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    Uruguay ohne Tannat-Tunnelblick

    Tannat ist in Uruguay keine bloße Visitenkarte für den Export: Die Sorte nimmt auch im heimischen Weinberg den größten Platz ein. Doch die Bestandsaufnahme für 2025 zeigt ein Land, dessen Rebsortenprofil deutlich breiter ist, als das Etikett „Tannat-Land“ vermuten lässt. Neben dem kraftvollen Rotwein stehen weiße Sorten, Bordeaux-Klassiker und jüngere französische Kreuzungen – nicht alle gleich groß, aber längst mehr als eine Randnotiz.

    Was die Rebflächen verraten

    Der Jahresbericht des uruguayischen Weinbauinstituts INAVI zählt 2025 insgesamt 5.798 Hektar Rebfläche. Davon entfielen rund 1.536 Hektar oder 26,5 Prozent auf Tannat. Die nächstgrößeren Sorten erzählen eine andere Geschichte: Moscatel de Hamburgo und Merlot kommen auf knapp 995 beziehungsweise 577 Hektar; Ugni Blanc steht auf gut 581 Hektar. Bei den roten Sorten folgen Cabernet Sauvignon, Marselan und Cabernet Franc. Albariño erreicht 141 Hektar, Sauvignon Blanc gut 143.

    Die Zahlen setzen den Begriff „Vielfalt“ ins Verhältnis. Albariño ist ein sichtbarer Teil der Entwicklung, aber keine flächendeckende Alternative zu Tannat. Marselan wiederum ist mit knapp 218 Hektar keine exotische Fußnote mehr: 3,76 Prozent der Rebfläche weist INAVI für die Sorte aus. Was im internationalen Gespräch als Entdeckung erscheint, kann im Herkunftsland bereits eine substanzielle, wenn auch kleinere Rolle spielen.

    Atlantik statt Schablone

    Uruguays Weinbau ist von einem feuchten, subtropischen Klima mit maritimem Einfluss geprägt. Das ist kein einheitlicher „Atlantikstil“: INAVI unterscheidet Regionen mit verschiedenen Temperaturen, Höhenlagen und Niederschlagsbedingungen. Im Süden liegt das Zentrum des Weinbaus; im Osten, in Maldonado, prägen die Nähe zum Meer und eine größere geologische Vielfalt die Bedingungen. Für Winzer bedeutet ein feuchtes Klima zugleich Aufmerksamkeit im Weinberg: Reife, Regen und Pilzdruck lassen sich nicht aus einer Rebsortenbeschreibung allein ableiten.

    Albariño passt als galicische Sorte in die Erzählung vom Atlantik, doch die geografische Verwandtschaft ist kein Qualitätsversprechen. Entscheidend bleiben Parzelle, Lesezeitpunkt und Ausbau. INAVI führt Albariño als aufstrebende weiße Sorte; Weingüter wie Garzón bauen sie in Maldonado an. Auch Sauvignon Blanc, Chardonnay und Viognier gehören zu den weißen Möglichkeiten. Sie stehen für unterschiedliche Ansätze, nicht für ein einziges nationales Geschmacksbild.

    Marselan und die zweite Reihe

    Bei den Roten lohnt der Blick auf Marselan und Cabernet Franc. Marselan entstand 1961 aus einer Kreuzung von Cabernet Sauvignon und Grenache. Das Weingut Juanicó nennt den späten Einsatz von Holz bei seinem Marselan als bewusste Entscheidung – ein Beispiel dafür, wie eine Sorte nicht zwingend nach dem vertrauten Muster schwerer, stark ausgebauter Rotweine behandelt werden muss. Cabernet Franc ist ebenfalls relevant: 2025 standen davon rund 204 Hektar im Register.

    Das heißt nicht, dass diese Sorten Tannat verdrängen. Tannat bleibt mit großem Abstand die wichtigste rote Rebsorte und prägt die internationale Wahrnehmung. Sinnvoller ist, die übrigen Pflanzungen als Ergänzung und als Versuch zu lesen, unterschiedliche Standorte und Stile auszudrücken. Der Rebflächenbericht misst Anbau, nicht Qualität oder Nachfrage; aus Hektarzahlen allein lässt sich kein Sieger küren.

    Was davon hier ankommt

    Im deutschsprachigen Handel ist die Auswahl nicht nur theoretisch. Albariño aus Uruguay findet sich etwa im Sortiment deutscher Händler; auch spezialisierte Importeure führen Weine aus dem Land. Das belegt Zugänglichkeit, aber noch keine breite Präsenz in Gastronomie oder Fachhandel. Ein einzelner Online-Katalog kann nicht zeigen, wie regelmäßig Flaschen verfügbar sind oder wie stark Käuferinnen und Käufer nach ihnen suchen.

    Uruguay jenseits des Tannat-Tunnelblicks ist deshalb keine Geschichte vom Ende eines Monopols. Es ist eine Bestandsaufnahme eines kleinen, diversifizierten Weinlands: Tannat gibt den Takt vor, während Albariño, Marselan, Cabernet Franc und weitere Sorten konkrete, unterschiedlich große Kapitel hinzufügen. Wer das Land verstehen will, sollte nicht nur nach der berühmten roten Traube fragen, sondern auch danach, wo und warum andere Sorten ihren Platz finden.