Autor: WEINROOM

  • Der Wein im Werden

    Der Wein im Werden

    Die Hefe hat im frisch gepressten Traubenmost bereits ihre Arbeit aufgenommen, doch die Gärung ist noch nicht abgeschlossen. Zucker wird nach und nach in Alkohol und Kohlensäure umgewandelt; ein Teil des prickelnden Gases entweicht. So entsteht ein Getränk, dessen Charakter sich nicht nur von Erzeuger zu Erzeuger, sondern auch innerhalb weniger Tage verändern kann.

    Die Weinverordnung ordnet Federweißer als teilweise gegorenen Traubenmost ein. Der Name passt zum lebhaften, oft trüben Getränk: Während der Gärung sind Hefezellen in Schwebe. Bei ausschließlich aus roten Trauben erzeugtem Federweißer ist auch die Bezeichnung „Federroter“ zulässig. Regional sind weitere Namen wie Neuer Wein oder Bitzler gebräuchlich.

    Eine Momentaufnahme der Gärung

    Am Anfang steht Most mit viel natürlichem Traubenzucker. Mit fortschreitender Gärung sinkt dessen Anteil, während Alkohol und Kohlensäure entstehen. Der Eindruck wird dadurch weniger süß und stärker von der Gärung geprägt. Das Deutsche Weininstitut beschreibt diesen Prozess als Umwandlung des natürlichen Zuckers durch biologisch aktive Hefen. Ein fixer Geschmack lässt sich daraus nicht ableiten: Rebsorte, Reife der Trauben, Temperatur und Gärungsverlauf prägen jede Partie.

    Gerade diese Veränderlichkeit unterscheidet den Federweißer vom abgefüllten, fertig ausgebauten Wein. Er ist kein unfertiger Wein im Sinne eines misslungenen Produkts, sondern ein eigener, kurzlebiger Zustand. Was in der Flasche an einem Tag noch deutlich süß erscheint, kann später herber und weniger süß wirken. Auch der Kohlensäureeindruck verändert sich, wenn Gas entweicht und die Gärung weiterläuft.

    Die Flasche arbeitet weiter

    Federweißer wird üblicherweise nicht luftdicht verschlossen. Die entstehende Kohlensäure braucht einen Weg nach draußen; deshalb haben Flaschen oft einen speziellen Verschluss oder werden mit locker sitzendem Deckel angeboten. Eine fest verschlossene Flasche kann durch den Gärdruck gefährlich werden. Beim Transport sollte sie aufrecht stehen, damit möglichst wenig Flüssigkeit austritt.

    Kühle Lagerung bremst die Gärung, hält sie aber nicht an. Wer den aktuellen Stand bewahren möchte, sollte die Flasche deshalb kühl stellen und zeitnah trinken. Wie lange sie sich hält, hängt davon ab, wie weit die Gärung bereits fortgeschritten ist und wie sie gelagert wird. Die Herstellerangaben auf der Flasche sind dabei maßgeblich.

    Herbstbegleiter mit eigener Dramaturgie

    Zum Federweißer gehören häufig herzhafte Speisen wie Zwiebelkuchen. Das Zusammenspiel ist nachvollziehbar: Die Süße und die lebendige Kohlensäure treffen auf würzige, salzige und oft gehaltvolle Komponenten. Doch der neue Wein muss nicht auf eine klassische Kombination festgelegt werden. Entscheidend ist, dass er kühl serviert und die Flasche nach dem Öffnen nicht lange warm stehen gelassen wird.

    Der Reiz liegt weniger in Beständigkeit als im Wandel. Federweißer zeigt Gärung nicht als verborgenen Kellerprozess, sondern unmittelbar im Glas: als Süße, die nachlässt, und als Kohlensäure, die sich bemerkbar macht. Er markiert den Übergang von der Lese zum fertigen Jahrgang – ein flüchtiges Kapitel, das mit jeder Flasche anders weit fortgeschritten sein kann.

  • Was eine Weinprobe messen kann – und was nicht

    Was eine Weinprobe messen kann – und was nicht

    Eine Weinprobe scheint zunächst eine einfache Sache: probieren, beschreiben, bewerten. Doch dieselbe Probe kann sehr verschiedene Fragen beantworten – und die Antworten sind nicht austauschbar. Geht es darum, ob zwei Weine unterscheidbar sind? Um die Merkmale, die ein geschultes Panel wahrnimmt? Oder darum, welcher Wein einer bestimmten Gruppe besser gefällt? Für jede Frage braucht es ein passendes Verfahren.

    Die 15. Deutschen Sensoriktage der Deutschen Gesellschaft für Sensorik finden am 5. und 6. November 2026 an der Hochschule Geisenheim statt. Das Programm des heutigen Veranstaltungstags umfasst unter anderem Vorträge zu Sensorik und Riesling im Klimawandel sowie zur Wahrnehmung von Getränken. Der Anlass führt zu einer grundlegenden Frage für Weinbau, Handel und Vermittlung: Was genau kann eine Verkostung messen – und wo beginnt das Urteil?

    Erst die Frage, dann die Probe

    Sensorische Analyse ist die systematische Untersuchung von Produkten mit den menschlichen Sinnen. Das klingt abstrakter als die vertraute Weinprobe, beschreibt aber den entscheidenden Unterschied: In einer Untersuchung werden vorab eine Frage, ein Verfahren und möglichst klare Bedingungen festgelegt. Proben können etwa codiert werden, damit Namen, Herkunft oder Preis die Erwartung nicht unmittelbar steuern. Einheitliche Gläser, Mengen, Temperaturen und eine wechselnde Reihenfolge helfen, Störeinflüsse klein zu halten.

    Ein Unterschiedstest fragt, ob Menschen zwei Proben zuverlässig auseinanderhalten können. Ein Dreieckstest etwa gibt drei Gläser aus: Zwei enthalten denselben Wein, eines einen anderen. Die Aufgabe lautet nicht, den besseren zu wählen, sondern die abweichende Probe zu erkennen. Das Ergebnis sagt etwas über eine wahrnehmbare Differenz unter diesen Testbedingungen. Es sagt weder, wie groß die Differenz im Alltag wirkt, noch welcher Wein bevorzugt wird.

    Beschreiben ist nicht bewerten

    Bei einer beschreibenden Analyse arbeitet ein geschultes Panel mit einem festgelegten Vokabular. Die Prüfenden erfassen, welche Merkmale wahrnehmbar sind und wie stark sie ausgeprägt erscheinen. Ein solches Profil kann beispielsweise helfen, Proben innerhalb eines Versuchs zu vergleichen. Die Beschreibung ist dabei keine freie Sammlung möglichst blumiger Notizen: Begriffe müssen für das Panel verständlich und möglichst einheitlich verwendet werden.

    Das macht die Wahrnehmung nicht zu einer chemischen Messung. Ein Panel beschreibt, wie ein Produkt sinnlich erscheint; Laboranalysen können dagegen bestimmte Inhaltsstoffe oder Eigenschaften instrumentell bestimmen. Beide Zugänge können sich ergänzen, beantworten aber unterschiedliche Fragen. Auch eine präzise sensorische Beschreibung ist kein vollständiges Urteil über Herkunft, handwerkliche Qualität oder kulturelle Bedeutung eines Weins.

    Gefallen braucht andere Prüfende

    Die Frage „Welcher Wein schmeckt besser?“ ist eine hedonische Frage – hedonisch bedeutet auf Gefallen oder Missfallen bezogen. Dafür werden Verbraucherinnen und Verbraucher aus der Zielgruppe befragt, nicht bloß trainierte Fachpanels. Eine Norm zur Sensorik unterscheidet ausdrücklich solche Akzeptanz- und Präferenztests von Verfahren zur objektivierten Prüfung von Produkteigenschaften. Entscheidend ist, wer befragt wird: Eine kleine, gezielt ausgewählte Gruppe liefert kein automatisches Urteil über alle Weintrinkenden.

    Vorlieben hängen zudem vom Kontext ab. Anlass, Speisen, Gesellschaft, Preiswissen und Etikett können die Bewertung mitprägen. Ein blind erhobenes Gefallensurteil beantwortet deshalb eine andere Frage als die Verkostung im Laden oder bei einer Weinprobe mit sichtbarer Flasche. Keine dieser Situationen ist grundsätzlich falsch; sie bilden verschiedene Erfahrungen ab.

    Was eine Note leisten kann

    Punktzahlen verdichten ein Urteil, aber sie machen es nicht universell. Eine Note kann innerhalb eines Wettbewerbs oder einer Redaktion Orientierung geben, sofern nachvollziehbar ist, wer nach welchen Kriterien bewertet hat. Ohne diese Angaben bleibt offen, ob die Zahl eine sensorische Abweichung, persönliche Begeisterung, formale Fehlerfreiheit oder eine Mischung davon ausdrückt.

    Für die Weinvermittlung folgt daraus eine praktische Regel: Beschreibungen, Qualitätsurteile und Vorlieben klar auseinanderhalten. Wer einen Wein erklärt, sollte sagen, ob eine Aussage auf einer standardisierten Prüfung, einer persönlichen Einschätzung oder einer Verbraucherbefragung beruht. So wird die Probe nicht kleiner, sondern verständlicher: Sie kann Unterschiede ordnen und Wahrnehmung schärfen. Was Menschen daraus machen, bleibt mehr als eine Zahl im Bewertungsbogen.

  • Wie viel Aufpreis erzielt die größere Flasche?

    Wie viel Aufpreis erzielt die größere Flasche?

    Am Samstag, 7. November, wird im Museum Römerhalle in Bad Kreuznach wieder gesteigert: Die VDP.Nahe lädt zur Weinversteigerung mit Weingütern von der Nahe, der Ahr, aus Rheinhessen und der Pfalz. Die Vorprobe ist für den Vormittag angekündigt, um 13 Uhr soll die sogenannte nasse Versteigerung beginnen. Im Angebot: 30 Lose von 14 Weingütern – darunter Rieslinge, die in mehr als einem Flaschenformat erscheinen.

    Das wirft eine scheinbar einfache Marktfrage auf: Wie viel mehr bringt die größere Flasche? Eine belastbare Antwort lässt sich nicht aus dem höchsten Zuschlag für eine Magnum oder Doppelmagnum ablesen. Dafür braucht es einen Vergleich, der Weinmenge, Losgröße und möglichst auch Jahrgang und Wein berücksichtigt. Die Ergebnisse liegen am Redaktionsstichtag noch nicht vor.

    Der Literpreis ist der gemeinsame Nenner

    Der erste Rechenschritt ist schlicht: Zuschlag durch die insgesamt angebotene Weinmenge teilen. Bei einem Los mit einer Flasche zu 0,75 Litern wird der Preis durch 0,75 geteilt; bei einer 1,5-Liter-Magnum durch 1,5. Bei mehreren Flaschen zählt die Gesamtmenge des Loses. So entsteht ein Zuschlagspreis je Liter, der sich zwischen Formaten vergleichen lässt.

    Für den relativen Aufpreis wird anschließend der Literpreis des größeren Formats mit dem des kleineren verglichen. Liegt der Literpreis der Magnum beispielsweise 20 Prozent höher, wäre das – bei sonst gleichen Bedingungen – ein Aufschlag von 20 Prozent pro Liter. Das ist eine Rechenmethode, keine Prognose für die Auktion. Außerdem muss klar sein, ob es um den reinen Zuschlag oder um den Betrag einschließlich Kommission, Steuern und weiterer Kosten geht. Verschiedene Preisbasen dürfen nicht vermischt werden.

    Gleicher Wein, gleicher Jahrgang?

    Der Katalog bietet Ansatzpunkte, aber nicht automatisch einen sauberen Versuch. So sind „Auf der Ley Riesling GG“ von Emrich-Schönleber und „Final Riesling trocken“ von Schäfer-Fröhlich jeweils für 2025 in 0,75-Liter-Flaschen, Magnum und Doppelmagnum aufgeführt. Bei „Brücke Riesling GG“ von Dönnhoff stehen der 2025er in der 0,75-Liter-Flasche und als Magnum im Angebot. Solche Kombinationen erlauben einen näheren Vergleich als ein Gegenüberstellen beliebiger Großflaschen.

    Doch selbst innerhalb einer Weinbezeichnung bleibt zu prüfen, ob Jahrgang, konkrete Abfüllung und Losbedingungen übereinstimmen. Eine größere Flasche aus einem anderen Jahrgang ist kein unmittelbarer Vergleich zur kleineren. Auch unterscheiden sich Lose womöglich in der Zahl der angebotenen Flaschen. Eine einzelne Rarität kann einen hohen Zuschlag erzielen; ein Los mit vielen Flaschen folgt möglicherweise einer anderen Bieterdynamik. Das Ergebnis sagt dann nicht nur etwas über das Format aus.

    Rekordpreis ist nicht gleich Format-Aufpreis

    Wie groß dieser Unterschied sein kann, zeigen die vom VDP veröffentlichten Ergebnisse der Nahe-Versteigerung 2025: Für eine 3-Liter-Doppelmagnum des „PETTENTAL Riesling GG“ von Keller wurden 11.000 Euro Zuschlag gemeldet. Das ist eine eindrucksvolle Summe, für sich genommen aber kein Beleg dafür, dass das Großformat pro Liter teurer war. Dafür müsste derselbe Wein – idealerweise aus demselben Jahrgang und unter vergleichbaren Losbedingungen – auch in kleineren Formaten herangezogen werden.

    Ein sinnvoller späterer Vergleich sollte deshalb drei Dinge offenlegen: den Zuschlag pro Los, die enthaltene Flaschenzahl und den daraus berechneten Literpreis. Ergänzend gehören Gebühren und Steuern separat ausgewiesen. Erst dann wird erkennbar, ob größere Flaschen tatsächlich einen höheren Preis je Liter erzielten – oder ob ein hoher Gesamtzuschlag vor allem auf die größere Weinmenge, die Seltenheit des Loses oder besondere Nachfrage zurückgeht.

    Die Auktion in Bad Kreuznach liefert dafür mehrere mögliche Vergleichspaare. Ob sich daraus ein klarer Format-Aufpreis ablesen lässt, entscheidet sich erst mit den Zuschlägen und den vollständigen Losdaten nach der Versteigerung. Bis dahin ist die präzise Antwort: Die größere Flasche kann mehr kosten; ob sie auch je Liter mehr erzielt, muss erst gerechnet werden.

  • Regen oberhalb der Reben: Wer organisiert den Wasserrückhalt?

    Regen oberhalb der Reben: Wer organisiert den Wasserrückhalt?

    Das Wasser kommt oft im falschen Takt: Nach längeren trockenen Phasen kann ein heftiger Regen auf ausgetrocknete, geneigte Böden treffen. Dann läuft ein Teil rasch oberflächlich ab und kann Boden mitreißen, statt dort zu versickern, wo Reben und Landschaft es später gebrauchen könnten. Das Statistische Bundesamt beschreibt das Weinjahr 2026 als von Trockenheit und Hitze geprägt; die zum Herbst veröffentlichte Ernteschätzung ist eine Prognose, keine abschließende Bilanz.

    Wasser länger in der Landschaft zu halten, ist deshalb mehr als eine Frage der Bewirtschaftung einzelner Weinbergszeilen. Wo Regen fällt, wie er über Wege, Wald, Rebflächen und Gräben weiterfließt und an welcher Stelle er gebremst werden kann, hängt oft von mehreren Grundstücken und Zuständigkeiten ab. Genau dort beginnt die organisatorische Arbeit.

    Vom schnellen Ableiten zum verzögerten Abfluss

    In vielen Weinbergsfluren wurden Entwässerungsrinnen so angelegt, dass Niederschlag möglichst rasch aus den Hängen abfließt. Am Geisenheimer Fuchsberg wurde 2023 eine Betonrinne gemeinsam mit den Stadtwerken Geisenheim aufgebrochen und durch ein geschwungenes Gerinne mit Natursteinen ersetzt. Einzelbäume ergänzen die Umgestaltung. Nach Darstellung der Hochschule Geisenheim soll das Wasser dadurch stärker versickern und der Oberflächenabfluss abnehmen. Das ist ein beschriebenes Ziel der Maßnahme, kein Beleg für eine bereits gemessene Wirkung.

    Solche Eingriffe stehen nicht für eine Lösung, die überall passt. Hangneigung, Boden, vorhandene Entwässerung und die Nutzung angrenzender Flächen bestimmen, ob etwa eine Mulde, ein begrünter Abflussstreifen, eine veränderte Rinne oder bessere Bodenbedeckung sinnvoll ist. Begrünte Fahrgassen können die Aufnahmefähigkeit des Bodens unterstützen; Rückhalteräume oder seitliche Ableitungen können Abflussspitzen bremsen. Maßnahmen müssen so geplant werden, dass Wasser nicht einfach auf die nächste Fläche oder in einen gefährdeten Ort verlagert wird.

    Einzugsgebiet statt Parzellengrenze

    Für die Abstimmung braucht es Landnutzende, Kommunen und Fachstellen aus Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Forst und Naturschutz. Ein möglicher Einstieg ist, Abflusswege und Problemstellen gemeinsam im Gelände oder anhand von Karten zu erfassen. Danach lassen sich geeignete Maßnahmen kombinieren und Zuständigkeiten klären. Eingriffe an Gewässern oder am Wasserabfluss können weitere Prüfungen und die Beteiligung zuständiger Behörden erfordern.

    Das Regionalbüro für Natürlichen Klimaschutz Rheinland-Pfalz bot im Oktober 2026 Schulungstage zu Wasserrückhalt im Offenland in Schöneberg und im Wald in Hachenburg an. Die Termine zeigen, dass Wissenstransfer verschiedene Nutzungen zusammenbringen soll; sie belegen für sich genommen aber weder die Umsetzung konkreter Vorhaben noch deren Erfolg. In der Soonwald-Nahe-Region bündelt ein Leitfaden zudem Maßnahmen, Praxisbeispiele und Hinweise auf Ansprechstellen. Sein Grundgedanke: Viele kleine, aufeinander abgestimmte Eingriffe können gemeinsam mehr bewirken als isolierte Einzelmaßnahmen.

    Wer bezahlt – und wer prüft?

    Eine pauschale Kostenaufteilung gibt es nicht. Je nach Fläche, Trägerschaft und Maßnahme kommen unterschiedliche Förderwege infrage; auch Kommunen, Bewirtschafter oder weitere Partner können beteiligt sein. Der Leitfaden der Schwammregion führt Fördermöglichkeiten für Landwirtschaft und Weinbau sowie für kommunale und landschaftliche Maßnahmen auf. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeingültige Finanzierung für ein konkretes Vorhaben ableiten. Vor der Planung müssen deshalb Eigentum, Pflege über die Bauphase hinaus und mögliche Ertrags- oder Flächenverluste geklärt werden.

    Auch die Wirkung ist nicht allein daran abzulesen, ob eine Mulde nach einem Regen Wasser enthält. Für eine belastbare Bewertung wären etwa Beobachtungen zu Abfluss, Erosion und Bodenfeuchte vor und nach der Maßnahme wichtig – möglichst über mehrere Wetterlagen hinweg. Zu den Geisenheimer Beispielen lagen in den herangezogenen Informationen keine unabhängigen Messreihen vor. Wasserrückhalt kann Trockenheit oder Hochwasser nicht verhindern. Er kann aber, standortgerecht geplant und gemeinsam gepflegt, dazu beitragen, Abfluss zu verlangsamen und Wasser länger in der Kulturlandschaft zu halten. Entscheidend ist, dass Weinberg, Wald, Wege und Gemeindegrenzen nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

  • Sangiovese im Jahrgangsvergleich: Welche Fragen wir an die neuen Brunello stellen

    Sangiovese im Jahrgangsvergleich: Welche Fragen wir an die neuen Brunello stellen

    Benvenuto Brunello kehrt vom 19. bis 23. November 2026 nach Montalcino zurück. Der Veranstalter, das Consorzio del Vino Brunello di Montalcino, bestätigt die 35. Ausgabe als Vorschau auf neue Brunello und weitere Weine der Herkunft. Die offizielle Programmseite führt Verkostungen im Chiostro di Sant’Agostino auf; das Consorzio weist zugleich darauf hin, dass das Programm noch in Arbeit ist. Welche Weine und Jahrgänge tatsächlich präsentiert werden, sollte deshalb erst mit einer abschließenden Bestätigung festgeschrieben werden.

    Für die Sangiovese-Leserinnen und -Leser ist die entscheidende Frage nicht, welches Jahr pauschal „besser“ war. Interessanter ist, wie Klima, Höhenlage, Lesezeitpunkt und Entscheidungen im Keller unterschiedliche Antworten innerhalb derselben Herkunft hervorbringen. Noch ist hier eine Vorschau auf die Fragen, nicht auf ein Verkostungsurteil.

    Eine Rebsorte, viele Antworten

    Brunello di Montalcino wird aus Sangiovese gekeltert, der in der Gegend traditionell auch Brunello heißt. Die Herkunft umfasst das Gemeindegebiet von Montalcino; Weinberge liegen in einem deutlich wechselnden Höhenprofil. Schon diese Spannweite legt nahe, Jahrgang nicht als einheitliche Schablone zu behandeln: Wasserverfügbarkeit, Exposition und Reifeverlauf können sich von Standort zu Standort unterscheiden.

    Die erste Frage an die neuen Weine lautet deshalb: Wie wurde mit dem jeweiligen Reifeverlauf umgegangen? 2022 begann mit Trockenheit und Hitze. Das Consorzio meldete Anfang August nach Regenfällen eine Verbesserung der Rebenbedingungen und größere Unterschiede zwischen Tages- und Nachttemperaturen. Dieser Zwischenstand ist kein abschließendes Jahrgangsbild. Er macht aber die Fragen konkret: Wann setzte die Erholung ein, wie unterschiedlich reagierten die Lagen, und wie wurde der Erntezeitpunkt gewählt?

    Was eine Riserva zusätzlich erzählt

    Ein Vergleich mit einer Riserva verlangt eine zweite Unterscheidung: Nicht allein das Wetter trennt die Weine, sondern auch Selektion und Zeit. Das Brunello-Regelwerk schreibt für die normale Abfüllung mindestens zwei Jahre Ausbau in Eiche und eine Freigabe ab dem 1. Januar des fünften auf die Ernte folgenden Jahres vor. Für Riserva gelten längere Fristen. Die Bezeichnung ist damit mehr als ein anderer Jahrgangsname; sie verweist auf eine eigenständige Auswahl und längere Reifung.

    Der Consorzio-Bericht zur 2021er Ernte beschreibt unter anderem eine kalte Frühjahrsphase mit Spätfrost und einen trockenen, warmen September. Das sind Angaben zur Witterung, keine Garantie für einen bestimmten Stil jeder Flasche. Bei einer Gegenüberstellung wäre zu fragen, welche Partien für Riserva ausgewählt wurden, wie Holz und Flaschenreife eingesetzt wurden und ob zusätzliche Zeit die Unterschiede zwischen Herkunft und Jahrgang deutlicher oder leiser macht.

    Nicht die Sternzahl, sondern die Herkunft lesen

    Auch innerhalb eines Jahrgangs sollte die Verkostung nicht bei einem Gesamturteil stehen bleiben. Montalcino ist kein einzelner Weinberg: Boden, Höhenlage und Exposition unterscheiden sich, und Weingüter treffen eigene Entscheidungen bei Lese, Gärung und Ausbau. Ein sinnvoller Vergleich fragt deshalb nach konkreten Weinen und ihrer Herkunft, nicht nur nach einer Rangfolge von Jahrgängen.

    Benvenuto Brunello bietet dafür den Rahmen: Die offizielle Veranstaltungsseite kündigt Produzentenverkostungen und thematische Masterclasses an. Bis die vollständige Liste der präsentierten Weine vorliegt, bleibt offen, welche Jahrgänge sich direkt nebeneinander stellen lassen. Sicher ist die redaktionelle Leitfrage: Wie hält Sangiovese in Montalcino Frische, Struktur und Reife zusammen – und welche Antwort geben unterschiedliche Lagen und Keller darauf? Erst die Weine selbst können diese Fragen beantworten.

  • Julia Lübcke: Veränderung mit Herkunft

    Julia Lübcke: Veränderung mit Herkunft

    Drei historische Träger, drei Flusstäler, ein gemeinsamer Betrieb: Die Bischöflichen Weingüter Trier bündeln Weinbergsbesitz der Hohen Domkirche, des Bischöflichen Priesterseminars und des Bischöflichen Konvikts. 1966 wurden die Güter organisatorisch zusammengeführt. Seit 2020 steht Julia Lübcke an der Spitze. Im November 2026 würdigte der VINUM Weinguide die Entwicklung und nannte den Betrieb „Aufsteiger des Jahres“ – eine Auszeichnung des Weinführers, nicht das redaktionelle Urteil dieses Porträts.

    Was sich an Veränderung belegen lässt, ist weniger eine einzelne große Geste als eine Reihe konkreter Entscheidungen. Sie reichen von der gemeinsamen Vermarktung über neue Akzente bei der Kellerarbeit bis zur Frage, wie sich Ressourcen im Alltag des Betriebs einsparen lassen.

    Drei Herkunftsräume, ein Betrieb

    Die Geschichte des Hauses ist jünger als die lange Tradition seiner einzelnen Träger. Das Priesterseminar wurde 1773 gegründet, das Konvikt 1840, die Hohe Domkirche als eigenständige Körperschaft 1851. Aus ihren Weinbergen entstand 1966 die gemeinsame Verwaltung der Bischöflichen Weingüter. Die drei Ursprünge sind bis heute Teil der Identität – und eine Aufgabe für eine Leitung, die unterschiedliche Besitzgeschichten in eine betriebliche Gegenwart übersetzen muss.

    Die Reben verteilen sich auf Mosel, Saar und Ruwer. Zu den bekannten Herkunftsnamen zählen „Scharzhofberg“, „Trittenheimer Apotheke“, „Kaseler Nies’chen“ und „Piesporter Goldtröpfchen“. Die Weingüter nennen mehr als 130 Hektar Rebfläche in 160 Parzellen. Solche Größenordnungen machen die Koordination von Außenbetrieb, Keller und Vermarktung zu einem wesentlichen Teil der Arbeit. Die Landschaft ist keine einheitliche Kulisse: Die drei Flusstäler und ihre Weinberge geben dem Betrieb unterschiedliche Herkünfte, die in der Arbeit zusammengeführt werden müssen, ohne sie gleichzumachen.

    Veränderung braucht überprüfbare Schritte

    Als Lübcke 2020 ihre Arbeit aufnahm, kündigte sie einen Modernisierungsplan an. Nach damaliger Mitteilung des Bistums sollte er Management und Controlling, Weinbereitung sowie Vermarktung und Repräsentation umfassen. Der Plan sollte gemeinsam mit Fachleuten und dem Team entwickelt werden. Was davon intern wie umgesetzt wurde, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Angaben nicht vollständig rekonstruieren. Ein konkretes Beispiel ist dagegen dokumentiert: leichtere Weinflaschen.

    Die Weingüter senkten nach Angaben des Bistums das durchschnittliche Flaschengewicht von 511 Gramm im Jahr 2019 auf 451 Gramm. Lübcke begründete den Schritt damit, dass für leichtere Flaschen weniger Rohmaterial, Energie in der Herstellung und Transportressourcen nötig seien. Das ist eine messbare Änderung an einem alltäglichen Teil der Produktion – kein Beleg dafür, dass damit die gesamte Klimabilanz des Betriebs gelöst wäre. Die Weingüter benannten selbst auch Grenzen: Flaschen müssen beim Transport stabil bleiben; außerdem spielen unterschiedliche Formate und Erwartungen an die Verpackung eine Rolle.

    Wissen weitergeben, statt nur zu ersetzen

    Auch im Keller ist Wandel nicht zwangsläufig ein Schnitt mit dem Überlieferten. Im VINUM Weinguide 2026 wurde der Übergang zu einem neuen Kellermeister beschrieben: Stefan Kraml kam Ende 2024 zum Betrieb und verantwortete den Jahrgang 2024 gemeinsam mit Johannes Becker, der zuvor lange die Kellerarbeit geleitet hatte. Der gemeinsame Jahrgang macht sichtbar, wie Erfahrung und neue Verantwortung über eine Übergangszeit zusammenwirken können. Mehr lässt sich aus dieser Darstellung nicht sicher über interne Abläufe ableiten – doch sie verweist auf eine Grundfrage großer Betriebe: Wie wird Wissen weitergegeben, bevor Zuständigkeiten wechseln?

    Das ist auch eine Frage der Maßstäbe. Eine Betriebsleiterin kann Aufgaben verteilen und Ziele setzen; die Arbeit im Weinberg und Keller bleibt Teamarbeit. Öffentliche Informationen nennen neben Lübcke eigene Verantwortliche für Keller und Außenbetrieb. Konkrete Zuständigkeiten sind damit sichtbar, nicht aber jede Entscheidung und ihr Ergebnis. Ein Porträt sollte diese Lücke nicht mit erfundenen Einblicken füllen.

    Eine gemeinsame Handschrift, viele Herkünfte

    Die Weine wurden über Jahre stärker unter dem gemeinsamen Namen Bischöfliche Weingüter vermarktet; zuvor standen die einzelnen Träger deutlicher im Vordergrund. Das Haus beschreibt den Zusammenschluss als gemeinsame Marke, die seine Herkunft von Mosel, Saar und Ruwer bündelt. Zugleich verweist der Schriftzug auf den Etiketten auf einen historischen Druckstein von 1902. Tradition bleibt so nicht nur ein rückwärtsgewandtes Erbe, sondern ein sichtbarer Teil des heutigen Auftritts.

    Der Titel von VINUM macht die Entwicklung nun überregional sichtbar. Der Guide begründete seine Auszeichnung mit der Kollektion des Betriebs. Für die Frage, wie Veränderung geführt wird, ist aber ebenso wichtig, was sich jenseits eines Preises belegen lässt: ein über Jahrzehnte gewachsener Zusammenschluss, eine Leitung, die Modernisierung als Aufgabe benannte, und einzelne überprüfbare Schritte – vom geringeren Flaschengewicht bis zu einem bewusst gemeinsam gestalteten Übergang im Keller. Wie dauerhaft diese Veränderungen den Betrieb prägen, wird sich an der Arbeit der kommenden Jahrgänge zeigen.

  • Lagenwein auf zwei Regelwerken: Was das Etikett wirklich aussagt

    Lagenwein auf zwei Regelwerken: Was das Etikett wirklich aussagt

    Ein Weinetikett kann mehrere Karten zugleich sein: Es zeigt eine gesetzlich geschützte Herkunft und manchmal zusätzlich eine Klassifikation, die ein Verband für seine Mitglieder entwickelt hat. Gerade bei Begriffen wie „Lage“, „Große Lage“ und „Großes Gewächs“ führt die Ähnlichkeit leicht in die Irre. Seit dem Weinjahrgang 2026 gilt für deutsche Qualitäts- und Prädikatsweine grundsätzlich das neue Herkunftssystem; daneben bleibt die VDP-Klassifikation als eigenes Modell bestehen.

    Die gesetzliche Herkunft: vom Gebiet bis zur Einzellage

    Das Gesetz ordnet Herkunft in enger werdenden geografischen Stufen. Am Anfang steht das bestimmte Anbaugebiet, etwa die Pfalz. Hinzu kommen die als „Region“ bezeichneten Bereiche oder früheren Großlagen, dann Gemeinde oder Ortsteil und schließlich die Einzellage. Noch kleinere Einheiten innerhalb einer Lage dürfen genannt werden, wenn sie im zuständigen Register erfasst sind. Der Grundgedanke: Eine engere Herkunftsangabe bindet den Wein an einen kleineren geografischen Ursprung – sie ist aber für sich allein kein Geschmacksurteil und keine Garantie dafür, dass zwei Weine gleich schmecken.

    Für eine gesetzliche Einzellagenangabe gelten konkrete Bedingungen. Der Lage wird der Name der Gemeinde oder des Ortsteils vorangestellt oder angefügt; zudem greifen Anforderungen an Rebsorte, Most und frühesten Verkaufszeitpunkt. Einzelheiten können die Produktspezifikationen der jeweiligen Herkunft ergänzen oder verschärfen. Bei einer Angabe wie „Gemeinde Einzellage“ lautet die zentrale Aussage also: Die Herkunft ist geografisch benannt und an weinrechtliche Vorgaben gebunden. Sie sagt nicht automatisch, dass der Wein trocken ist, besonders lange gereift wurde oder einer privaten Spitzenklasse angehört.

    Was „Großes Gewächs“ inzwischen bedeutet

    Mit der Weinverordnung sind auch „Erstes Gewächs“ und „Großes Gewächs“ bundesweit als Bezeichnungen geregelt. Für ein gesetzliches „Großes Gewächs“ gelten unter anderem Vorgaben zu Rebsorte, Herkunft aus Einzellage oder kleinerer Einheit, Ertrag, Handlese, Trockenheit und gesonderter sensorischer Prüfung. Es geht damit um eine Bezeichnung für den Wein – nicht um den Namen einer Weinbergskategorie.

    Der Übergang ist wichtig: Bestehende Bezeichnungen dürfen nach den Übergangsregeln weiterhin verwendet werden, grundsätzlich bis einschließlich des Erntejahrgangs 2030, aber längstens bis die vorgesehenen Vergaberegeln wirksam sind. Bei den neuen Bezeichnungen werden regionale Produktspezifikationen eine Rolle spielen. Das Etikett allein verrät deshalb nicht immer, nach welcher Fassung oder welcher Übergangsregel ein konkreter Wein gekennzeichnet wurde.

    Der VDP hat eine eigene Pyramide

    Der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) ordnet die Weine seiner Mitgliedsbetriebe in vier Stufen: VDP.GUTSWEIN, VDP.ORTSWEIN, VDP.ERSTE LAGE und VDP.GROSSE LAGE. Der Verband beschreibt diese Klassifikation als privatrechtliches Modell, das schrittweise entwickelt und 2012 in seiner heutigen vierstufigen Form beschlossen wurde. Die Einstufung ist nicht mit der gesetzlichen Herkunftspyramide gleichzusetzen.

    Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Weinberg und Wein. VDP.GROSSE LAGE bezeichnet im VDP-System eine klassifizierte Lage. Ein trocken ausgebauter Wein daraus kann als VDP.GROSSES GEWÄCHS bezeichnet werden. „VDP.GROSSE LAGE“ ist also nicht dasselbe wie die weinrechtliche „Großlage“ – und „GG“ benennt den Wein, nicht den Weinberg. Beim VDP gehören zur höchsten Lagekategorie außerdem eigene Anforderungen und Kontrollen, darunter laut Verband Ertragsgrenzen und eine Prüfung der Weine. Sie gelten im Rahmen des Verbandsmodells für dessen Mitglieder.

    Etiketten lesen, ohne Begriffe zu vermischen

    Ein schematisches Beispiel: Stehen auf einer Flasche „Pfalz“, ein Ortsname und der Name einer eingetragenen Einzellage, informieren diese Angaben über die geografische Herkunft. Ein zusätzlicher Hinweis „VDP.GROSSE LAGE“ ordnet den Weinberg im VDP-Modell ein. „VDP.GROSSES GEWÄCHS“ kennzeichnet nach dessen System einen trockenen Wein aus einer solchen Lage. Die Worte klingen verwandt, beantworten aber unterschiedliche Fragen: Woher stammen die Trauben? Wie klassifiziert der Verband den Weinberg? Welche Bezeichnung trägt der Wein?

    Der Anlass für die Unterscheidung ist ganz konkret: Am 21. November 2026 präsentieren VDP-Weingüter der Pfalz in Bad Dürkheim Weine aus VDP.ERSTEN und VDP.GROSSEN LAGEN. Wer die Flaschen dort oder anderswo vergleicht, sollte zuerst auf die genaue Schreibweise und das Zeichen achten. Ein VDP-Adler oder ein GG-Logo weist auf das Verbandsmodell; gesetzliche Herkunftsangaben folgen den Regeln des Weinrechts. Keine der beiden Ebenen ersetzt die andere. Zusammen liefern sie mehr Information – sofern man sie auseinanderhält.

  • Eine Ernte, mehrere Zahlen: Wie belastbar ist die deutsche Mengenbilanz?

    Eine Ernte, mehrere Zahlen: Wie belastbar ist die deutsche Mengenbilanz?

    Zwei Wochen liegen zwischen den beiden Zahlen, die zunächst wie eine Korrektur klingen: 8,0 Millionen Hektoliter Weinmost meldete das Statistische Bundesamt (Destatis) am 13. Oktober für die Ernte 2026. Das Deutsche Weininstitut (DWI) kam später auf rund 7,7 Millionen. Doch die Differenz von etwa 300.000 Hektolitern ist nicht einfach ein Rechenfehler. Sie zeigt, wie vorläufig eine Erntebilanz bleibt, solange Trauben gelesen und Mengen erst geschätzt werden.

    Beide Zahlen beziehen sich auf Weinmost – also den frisch gepressten Traubensaft – und nicht auf die Menge fertigen Weins. Sie sind Prognosen, keine abschließende Zählung. Für den Unterschied sind vor allem der Zeitpunkt und der jeweilige Erfassungsstand wichtig.

    Zwei Stichtage, zwei Momentaufnahmen

    Destatis veröffentlichte seine zweite Schätzung mit Stichtag 20. September. Grundlage waren erwartete Erträge von rund 400 freiwilligen Ernteberichterstatterinnen und -berichterstattern. Ihre Meldungen beschreiben die voraussichtliche Menge ihrer Betriebe; sie sind keine Verwiegung sämtlicher geernteter Trauben. Zum Erhebungszeitpunkt war die Lese zudem vielerorts noch nicht abgeschlossen. Wetter, lokale Schäden und der weitere Verlauf der Lese konnten die Prognose verändern.

    Das DWI teilte am 20. Oktober eine Vorausschätzung auf Basis der Meldungen aus allen 13 deutschen Anbaugebieten mit. Die dazugehörige Tabelle trägt den Stand 21. Oktober und summiert sich auf 7,732 Millionen Hektoliter. Gerundet ergibt das die kommunizierten 7,7 Millionen. Die spätere Schätzung konnte also einen weiter fortgeschrittenen Stand der Lese und neuere regionale Einschätzungen berücksichtigen. Sie ist damit aktueller – aber nicht schon endgültig.

    Auch die Bezugsräume sind nicht vollständig deckungsgleich: In Destatis’ September-Schätzung fehlten Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Zusammen machten diese Länder laut Destatis bei der Ernte 2025 zwar nur 0,07 Prozent der Menge aus. Für die nationale Summe ist der Ausschluss daher kaum ausschlaggebend; er ist dennoch ein methodischer Unterschied, den ein sauberer Vergleich sichtbar machen sollte.

    Die Regionen bewegen sich nicht im Gleichschritt

    Der Bundeswert verdeckt, wie verschieden die Ernteverläufe ausfallen. Destatis schätzte im Oktober für Rheinhessen 2,4 Millionen Hektoliter, für die Pfalz 2,1 Millionen und für Baden 1,2 Millionen. Beim DWI lagen die späteren Werte für Rheinhessen bei 2,3 Millionen und für Baden bei rund 1,025 Millionen; die Pfalz blieb bei 2,1 Millionen. Solche Differenzen auf Gebietsebene schlagen sich in der nationalen Summe nieder.

    Besonders deutlich sind die Richtungsunterschiede. Für Rheinhessen erwartete das DWI etwa dieselbe Menge wie 2025; die Pfalz lag gegenüber dem schwachen Vorjahr im Plus. An der Mosel dagegen wurden nur 610.000 Hektoliter erwartet – 18 Prozent weniger als im Vorjahr. Für Franken nannte die Schätzung 326.000 Hektoliter, ein Minus von 15 Prozent. Destatis’ September-Prognose hatte für diese Gebiete ebenfalls Rückgänge angezeigt, aber nicht in exakt gleicher Höhe. Je nach Stichtag kann sich das Bild eines Anbaugebiets also noch verschieben.

    Das DWI verweist auf Unterschiede bei Niederschlagsverteilung und Wasserspeicherfähigkeit der Böden. Das hilft, die räumliche Streuung einzuordnen: Ein trockener Sommer wirkt nicht überall gleich, und Böden halten Wasser unterschiedlich verfügbar. Daraus lässt sich aber nicht allein die Menge eines einzelnen Betriebs oder einer Lage ableiten. Die Gesamtschätzung fasst viele Standorte und Betriebsentscheidungen zusammen.

    Eine Prognose ist noch keine Bilanz

    Beide Institutionen stellen ihre Angaben als erwartete Mengen dar. Destatis weist ausdrücklich auf Unsicherheiten subjektiver Ertragsschätzungen und mögliche Änderungen durch Witterung, Krankheiten oder Schädlinge hin. Auch die Bezeichnung „finale Schätzung“ beim DWI bedeutet nicht, dass bereits ein amtliches Endergebnis vorliegt: Sie kennzeichnet den späteren, umfassenderen Schätzstand des Instituts.

    Für die Jahrgangsbilanz zählt am Ende nicht, welche Prognose zuerst oder zuletzt veröffentlicht wurde, sondern welche Menge nach Abschluss der Ernte und Auswertung der Erhebungen feststeht. Bis dahin lautet die belastbare Aussage nicht „Deutschland hat 8,0“ oder „Deutschland hat 7,7 Millionen Hektoliter geerntet“. Sie lautet: Die Schätzungen bewegen sich um diese Größenordnung, die regionale Verteilung ist ungleich, und die exakte Summe bleibt vorläufig. Gerade diese Unterscheidung macht aus mehreren Zahlen eine brauchbare Mengenbilanz – statt eines scheinbaren Widerspruchs.

  • Shanghai ist der Anfang, nicht der Abschluss

    Shanghai ist der Anfang, nicht der Abschluss

    Vom 10. bis 12. November wird Shanghai zum Treffpunkt für Weinhandel und Erzeuger: Die ProWine Shanghai öffnet im Shanghai New International Expo Centre (SNIEC), in den Hallen W4 und W5. Im deutschen Weinpavillon präsentieren sich laut Deutschem Weininstitut (DWI) 45 Weingüter und Handelsunternehmen; mehr als zehn davon treten erstmals auf dem chinesischen Markt auf. Das Programm umfasst Verkostungen und kurze Seminare. Für die Aussteller ist die Messe damit Schaufenster und Arbeitsgespräch zugleich.

    Doch ein voller Stand, geknüpfte Kontakte und ausgeschenkte Gläser sind noch kein belastbarer Absatzweg. Die entscheidende Arbeit beginnt, wenn die Messegäste wieder abgereist sind: Kontakte sortieren, passende Importpartner prüfen, Konditionen und Lieferfähigkeit klären – und verabredete nächste Schritte nachhalten.

    Wachstum gegen einen schrumpfenden Markt

    Die Rahmenlage ist widersprüchlich. Nach Angaben des DWI exportierte Deutschland 2025 fünf Millionen Liter Flaschenwein nach China, rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Der Wert stieg dabei um 2,6 Prozent auf 26,5 Millionen US-Dollar; der Durchschnittspreis je Liter sank um 6,8 Prozent auf 5,30 US-Dollar. Das ist ein Zuwachs für deutsche Flaschenweine, aber kein Beleg dafür, dass sich der chinesische Markt insgesamt erholt.

    Die OIV beziffert Chinas Weinimporte 2025 auf 2,1 Millionen Hektoliter, ein Minus von 26,7 Prozent gegenüber 2024. Der Importwert sank um 14,6 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Ein wachsender deutscher Absatzanteil trifft also auf ein insgesamt deutlich kleineres Importgeschäft. Für neue Marktteilnehmer erhöht das den Druck, nicht nur Aufmerksamkeit, sondern eine tragfähige Positionierung und einen Vertriebspartner zu finden, der die Weine tatsächlich in den Markt bringen kann.

    Der Kontakt braucht einen nächsten Schritt

    Im deutschen Pavillon treffen unterschiedliche Geschäftsmodelle aufeinander: Familienweingüter aus mehreren Anbaugebieten, Genossenschaften, größere Kellereien und Unternehmen mit bestehender Exporterfahrung. Die Ausstellerliste des German Pavilion führt neben Weinerzeugern auch Handels- und Importfirmen auf. Das schafft Möglichkeiten für Gespräche, sagt aber noch nichts darüber aus, ob aus einer Begegnung eine Zusammenarbeit entsteht.

    Dafür braucht es mehr als eine Visitenkarte. Passt der potenzielle Partner zu Sortiment, Preisposition und gewünschtem Absatzkanal? Kann er Import, Lagerung und Distribution übernehmen? Welche Mengen und Lieferfristen sind realistisch? Und wer kümmert sich nach dem ersten Gespräch um Muster, Produktinformationen, Preislisten und eine verbindliche Rückmeldung? Das sind keine Ergebnisse der Messe, sondern Fragen, an denen sich ihre geschäftliche Wirkung messen lässt.

    Erfolg nicht am Stand zählen

    Eine belastbare Nachbereitung beginnt schon vor der Anreise. Wer konkrete Gesprächsziele und passende Ansprechpartner festlegt, kann nach der Messe unterscheiden zwischen losem Interesse, qualifiziertem Kontakt und einer vereinbarten nächsten Handlung. Dazu können etwa ein Folgetermin, eine Musterprüfung oder ein konkreter Vorschlag für Sortiment und Konditionen gehören. Spätere Kennzahlen wären beispielsweise neu aufgenommene Importpartnerschaften, tatsächlich ausgelöste Bestellungen und wiederkehrende Aufträge. Entscheidend ist, Zeitraum und Ziel vorab festzulegen – und nicht bloß die Zahl der Gespräche zu melden.

    Das DWI begleitet die deutsche Messepräsenz im Auftrag des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat fachlich. Die gemeinsame Präsentation bündelt Aufmerksamkeit und macht Herkunftsregionen sichtbar. Doch ob daraus dauerhafte Geschäftsbeziehungen werden, lässt sich erst nach der Messe beantworten. Shanghai ist für die Aussteller deshalb nicht der Abschluss eines Exportprojekts, sondern ein möglicher Anfang: mit Gesprächen, die weitergeführt, geprüft und in konkrete Vertriebsarbeit übersetzt werden müssen.

  • Lutzmannsburg öffnet die Keller – doch wie viel Arbeit wird sichtbar?

    Lutzmannsburg öffnet die Keller – doch wie viel Arbeit wird sichtbar?

    Am Samstag, 7. November, sollen in Lutzmannsburg die Türen zu den Weinkellern offenstehen. Die Gemeinde nennt für den Tag der offenen Kellertür die Zeit von 13 bis 21 Uhr und als Veranstalter den Weinbauverein. Doch die Frage, wie viel vom Betrieb hinter der Flasche dabei tatsächlich sichtbar wird, lässt sich am Vortag nur mit Vorbehalt beantworten: Das detaillierte Programm ist noch nicht veröffentlicht.

    Der Weinbauverein kündigt an, dass die Winzerfamilien Gäste zum Ausklang des Weinjahres in ihre Keller einladen. Als Möglichkeit nennt er, die Weine Lutzmannsburgs kennenzulernen und die Familien persönlich zu treffen. Was einzelne Stationen zeigen oder erklären, welche Betriebe teilnehmen und ob es Führungen oder Einblicke in die Arbeit gibt, ist auf der Veranstaltungsseite noch offen. Eine Besichtigung von Produktionsräumen oder Gespräche über konkrete Arbeitsschritte sollte man deshalb nicht als gesichertes Angebot voraussetzen.

    Zwischen Probierglas und Arbeitsalltag

    Ein gemeinsamer Öffnungstag kann mehr sein als eine Abfolge von Verkostungsständen: Im Gespräch lässt sich etwa nachfragen, wie Entscheidungen im Weingarten und Keller zusammenhängen, welche Arbeiten den Jahrgang prägen und wie ein Betrieb seine Weine ausbaut. Das ist eine Möglichkeit, keine bestätigte Programmbeschreibung. Gerade die Unterscheidung ist wichtig: Ein offener Keller bedeutet nicht automatisch, dass jede Station Betriebsabläufe zeigt oder dass Gäste überall denselben Einblick bekommen.

    Lutzmannsburg ist als Rotweinort im Mittelburgenland bekannt; auf der offiziellen Veranstaltungsseite steht die Begegnung mit den Winzerfamilien und der Vielfalt ihrer Weine im Mittelpunkt. Welche Weine ausgeschenkt werden, ob Jungweine dabei sind und welche Speisen angeboten werden, ist für den diesjährigen Termin noch zu bestätigen. Wer sich für Handwerk interessiert, kann die Gelegenheit nutzen, nicht nur nach dem Geschmack, sondern auch nach Herkunft, Verarbeitung und den Entscheidungen hinter dem Wein zu fragen.

    Wege und Angebote bleiben zu klären

    Für die Planung fehlen noch praktische Angaben: Welche Keller sind beteiligt, wie weit liegen die Stationen auseinander, und wie kommen Besucherinnen und Besucher zwischen ihnen weiter? Ein früherer Veranstaltungshinweis eines einzelnen Weinguts erwähnte einen Bummelzug. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass dieser auch 2026 fährt. Ebenso sind aktuelle Informationen zu Eintritt, Anreise und möglichen Angeboten ohne Alkohol vor der Veröffentlichung direkt beim Veranstalter zu bestätigen.

    Wer den Tag besuchen möchte, sollte deshalb das Programm des Weinbauvereins prüfen, sobald es vorliegt, und die Anreise so planen, dass kein Alkohol am Steuer im Spiel ist. Ein alkoholfreies Angebot ist bislang nicht ausgewiesen; das ist keine Aussage darüber, ob es keines geben wird. Für einen belastbaren Eindruck davon, was die offenen Türen tatsächlich zeigen, braucht es schließlich den Besuch selbst. Bis dahin bleibt der Termin ein Versprechen auf Begegnungen – nicht schon der Beleg für einen Blick hinter sämtliche Abläufe.