Der US-Markt ist für deutsche Weinerzeuger nicht einfach durch einen anderen zu ersetzen. Das zeigte schon die Exportbilanz für 2025: Nach Angaben des Deutschen Weininstituts (DWI) sank der Wert der deutschen Weinexporte insgesamt um zwei Prozent auf 377 Millionen Euro. In die USA gingen elf Prozent weniger Wein als im Vorjahr; der Exportwert fiel um 19 Prozent auf 51 Millionen Euro. Das DWI-Exportforum am 28. Oktober 2026 in Oppenheim nahm deshalb unter anderem Schweden und Finnland in den Blick. Die entscheidende Frage ist nicht, welches Land die USA ablösen kann, sondern welche Märkte zu Produkt, Kapazität und Vertriebsmodell eines Betriebs passen.
Die nordischen Länder bieten dabei keine einheitliche Antwort. In der DWI-Statistik für 2024 lag der Exportwert deutschen Weins nach Schweden bei 17 Millionen Euro, nach Finnland bei 13 Millionen Euro. Die Mengen entwickelten sich unterschiedlich: Schweden verzeichnete gegenüber 2023 einen Rückgang um 10,5 Prozent auf 72.000 Hektoliter, Finnland einen Zuwachs um 6,4 Prozent auf 47.000 Hektoliter. Ein Vergleich mit dem US-Geschäft braucht zudem Augenmaß: Die USA bleiben für Deutschland ein wesentlich größerer Einzelmarkt, während die nordischen Länder jeweils eigene Handelsstrukturen haben.
Der Zugang läuft über andere Türen
In Schweden und Finnland prägen staatliche Einzelhandelsmonopole den Verkauf von Wein. In Schweden ist das Systembolaget der zentrale Einzelhändler für alkoholische Getränke oberhalb bestimmter Alkoholgrenzen; in Finnland übernimmt Alko eine entsprechende Rolle. Für ein Weingut bedeutet das: Der Markteintritt erschöpft sich nicht darin, einen Importeur zu finden und eine Preisliste zu verschicken. Produkte müssen in die jeweiligen Beschaffungs- und Listungsverfahren passen. Lieferfähigkeit, Kalkulation, Produktinformationen und die Fähigkeit, auf Ausschreibungen zu reagieren, werden Teil der Exportarbeit.
Das Systembolaget beschreibt die Zulassung von Lieferanten als eigenen mehrstufigen Prozess: Unternehmen benötigen unter anderem bestimmte Genehmigungen und müssen Produktdaten über vorgesehene Systeme bereitstellen. Auch Alko veröffentlicht Vorgaben für Lieferanten und die Listung von Produkten. Solche Verfahren schaffen einen vergleichsweise klar geregelten Zugang, garantieren aber weder eine Aufnahme ins Sortiment noch dauerhaft bestellte Mengen. Ein lokaler Importeur oder eine erfahrene Agentur kann die Abläufe erleichtern; die Verantwortung für passende Produkte, zuverlässige Lieferungen und wirtschaftliche Konditionen bleibt beim Betrieb.
Der US-Markt: größer, aber nicht einfacher
Das US-Geschäft ist strukturell anders: Importeur und Vertriebspartner sind wichtige Bindeglieder, zugleich ist der Absatz über mehrere Ebenen und regionale Märkte organisiert. Hinzu kommen Zoll- und Wechselkursrisiken sowie Aufwand für Logistik, Kommunikation und die Betreuung von Handel und Gastronomie. Die jüngsten DWI-Zahlen zeigen, wie schnell sich politische und wirtschaftliche Bedingungen in der Bilanz niederschlagen können: 2025 sank der durchschnittliche Ab-Hof-Exportpreis deutscher Weine in die USA laut Institut um 41 Cent auf 4,43 Euro je Liter.
Ein Markt mit größerem Umsatzpotenzial verlangt nicht automatisch weniger Arbeit. Betriebe müssen prüfen, ob sie größere Liefermengen verlässlich bedienen können, ob ein Partner ihre Weine tatsächlich positioniert und ob der erzielbare Erlös die Kosten von Vertrieb und Betreuung trägt. In Schweden oder Finnland wiederum kann ein überschaubareres Geschäft mit spezifischen Anforderungen an Ausschreibungen und Sortiment verbunden sein. Für kleine Weingüter ist daher nicht allein die Einwohnerzahl entscheidend, sondern auch, ob sie Personal und Zeit für Marktaufbau, Übersetzungen, Dokumentation und regelmäßigen Kontakt aufbringen können.
Diversifizieren heißt auswählen
Das DWI-Forum kündigte Schweden und Finnland als Schwerpunkte an und bot Gespräche mit Marktansprechpartnern an. Detaillierte Ergebnisse der Veranstaltung liegen in den geprüften Unterlagen nicht vor. Doch die verfügbaren Zahlen und die unterschiedlichen Marktzugänge machen schon deutlich: „Norden“ ist keine fertige Exportstrategie. Schweden und Finnland müssen einzeln betrachtet werden – ebenso wie einzelne US-Regionen und Vertriebspartner.
Für eine belastbare Planung 2027 heißt das, Chancen nicht mit einer pauschalen Ersatzmarkt-Erzählung zu verwechseln. Exportdiversifizierung kann die Abhängigkeit von einem einzelnen Absatzland verringern. Sie verteilt aber auch Aufwand: Jeder zusätzliche Markt verlangt Ansprechpartner, passende Angebote und eine realistische Einschätzung der eigenen Lieferfähigkeit. Die nüchterne Leitfrage lautet deshalb nicht, wo der US-Umsatz eins zu eins ersetzt werden kann, sondern welche Beziehungen ein Weingut dauerhaft pflegen kann – und welche Aufträge sich für seinen Betrieb tatsächlich rechnen.
