentrester die Produktqualität verbessern könnten. Das ist ein Forschungsziel, kein fertiges Qualitätsversprechen. Ich halte diese Unterscheidung für produktiver als die Wahl zwischen pauschaler Begeisterung und grundsätzlicher Abwehr.
Meine These dieser Woche lautet deshalb: Wir sollten Fortschritt weniger daran messen, wie viel Beachtung er findet, und stärker daran, welches Problem er tatsächlich löst. Eine tragfähige Weinwirtschaft braucht besondere Flaschen. Vor allem aber braucht sie Betriebe, die auch jenseits des besonderen Moments bestehen können.
