Kategorie: Weingüter

  • Julia Lübcke: Veränderung mit Herkunft

    Julia Lübcke: Veränderung mit Herkunft

    Drei historische Träger, drei Flusstäler, ein gemeinsamer Betrieb: Die Bischöflichen Weingüter Trier bündeln Weinbergsbesitz der Hohen Domkirche, des Bischöflichen Priesterseminars und des Bischöflichen Konvikts. 1966 wurden die Güter organisatorisch zusammengeführt. Seit 2020 steht Julia Lübcke an der Spitze. Im November 2026 würdigte der VINUM Weinguide die Entwicklung und nannte den Betrieb „Aufsteiger des Jahres“ – eine Auszeichnung des Weinführers, nicht das redaktionelle Urteil dieses Porträts.

    Was sich an Veränderung belegen lässt, ist weniger eine einzelne große Geste als eine Reihe konkreter Entscheidungen. Sie reichen von der gemeinsamen Vermarktung über neue Akzente bei der Kellerarbeit bis zur Frage, wie sich Ressourcen im Alltag des Betriebs einsparen lassen.

    Drei Herkunftsräume, ein Betrieb

    Die Geschichte des Hauses ist jünger als die lange Tradition seiner einzelnen Träger. Das Priesterseminar wurde 1773 gegründet, das Konvikt 1840, die Hohe Domkirche als eigenständige Körperschaft 1851. Aus ihren Weinbergen entstand 1966 die gemeinsame Verwaltung der Bischöflichen Weingüter. Die drei Ursprünge sind bis heute Teil der Identität – und eine Aufgabe für eine Leitung, die unterschiedliche Besitzgeschichten in eine betriebliche Gegenwart übersetzen muss.

    Die Reben verteilen sich auf Mosel, Saar und Ruwer. Zu den bekannten Herkunftsnamen zählen „Scharzhofberg“, „Trittenheimer Apotheke“, „Kaseler Nies’chen“ und „Piesporter Goldtröpfchen“. Die Weingüter nennen mehr als 130 Hektar Rebfläche in 160 Parzellen. Solche Größenordnungen machen die Koordination von Außenbetrieb, Keller und Vermarktung zu einem wesentlichen Teil der Arbeit. Die Landschaft ist keine einheitliche Kulisse: Die drei Flusstäler und ihre Weinberge geben dem Betrieb unterschiedliche Herkünfte, die in der Arbeit zusammengeführt werden müssen, ohne sie gleichzumachen.

    Veränderung braucht überprüfbare Schritte

    Als Lübcke 2020 ihre Arbeit aufnahm, kündigte sie einen Modernisierungsplan an. Nach damaliger Mitteilung des Bistums sollte er Management und Controlling, Weinbereitung sowie Vermarktung und Repräsentation umfassen. Der Plan sollte gemeinsam mit Fachleuten und dem Team entwickelt werden. Was davon intern wie umgesetzt wurde, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Angaben nicht vollständig rekonstruieren. Ein konkretes Beispiel ist dagegen dokumentiert: leichtere Weinflaschen.

    Die Weingüter senkten nach Angaben des Bistums das durchschnittliche Flaschengewicht von 511 Gramm im Jahr 2019 auf 451 Gramm. Lübcke begründete den Schritt damit, dass für leichtere Flaschen weniger Rohmaterial, Energie in der Herstellung und Transportressourcen nötig seien. Das ist eine messbare Änderung an einem alltäglichen Teil der Produktion – kein Beleg dafür, dass damit die gesamte Klimabilanz des Betriebs gelöst wäre. Die Weingüter benannten selbst auch Grenzen: Flaschen müssen beim Transport stabil bleiben; außerdem spielen unterschiedliche Formate und Erwartungen an die Verpackung eine Rolle.

    Wissen weitergeben, statt nur zu ersetzen

    Auch im Keller ist Wandel nicht zwangsläufig ein Schnitt mit dem Überlieferten. Im VINUM Weinguide 2026 wurde der Übergang zu einem neuen Kellermeister beschrieben: Stefan Kraml kam Ende 2024 zum Betrieb und verantwortete den Jahrgang 2024 gemeinsam mit Johannes Becker, der zuvor lange die Kellerarbeit geleitet hatte. Der gemeinsame Jahrgang macht sichtbar, wie Erfahrung und neue Verantwortung über eine Übergangszeit zusammenwirken können. Mehr lässt sich aus dieser Darstellung nicht sicher über interne Abläufe ableiten – doch sie verweist auf eine Grundfrage großer Betriebe: Wie wird Wissen weitergegeben, bevor Zuständigkeiten wechseln?

    Das ist auch eine Frage der Maßstäbe. Eine Betriebsleiterin kann Aufgaben verteilen und Ziele setzen; die Arbeit im Weinberg und Keller bleibt Teamarbeit. Öffentliche Informationen nennen neben Lübcke eigene Verantwortliche für Keller und Außenbetrieb. Konkrete Zuständigkeiten sind damit sichtbar, nicht aber jede Entscheidung und ihr Ergebnis. Ein Porträt sollte diese Lücke nicht mit erfundenen Einblicken füllen.

    Eine gemeinsame Handschrift, viele Herkünfte

    Die Weine wurden über Jahre stärker unter dem gemeinsamen Namen Bischöfliche Weingüter vermarktet; zuvor standen die einzelnen Träger deutlicher im Vordergrund. Das Haus beschreibt den Zusammenschluss als gemeinsame Marke, die seine Herkunft von Mosel, Saar und Ruwer bündelt. Zugleich verweist der Schriftzug auf den Etiketten auf einen historischen Druckstein von 1902. Tradition bleibt so nicht nur ein rückwärtsgewandtes Erbe, sondern ein sichtbarer Teil des heutigen Auftritts.

    Der Titel von VINUM macht die Entwicklung nun überregional sichtbar. Der Guide begründete seine Auszeichnung mit der Kollektion des Betriebs. Für die Frage, wie Veränderung geführt wird, ist aber ebenso wichtig, was sich jenseits eines Preises belegen lässt: ein über Jahrzehnte gewachsener Zusammenschluss, eine Leitung, die Modernisierung als Aufgabe benannte, und einzelne überprüfbare Schritte – vom geringeren Flaschengewicht bis zu einem bewusst gemeinsam gestalteten Übergang im Keller. Wie dauerhaft diese Veränderungen den Betrieb prägen, wird sich an der Arbeit der kommenden Jahrgänge zeigen.

  • Garage Caveau: Welche Betriebsentscheidungen hinter einem neuen Namen stehen

    Garage Caveau: Welche Betriebsentscheidungen hinter einem neuen Namen stehen

    Ein Betrieb kann klein sein, ohne wenige Reben zu bewirtschaften. Genau diese Spannung steckt im Namen Garage Caveau: Martin und Annette Fußer gründeten das Weingut 2022 in Niederkirchen bei Deidesheim. „Garage“ verweist nach ihrer eigenen Erklärung auf kleine Weinmengen und den Anspruch, sich gezielt um einzelne Weinberge zu kümmern. „Caveau“ – französisch für Weinkeller – ergänzt den Namen um eine persönliche Frankophilie, die das Paar ebenfalls als Teil der Gründungsgeschichte beschreibt.

    Der Anlass, genauer hinzusehen, ist die Auszeichnung als „Entdeckung des Jahres“ im VINUM Weinguide Deutschland 2027. Sie macht den Betrieb sichtbar, sagt aber für sich genommen wenig darüber aus, wie ein junges Weingut an Flächen kommt, seine Arbeit organisiert oder Umsätze erzielt. Dafür sind öffentlich zugängliche Informationen bislang lückenhaft.

    Eine kleine Kollektion, mehrere Herkünfte

    Das Weingut führt Riesling und Spätburgunder. Die Riesling-Trauben für den Wein „Mittelhaardt Deutsche Weinstraße“ stammen laut eigener Darstellung aus Forst, Deidesheim und Ruppertsberg. Daneben benennt der Betrieb einzelne Lagenweine, darunter „Forster Musenhang“, „Deidesheimer Paradiesgarten“ und „Ruppertsberger Reiterpfad“. Beim Spätburgunder nennt die Website Weinberge in der Deidesheimer Gemarkung sowie den Wein „Deidesheimer Mäushöhle“.

    Für die Kellerarbeit beschreibt Garage Caveau eine natürliche Vergärung sowie den Verzicht auf Schönung und Filtration bei mehreren Weinen. Das sind Angaben des Betriebs, keine unabhängig geprüfte Beschreibung sämtlicher Jahrgänge oder Produktionsschritte. Auch eine Zertifizierung oder Mitgliedschaft in einem biodynamischen Verband lässt sich aus den herangezogenen Informationen nicht sicher ableiten.

    Fläche ist nicht gleich eigene Weinmenge

    Der VINUM Weinguide skizziert ein ungewöhnliches Verhältnis: 35 Hektar Pachtflächen, davon drei Hektar für die eigenen Weine, bei einer Jahresproduktion von höchstens 5000 Flaschen. Diese Zahlen stammen aus dem redaktionellen Text des Guides; öffentlich zugängliche Betriebsangaben, mit denen sich Flächenumfang und Mengen unabhängig bestätigen ließen, waren nicht auffindbar. Sie sind deshalb als dort genannte, nicht separat verifizierte Angaben zu behandeln.

    Sollte die Trennung zwischen bewirtschafteter Fläche und eigener Weinproduktion zutreffen, wäre sie eine zentrale Betriebsentscheidung: Ein größerer Umfang an Weinbergsarbeit führt dann nicht automatisch zu einem entsprechend breiten eigenen Sortiment. Welche Flächen wie genutzt werden, ob Trauben oder andere Erzeugnisse aus dem Pachtbestand verkauft werden und welche Kosten- und Erlösstruktur dahintersteht, ist öffentlich nicht dokumentiert. Auch zu Beschäftigten, Ernteorganisation und Vertriebswegen liegen keine belastbaren Angaben vor.

    Ein Profil, keine vollständige Bilanz

    Das bislang erkennbare Profil entsteht aus wenigen Rebsorten, benannten Parzellen und dem erklärten Fokus auf kleine Mengen. Die Gründungsgeschichte erzählt zugleich von einem neuen Betrieb nach der Trennung vom Familienunternehmen, wie der VINUM Weinguide berichtet. Eine detaillierte, unabhängig belegte Darstellung der Übergänge – etwa zu Verträgen, Ausstattung oder Personal – gibt es jedoch nicht.

    Damit bleibt Garage Caveau ein aufschlussreiches Beispiel für eine Betriebsform, deren wirtschaftliche Logik sich nicht allein am Etikett oder an der Zahl der bewirtschafteten Hektar ablesen lässt. Die kleine eigene Kollektion und die im Guide genannten größeren Pachtflächen könnten unterschiedliche Aufgaben erfüllen; wie genau, lässt sich ohne weitere Auskünfte nicht seriös beziffern. Die Auszeichnung liefert den Anlass für die Aufmerksamkeit. Die Betriebsbilanz ist noch nicht öffentlich erzählt.

  • Wer einen Betrieb führt, soll auch für ihn sprechen

    Wer einen Betrieb führt, soll auch für ihn sprechen

    Heute öffnet im Château de Rolle am Genfersee DiVINes!, der Schweizer Salon für Winzerinnen. Vom 5. bis 7. November kommen Frauen aus verschiedenen Weinbauregionen zusammen, um ihre Betriebe und Weine vorzustellen. Die Liste der Teilnehmerinnen nennt Winzerinnen, Eigentümerinnen, Önologinnen und weitere Fachleute. Sie macht sichtbar, wie vielfältig die Arbeit im Wein ist – beantwortet aber nicht automatisch die Frage, wer im Betrieb tatsächlich das letzte Wort hat.

    Genau dort beginnt die journalistisch interessantere Frage: Wer besitzt den Betrieb, wer trägt die wirtschaftliche Verantwortung, wer entscheidet über Reben, Keller und Verkauf? Und wenn ein Familienbetrieb übergeben wird: Wer gilt als mögliche Nachfolgerin oder möglicher Nachfolger? Eine Frau am Stand ist nicht zwangsläufig Eigentümerin; eine Eigentümerin muss nicht zugleich die operative Leitung innehaben. Diese Rollen auseinanderzuhalten, ist keine Spitzfindigkeit. Es geht um die Verteilung von Vermögen, Verantwortung und Entscheidungsmacht.

    Sichtbarkeit ist nicht gleich Verfügungsmacht

    DiVINes! findet seit 2021 in Rolle statt. 2026 dauert der Salon erstmals drei Tage; als Ehrengäste sind Schweizer Bäuerinnen und Landwirtinnen angekündigt. Die Veranstalterinnen führen auf ihrer Website Frauen mit sehr unterschiedlichen beruflichen Bezeichnungen und Betriebsnamen auf. Swiss Wine Vaud beschreibt das Format als Treffpunkt für Winzerinnen, Önologinnen, Weinhändlerinnen und Eigentümerinnen. Das ist ein breites Bild der Branche, aber noch keine Auskunft darüber, wie die einzelnen Unternehmen organisiert sind.

    Der Unterschied zwischen Sichtbarkeit und Verfügungsmacht ist für den Blick auf Weingüter zentral. Ein Betrieb kann familiär geprägt sein, ohne dass alle Angehörigen über Eigentum oder strategische Fragen gleichberechtigt entscheiden. Umgekehrt kann eine Betriebsleiterin Entscheidungen verantworten, obwohl Besitzanteile anders verteilt sind. Ohne Gespräche und konkrete Angaben lässt sich daraus weder ein allgemeines Muster für Schweizer Weingüter noch eine individuelle Geschichte ableiten.

    Die Fragen hinter dem Namen am Stand

    Ein belastbarer Bericht müsste deshalb bei den einzelnen Betrieben nachfragen: Wem gehören Rebflächen, Gebäude und Keller? Wer trägt Investitions- und Absatzrisiken? Wer bestimmt über Bewirtschaftung, Ausbau und Vermarktung? Und wie wird eine Übergabe vorbereitet – durch Erbfolge, Verkauf oder eine andere Lösung? Antworten wären den jeweiligen Gesprächspartnerinnen zuzuordnen und, wo nötig, mit weiteren Beteiligten oder öffentlich zugänglichen Betriebsangaben abzugleichen.

    Die veröffentlichte Teilnehmerinnenliste erlaubt eine erste Auswahl möglicher Gesprächspartnerinnen, nicht aber die Behauptung, eine bestimmte Frau sei Eigentümerin oder treffe allein die Entscheidungen. Auch eine persönliche Darstellung auf der Messe ersetzt nicht die Prüfung, wie Zuständigkeiten im Betrieb verteilt sind. Diese Grenze ist wichtig: Ein Porträt über eine Winzerin kann Anerkennung schaffen, aber die Macht- und Besitzverhältnisse ihres Unternehmens unsichtbar lassen.

    Ein Salon, ein Recherchefenster

    Die Gemeinde Rolle bestätigt das Datum und den Ort, die Veranstalterinnen veröffentlichen Öffnungszeiten und Teilnehmerinnen. Diese Informationen belegen den Anlass und seine Ausrichtung. Zu Eigentumsstrukturen, Entscheidungsrechten oder Nachfolgeregelungen der einzelnen Weingüter geben die genannten öffentlichen Angaben jedoch keine Auskunft. Deshalb wäre es verfrüht, aus dem Programm bereits Schlüsse über die Stellung von Frauen im Schweizer Weinbau zu ziehen.

    Der Salon eröffnet vielmehr ein konkretes Recherchefenster: Wer den Betrieb führt, sollte auch Gelegenheit bekommen, über seine wirtschaftliche und strategische Verantwortung zu sprechen. Nicht als Symbolfigur für Sichtbarkeit, sondern als Auskunftsperson zu Arbeit, Besitz und Zukunft des Weinguts. Für einen Bericht, der diese Fragen ernst nimmt, braucht es direkte Gespräche – und Antworten, die über den Messestand hinausreichen.

  • Emrich-Schönleber: Was hinter der Auszeichnung steckt

    Emrich-Schönleber: Was hinter der Auszeichnung steckt

    Der VINUM Weinguide Deutschland 2027, seit dem 3. November 2026 erhältlich, zeichnet Emrich-Schönleber als Weingut des Jahres aus. Der Titel ist ein aktueller Anlass, aber keine Erklärung für den Betrieb. Die führt nach Monzingen an der Nahe: zu einer Familie, die aus einem gemischten Landwirtschaftsbetrieb ein auf Riesling ausgerichtetes Weingut formte – und sich auch heute nicht nur an dem orientiert, was sich am leichtesten verkaufen ließe.

    Vom Mischbetrieb zum Weingut

    Weinbau in der Familie Emrich ist laut der betriebseigenen Chronik seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt. In den 1960er Jahren sicherte Landwirtschaft neben Viehhaltung den Betrieb gegen die Risiken des Weinbaus ab. Zwischen 1965 und 1985 wurde daraus schrittweise ein reines Weingut; die Rebfläche wuchs nach Angaben des Hauses von etwa zwei auf zehn Hektar. Werner Schönleber setzte den Ausbau fort. 1994 trat der Betrieb dem VDP bei.

    Seit 2018 liegt die alleinige Verantwortung bei Frank Schönleber, der den Betrieb zuvor mit seinem Vater Werner geführt hatte. Die Arbeitsteilung bleibt familiär: Werner bringt seine langjährige Erfahrung im Außenbetrieb ein, Frank verantwortet Keller und Weinbauentscheidungen. Hanne Schönleber betreut vor allem Verkauf und Privatkunden; Anja Schönleber unterstützt Büro und Buchhaltung. Diese Rollen schildert die Familie selbst – sie geben Einblick in eine Organisation, in der Weinberg, Keller und Kundenkontakt nicht als getrennte Welten erscheinen.

    Der Hang als langfristige Aufgabe

    Der Halenberg ist mehr als ein Name auf dem Etikett. Frank Schönleber sagt im VDP-Interview, der Familie gehörten mehr als 60 Prozent der VDP.GROSSEN LAGE. Einen großen Teil habe sie nach jahrzehntelanger Verbuschung rekultiviert. Das ist eine langfristige Entscheidung: Flächen zurückzugewinnen verlangt Arbeit, bevor daraus wieder Ertrag werden kann. Der Betrieb führt außerdem die Lagen Frühlingsplätzchen und Auf der Ley in Monzingen sowie den Monzinger Niederberg.

    Die VDP-Angaben nennen 22,8 Hektar Rebfläche und Riesling als mit Abstand wichtigste Rebsorte. Die eigene Chronik spricht von rund 22 Hektar und einem Rieslinganteil von rund 90 Prozent; die Angaben weichen in den Anteilen leicht voneinander ab. Das gemeinsame Bild ist klar: Der Betrieb konzentriert sich stark auf Riesling, ergänzt durch Burgundersorten. Der VDP führt Schiefer, Quarzit und Kiesel als geologische Merkmale der Weinberge.

    Nicht nur dem Markt folgen

    Eine wirtschaftliche Entscheidung lässt sich auch daran ablesen, was ein Betrieb nicht aufgibt. Frank Schönleber beschreibt im VDP-Interview, dass die Nachfrage zunehmend den trockenen Weinen zugutekam. Komplett auf trockene Weine umzustellen, wäre nach seiner Einschätzung wirtschaftlich naheliegend. Trotzdem hält das Haus an fruchtsüßen Spätlesen fest: als Tradition der Nahe, die weiterentwickelt werden soll, statt sie aus dem Sortiment zu streichen.

    Das ist keine Absage an Veränderung. Schönleber spricht von einer feineren Ausrichtung dieser Weine und nennt als weiteres Vorhaben, einen Teil der Orts- und Lagenweine länger im Keller zurückzuhalten. Das bindet Lagerraum und verzögert den Verkauf; wie stark sich das betriebswirtschaftlich auswirkt, lässt sich aus öffentlichen Angaben nicht beziffern. Es zeigt aber, dass Entscheidungen hier nicht allein am kurzfristigen Absatz ausgerichtet werden.

    Auszeichnung und Alltag

    Der Weinguide-Titel würdigt das Haus, ersetzt aber nicht den Blick auf seine Entwicklung: den Umbau vom Mischbetrieb, die Rekultivierung am Halenberg und die Aufgabenverteilung über mehrere Generationen. Emrich-Schönleber ist ein Familienbetrieb, dessen Kontinuität nicht bedeutet, alles unverändert zu lassen. Sie zeigt sich darin, dass ein jüngerer Betriebsleiter Verantwortung übernimmt, während Erfahrung und gewachsene Verpflichtungen im Weinberg präsent bleiben – und dass auch eine weniger gefragte Weinkategorie ihren Platz behalten darf.

  • Wer im Weinführer sichtbar wird – und wer nicht

    Wer im Weinführer sichtbar wird – und wer nicht

    Ein Weinführer zeigt nicht nur, welche Weine seine Redaktion überzeugen. Er entscheidet auch, welche Weingüter überhaupt in den Blick geraten. Wer im Buch steht, bekommt einen Platz auf der gedanklichen Landkarte der Leser. Wer fehlt, bleibt dort zunächst unsichtbar – aus Gründen, die eine Punktzahl allein nicht erklären könnte.

    Der am 3. November 2026 erschienene VINUM Weinguide Deutschland 2027 bietet dafür einen aktuellen Anlass. Nach Verlagsangaben wurden mehr als 10.000 Weine verkostet und rund tausend Weingüter neu beschrieben. Das ist eine umfangreiche Auswahl. Ein vollständiges Verzeichnis des deutschen Weinbaus ist es nicht.

    Die Auswahl beginnt vor dem ersten Glas

    VINUM beschreibt den Zugang als Einladungsverfahren: Im Frühjahr bittet die Redaktion Kandidaten zur Teilnahme. Interessierte Betriebe können sich über eine zentrale Kontaktadresse melden; ihre Anfrage wird an die Redaktion weitergereicht. Damit gibt es einen Weg, selbst auf sich aufmerksam zu machen. Ein Anspruch auf Aufnahme lässt sich daraus nicht ableiten.

    Nach den veröffentlichten Grundsätzen verlangt VINUM keine Verkostungsgebühren; auch die Aufnahme ist laut Verlag nicht kostenpflichtig. Die Betriebe sollen eine repräsentative Kollektion einsenden, vom Basiswein bis zur Jahrgangsspitze. Gebührenfreiheit beseitigt damit eine mögliche finanzielle Zugangshürde. Flaschen auszuwählen, Angaben zusammenzustellen und ein Paket zu versenden, bleibt dennoch Arbeit auf dem Weingut.

    Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Zugang und Urteil: Erst muss ein Betrieb berücksichtigt werden, dann müssen seine Weine auf dem Tisch stehen. Die spätere Bewertung kann nur erfassen, was tatsächlich zur Probe gelangt.

    Blindprobe ist nicht gleich Vollerhebung

    Das Verfahren besteht nach VINUMs Darstellung aus mehreren Stufen. Zunächst werden Weine offen verkostet, also mit bekannter Identität. In regionalen Endrunden folgen für Weine ab einer bestimmten Punktzahl Blindproben; nationale Finalproben dienen dem Vergleich der Spitzen. Der Guide arbeitet somit nicht ausschließlich verdeckt.

    Beides hat unterschiedliche Aufgaben: Die offene Probe soll die Entwicklung eines Betriebs einordnen, die verdeckte den Vergleich ohne sichtbaren Namen ermöglichen. Doch auch eine Blindprobe beantwortet nicht, warum ein anderes Weingut gar nicht eingeladen wurde oder keine Kollektion geschickt hat. Die Fairness der Bewertung und die Breite der Auswahl sind zwei getrennte Fragen.

    Kleine Güter, große Fragezeichen

    Für 2027 erklärt VINUM, Qualität entscheide, nicht Betriebsgröße oder Marketingbudget. Das ist der redaktionelle Maßstab. Ob kleine Familienbetriebe, größere Güter und Genossenschaften entsprechend ihrer jeweiligen Verbreitung vorkommen, lässt sich mit den veröffentlichten Angaben jedoch nicht feststellen. Dafür bräuchte es Vergleichszahlen zu Einladungen, Einsendungen und Aufnahmen nach Betriebsgröße und Betriebsform.

    Auch die Darstellung wäre zu untersuchen: Ein Eintrag allein sagt noch nichts über Textumfang, hervorgehobene Weine oder zusätzliche Aufmerksamkeit durch eine Auszeichnung. Aus der bloßen Zahl der Porträts lässt sich deshalb keine Chancengleichheit ableiten. Ebenso wenig belegt sie eine Benachteiligung kleiner Betriebe.

    Sichtbarkeit ist auch eine Entscheidung des Betriebs

    Wie unterschiedlich Weingüter mit dieser Öffentlichkeit umgehen, zeigen ihre eigenen Veröffentlichungen. Das fränkische Weingut Schäffer meldete im Dezember 2025 die positive Aufnahme seiner Weine im VINUM Weinguide 2026 auf seiner Website. Die Bewertung wird damit Teil der eigenen Kommunikation.

    Das Ingelheimer Wein- und Sektgut Menk betonte dagegen in seiner Angebotsliste vom Mai 2024 Distanz zu Weinführern und verwies auf seine Teilnahme an der Landesweinprämierung Rheinland-Pfalz. Das dokumentiert eine andere Haltung zur Bewertung, aber weder eine Ablehnung durch VINUM noch den Status in der Ausgabe 2027.

    Die wichtigste Leseregel bleibt deshalb schlicht: Ein fehlender Eintrag ist kein belastbares Qualitätsurteil. Ein Weinführer bietet Orientierung innerhalb seiner Auswahl. Wie diese entsteht, gehört zur Aussagekraft des Buches ebenso wie die Punkte im Porträt.