Autor: WEINROOM

  • Portugal in Zürich: Herkunft erklären, ohne das Publikum mit Namen zu überladen

    Portugal in Zürich: Herkunft erklären, ohne das Publikum mit Namen zu überladen

    Wer sich Portugals Weinwelt nähert, begegnet schnell einer dichten Folge ungewohnter Namen. Rebsorten, Unterregionen und geschützte Herkunftsbezeichnungen sind Teil ihrer Eigenständigkeit – können beim ersten Zugang aber wie ein Vokabeltest wirken. Die Portugal-Präsentation an der Zürcher Expovina, angekündigt für den 6. und 7. November, stellt deshalb eine praktische Frage: Wie wird aus Vielfalt Orientierung?

    Das Programm verbindet offene Verkostungen an der Swan Tasting Bar mit einer Masterclass am Freitag. Beteiligt sind die Kopke Group, Fladgate Family Wines und Falua. Die Expovina führt Weine aus mehreren portugiesischen Gebieten auf, darunter Douro, Dão, Bairrada und Vinho Verde. Das ist ein möglicher Ausgangspunkt für die Erklärung: nicht möglichst viele Traubennamen aufzuzählen, sondern zu zeigen, woher ein Wein kommt und was diese Herkunft unterscheidet.

    Eine Karte statt einer Namenslawine

    Portugals Weinbau ist nicht auf einen einheitlichen Stil zu bringen. Das zeigt schon die offizielle Gliederung: Das portugiesische Weinbauinstitut IVV führt auf dem Festland zahlreiche Weinregionen, dazu Madeira und die Azoren; innerhalb der Regionen gelten unterschiedliche geschützte Ursprungs- und geografische Angaben. Für die Orientierung ist wichtig, diese Ebenen nicht durcheinanderzubringen: Douro oder Dão bezeichnen Regionen, während etwa DOC Douro und DOC Dão die jeweilige geschützte Herkunftsbezeichnung benennen.

    Auch die Landschaft hilft beim Sortieren. Im Nordwesten ist Vinho Verde vom Atlantik geprägt; das Gebiet ist laut Wines of Portugal kühl und niederschlagsreich. Weiter im Landesinneren liegt das Douro-Tal, dessen steile Hänge und Schieferböden die Weinberge prägen. Dão wiederum ist von Gebirgen umgeben; seine Weinberge liegen verstreut zwischen Wäldern und in unterschiedlichen Höhen. Bairrada, nahe der Küste, steht stärker unter atlantischem Einfluss. Diese Gegensätze liefern ein anschauliches Gerüst, bevor man sich einzelnen Rebsorten widmet.

    Herkunft erklärt den Unterschied

    Für Vermittlerinnen und Erzeuger entsteht daraus eine Aufgabe: Namen nicht isoliert stehen lassen. Eine Sorte wird greifbarer, wenn klar ist, in welcher Region sie wächst, welche Landschaft sie umgibt und welche Herkunftsbezeichnung auf dem Etikett steht. Dabei sollte die Erklärung nicht so tun, als ergebe sich der Stil eines Weins allein aus Boden oder Klima. Rebsorte, Jahrgang und Entscheidungen im Weinberg und Keller gehören ebenfalls dazu.

    Wie weit das Zürcher Format diese Zusammenhänge im Gespräch tatsächlich entfaltet, lässt sich vor Ort am 6. und 7. November beobachten; ein Bericht über den Verlauf liegt hier nicht vor. Belegt sind das Programm mit Verkostungen an beiden Tagen und eine einstündige Masterclass am Freitagnachmittag. Für ein Publikum, das Portugals Weine noch nicht kennt, kann schon die Auswahl von wenigen Regionen helfen: Douro, Dão und Bairrada stehen nicht für eine vollständige Landkarte, aber für deutlich unterschiedliche geografische Ausgangspunkte.

    Eine gute Einführung muss nicht jede Rebsorte beim Namen nennen. Sie sollte erklären, wie Herkunftsangaben funktionieren, Unterschiede auf der Karte verorten und Fachbegriffe erst dann ergänzen, wenn sie etwas verständlich machen. Portugals Vielfalt wird so nicht kleiner – aber lesbarer.

  • Deutscher Rotwein: drei Charaktere, ein Jahrgang

    Deutscher Rotwein: drei Charaktere, ein Jahrgang

    Deutscher Rotwein muss sich nicht zwischen Leichtigkeit und Wucht entscheiden. Spannender ist, wie Frucht, Säure und Gerbstoff zueinanderstehen: Kräuter können einer dunklen Beerenfrucht Kontur geben, Holz kann Konzentration auffangen, Säure einen kräftigen Körper beweglich halten. Drei trockene Weine des Jahrgangs 2022 setzen dabei deutlich unterschiedliche Schwerpunkte.

    Schnaitmanns „Steinwiege“ Lemberger aus Fellbach, Hubers „Malterdinger“ Spätburgunder aus Baden und die Pfälzer Cuvée „Das kleine Kreuz“ von Rings stehen für drei eigenständige Rotweinstile. Ihr gemeinsamer Nenner ist nicht maximale Fülle, sondern das Zusammenspiel von Substanz und Spannung.

    Schnaitmann: Würze mit schlankem Alkoholrahmen

    Der 2022er „Steinwiege“ Lemberger kommt mit 12,5 Prozent Alkohol aus. Nach Angaben des Weinguts wachsen die Trauben auf Gipskeuper; sie werden als ganze Trauben spontan auf der Maische vergoren. Anschließend reift der Wein 24 Monate in alten großen Holzfässern und wird unfiltriert abgefüllt. Ein Ausbau, der dem gebrauchten Holz viel Zeit, aber keine Hauptrolle als neue Eichenwürze gibt.

    Schnaitmann beschreibt ein vielschichtiges Spektrum aus Sauerkirsche, Brombeere und Cassis, begleitet von Wacholder, Thymian und schwarzem Tee. Dazu nennt das Gut eine lebhafte Säure und reife, eng gewobene Tannine. Der Reiz dieses Lembergers liegt damit in seiner würzigen Kontur: dunkle Frucht, aber kein allein auf Fruchtsüße angelegter Charakter.

    0,4 Gramm Restzucker und 6 Gramm Säure je Liter unterstreichen die trockene Ausrichtung. Das ist ein ernsthafter Gegenentwurf zur Vorstellung, zugänglicher Rotwein müsse vor allem weich sein. Als Speisenbegleiter nennt das Weingut unter anderem gebratenes Gemüse, Eintöpfe und Wildgeflügel.

    Huber: Spätburgunder mit Konzentration

    Der 2022er „Malterdinger“ Spätburgunder des Weinguts Bernhard Huber setzt einen anderen Akzent. Der badische Ortswein hat 13,5 Prozent Alkohol und stammt aus dem von Muschelkalk geprägten Malterdingen. Hier steht nicht zarte Rotbeerigkeit im Mittelpunkt, sondern ein konzentrierterer Pinot-Stil.

    Weinfurore hebt in seiner Verkostung vom September 2024 Schwarzkirsche und Brombeere hervor, dazu Süßholz, getrocknete Kräuter und eine rauchige Holzwürze. Die Notiz beschreibt zugleich feine Tannine und eine bereits gut eingebundene Säure. Entscheidend ist diese Verbindung: Konzentration erhält durch präzisen Gerbstoff Form, statt bloß Gewicht aufzubauen.

    Der teilweise Einsatz neuer Barriques gehört zu diesem Profil. Das Holz setzt einen würzigen Rahmen um die dunkle Frucht. Innerhalb des Trios steht der „Malterdinger“ damit für einen substanzreichen Spätburgunder, dessen Anspruch über unkomplizierte Fruchtigkeit hinausgeht. Weinfurore nennt ein Trinkfenster von 2025 bis 2032.

    Rings: Cuvée mit saftigem Zug

    „Das kleine Kreuz“ 2022 verbindet Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und St. Laurent. Die trockene Pfälzer Cuvée hat 14 Prozent Alkohol und reift in neuen sowie gebrauchten Barriques. Ihr Charakter ist körperreicher angelegt, doch die Säure bleibt ein wesentlicher Teil der Balance.

    Beim Deutschen Rotweinpreis 2024 von VINUM erreichte sie mit 93 Punkten den zweiten Platz unter den Cuvées. Die Jury notiert schwarze Johannisbeere, Heidelbeere und Vanille; besonders betont sie die saftige Frucht und eine deutlich präsente Säure. Das dort angegebene Trinkfenster reicht von 2024 bis 2028.

    Gerade diese Frische macht den Stil interessant: kein Rotwein, der Kraft mit schwerer Ruhe verwechselt. Gegenüber dem kräuterbetonten Lemberger und dem konzentrierten Pinot bietet „Das kleine Kreuz“ die vollere Cuvée-Handschrift. Drei verschiedene Wege also: Würze bei Schnaitmann, Verdichtung bei Huber, Fruchtfülle mit Säurezug bei Rings.

  • Garage Caveau: Welche Betriebsentscheidungen hinter einem neuen Namen stehen

    Garage Caveau: Welche Betriebsentscheidungen hinter einem neuen Namen stehen

    Ein Betrieb kann klein sein, ohne wenige Reben zu bewirtschaften. Genau diese Spannung steckt im Namen Garage Caveau: Martin und Annette Fußer gründeten das Weingut 2022 in Niederkirchen bei Deidesheim. „Garage“ verweist nach ihrer eigenen Erklärung auf kleine Weinmengen und den Anspruch, sich gezielt um einzelne Weinberge zu kümmern. „Caveau“ – französisch für Weinkeller – ergänzt den Namen um eine persönliche Frankophilie, die das Paar ebenfalls als Teil der Gründungsgeschichte beschreibt.

    Der Anlass, genauer hinzusehen, ist die Auszeichnung als „Entdeckung des Jahres“ im VINUM Weinguide Deutschland 2027. Sie macht den Betrieb sichtbar, sagt aber für sich genommen wenig darüber aus, wie ein junges Weingut an Flächen kommt, seine Arbeit organisiert oder Umsätze erzielt. Dafür sind öffentlich zugängliche Informationen bislang lückenhaft.

    Eine kleine Kollektion, mehrere Herkünfte

    Das Weingut führt Riesling und Spätburgunder. Die Riesling-Trauben für den Wein „Mittelhaardt Deutsche Weinstraße“ stammen laut eigener Darstellung aus Forst, Deidesheim und Ruppertsberg. Daneben benennt der Betrieb einzelne Lagenweine, darunter „Forster Musenhang“, „Deidesheimer Paradiesgarten“ und „Ruppertsberger Reiterpfad“. Beim Spätburgunder nennt die Website Weinberge in der Deidesheimer Gemarkung sowie den Wein „Deidesheimer Mäushöhle“.

    Für die Kellerarbeit beschreibt Garage Caveau eine natürliche Vergärung sowie den Verzicht auf Schönung und Filtration bei mehreren Weinen. Das sind Angaben des Betriebs, keine unabhängig geprüfte Beschreibung sämtlicher Jahrgänge oder Produktionsschritte. Auch eine Zertifizierung oder Mitgliedschaft in einem biodynamischen Verband lässt sich aus den herangezogenen Informationen nicht sicher ableiten.

    Fläche ist nicht gleich eigene Weinmenge

    Der VINUM Weinguide skizziert ein ungewöhnliches Verhältnis: 35 Hektar Pachtflächen, davon drei Hektar für die eigenen Weine, bei einer Jahresproduktion von höchstens 5000 Flaschen. Diese Zahlen stammen aus dem redaktionellen Text des Guides; öffentlich zugängliche Betriebsangaben, mit denen sich Flächenumfang und Mengen unabhängig bestätigen ließen, waren nicht auffindbar. Sie sind deshalb als dort genannte, nicht separat verifizierte Angaben zu behandeln.

    Sollte die Trennung zwischen bewirtschafteter Fläche und eigener Weinproduktion zutreffen, wäre sie eine zentrale Betriebsentscheidung: Ein größerer Umfang an Weinbergsarbeit führt dann nicht automatisch zu einem entsprechend breiten eigenen Sortiment. Welche Flächen wie genutzt werden, ob Trauben oder andere Erzeugnisse aus dem Pachtbestand verkauft werden und welche Kosten- und Erlösstruktur dahintersteht, ist öffentlich nicht dokumentiert. Auch zu Beschäftigten, Ernteorganisation und Vertriebswegen liegen keine belastbaren Angaben vor.

    Ein Profil, keine vollständige Bilanz

    Das bislang erkennbare Profil entsteht aus wenigen Rebsorten, benannten Parzellen und dem erklärten Fokus auf kleine Mengen. Die Gründungsgeschichte erzählt zugleich von einem neuen Betrieb nach der Trennung vom Familienunternehmen, wie der VINUM Weinguide berichtet. Eine detaillierte, unabhängig belegte Darstellung der Übergänge – etwa zu Verträgen, Ausstattung oder Personal – gibt es jedoch nicht.

    Damit bleibt Garage Caveau ein aufschlussreiches Beispiel für eine Betriebsform, deren wirtschaftliche Logik sich nicht allein am Etikett oder an der Zahl der bewirtschafteten Hektar ablesen lässt. Die kleine eigene Kollektion und die im Guide genannten größeren Pachtflächen könnten unterschiedliche Aufgaben erfüllen; wie genau, lässt sich ohne weitere Auskünfte nicht seriös beziffern. Die Auszeichnung liefert den Anlass für die Aufmerksamkeit. Die Betriebsbilanz ist noch nicht öffentlich erzählt.

  • PIWI-Züchtung: Wie lange soll eine Resistenz tragen?

    PIWI-Züchtung: Wie lange soll eine Resistenz tragen?

    Eine Resistenz ist kein Versprechen auf Unverwundbarkeit. Sie ist ein Vorsprung, den eine Rebe gegenüber einem Krankheitserreger besitzt – und den der Erreger durch Anpassung verkleinern kann. Für die PIWI-Züchtung lautet die entscheidende Frage deshalb nicht nur, ob eine neue Sorte Mehltau widersteht. Es geht auch darum, wie lange und unter welchen Bedingungen dieser Schutz trägt.

    Das Thema ist aktuell: Die Hochschule Geisenheim plant für ihre internationale Alumni-Woche vom 22. bis 28. November 2026 einen Arbeitsbereich zu Rebenzüchtung und Mikrobiologie. Ein Anlass, genauer auf die Zusammenarbeit von Labor, Züchtung und Weinberg zu schauen – ohne dass sich daraus bereits Ergebnisse oder Aussagen der Teilnehmenden ableiten lassen.

    Wenn der Erreger dazulernt

    PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Viele davon tragen Erbanlagen, die ursprünglich aus anderen Vitis-Arten stammen und der europäischen Kulturrebe Schutz vor echtem oder falschem Mehltau verleihen. Dieser Schutz beruht zum Teil darauf, dass die Pflanze bestimmte Merkmale des Erregers erkennt und eine Abwehrreaktion auslöst.

    Doch Krankheitserreger sind keine unveränderlichen Gegenspieler. In ihren Populationen können Varianten auftreten, die von einer Abwehr weniger gut erkannt werden. Unter dem Druck einer verbreiteten Resistenz haben solche Varianten einen Vorteil: Sie können sich stärker vermehren und die Schutzwirkung der Sorte schwächen. INRAE-Forschung aus dem Jahr 2026 beschreibt unterschiedliche Anpassungswege des Erregers des falschen Mehltaus. Das unterstreicht, warum eine erfolgreiche Resistenz nicht automatisch dauerhaft ist.

    Eine feste Haltbarkeit in Jahren lässt sich daraus nicht ableiten. Sie hängt unter anderem davon ab, welche Erregerstämme vorkommen, welche Resistenzgene eine Sorte trägt und wie stark sie angebaut wird. Auch Standort und Witterung beeinflussen, wann und wie deutlich eine Krankheit auftritt. Ein einzelnes Jahr ohne sichtbaren Befall beweist daher weder dauerhafte Resistenz noch deren Zusammenbruch.

    Mehr als ein Schutzschlüssel

    Ein Weg, die Widerstandskraft zu stärken, ist die Kombination mehrerer Resistenzfaktoren. Fachleute sprechen von Pyramiden, wenn mehrere Gene gegen denselben Erreger in einer Sorte zusammenkommen. Muss der Erreger mehrere Abwehrmechanismen zugleich überwinden, kann das schwieriger sein als bei einer einzelnen Resistenz. Eine Garantie ist auch das nicht: Resistenzgene unterscheiden sich in ihrer Wirkung, und Erreger können sich weiterentwickeln.

    Züchtung prüft deshalb nicht nur, ob ein Sämling im Labor auf einen Erreger reagiert. Entscheidend sind mehrjährige Versuche, verschiedene Erregerstämme und Beobachtungen an unterschiedlichen Standorten. Die OIV empfiehlt für die Beurteilung von Mehltauresistenz Feldprüfungen über mehrere Jahre; bei Prüfungen auf falschen Mehltau sollen sie ohne chemischen Pflanzenschutz oder Resistenzverstärker erfolgen. So lässt sich die natürliche Reaktion der Rebe besser beurteilen.

    Der Weinberg als Frühwarnsystem

    Auch nach der Sortenzulassung endet die Prüfung nicht. Das französische OSCAR-Netzwerk beobachtet resistente Sorten in Praxisparzellen, erfasst Krankheitsverläufe und sammelt Erregerproben. Im Labor werden diese auf Eigenschaften wie Aggressivität und Virulenz untersucht. Solche Netze verbinden Beobachtungen aus Weinbergen mit genetischen und biologischen Analysen – und können Veränderungen sichtbar machen, die eine Einzelparzelle kaum einordnet.

    Für den Weinbau zählt dabei nicht nur der große Resistenzbruch. Wiederkehrender Befall, Unterschiede zwischen Sorten oder Regionen und der nötige Pflanzenschutz gehören ebenfalls in die Erfassung. PIWI bedeutet nicht automatisch „nie spritzen“: Die Sorten können auch von weiteren Krankheiten betroffen sein, und bei nachlassender Wirkung müssen Betriebe ihre Maßnahmen anpassen.

    Die Dauerhaftigkeit entsteht somit nicht allein im Züchtungslabor. Sie hängt auch davon ab, ob Weinbau, Forschung und Züchtung ihre Beobachtungen systematisch teilen. Wenn auffällige Befälle dokumentiert und Erreger untersucht werden, lässt sich die nächste Züchtung gezielter ausrichten. Die Resistenzfrage ist deshalb kein Countdown, sondern eine fortlaufende Aufgabe: Schutzgene auswählen, ihre Wirkung unter realen Bedingungen prüfen und rechtzeitig reagieren, wenn der Erreger neue Wege findet.

  • Nach der frühen Lese: Wie Betriebe ihre Säureentscheidungen begründen

    Nach der frühen Lese: Wie Betriebe ihre Säureentscheidungen begründen

    Die Hauptweinlese 2026 begann in Deutschland außergewöhnlich früh. Das Deutsche Weininstitut nannte neben dem Zuckergehalt auch die Fruchtsäure als Kriterium für den Lesetermin: Sie sollte in den Trauben nicht zu stark absinken. Das ist ein konkreter Ausgangspunkt, aber noch kein vollständiges Urteil über den Jahrgang. Was einzelne Betriebe tatsächlich gemessen und entschieden haben, hängt von Rebsorte, Weinberg und angestrebtem Stil ab.

    Die verfügbaren Rückblicke des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter beschreiben regional unterschiedliche Leseverläufe und Einschätzungen. Sie liefern jedoch keine vergleichbaren Säureanalysen einzelner Moste. Deshalb lässt sich aus der frühen Ernte allein weder eine allgemeine Säureknappheit noch ein einheitliches Rezept für den Keller ableiten.

    Ein Messwert entscheidet nicht allein

    Bei der Reifeprüfung geht es nicht nur darum, wie viel Zucker in den Beeren steckt. Die Säure beeinflusst Geschmack und Frische; ihr Verlauf kann sich während der Reife verändern. Wird zu lange mit der Lese gewartet, kann das in bestimmten Situationen zulasten der gewünschten Säure gehen. Umgekehrt ist „möglichst früh“ keine allgemeingültige Regel: Auch Reifezustand und Zustand der Trauben, Wetter, Rebsorte und das Ziel des Betriebs zählen.

    Im Keller wird die Säure zunächst analytisch erfasst. Die Gesamtsäure beschreibt die titrierbaren Säuren im Most oder Wein, üblicherweise angegeben in Gramm pro Liter. Der pH-Wert misst dagegen die Stärke der sauren Reaktion. Er ist nicht einfach ein zweiter Ausdruck derselben Zahl: Zwei Moste mit ähnlicher Gesamtsäure können unterschiedliche pH-Werte haben. Für die Einschätzung sind daher beide Werte hilfreich.

    Auch die spätere Wahrnehmung lässt sich nicht direkt aus einer Analyse ablesen. Restzucker, Alkohol, Extrakt – die gelösten Inhaltsstoffe des Weins – und der Ausbau beeinflussen, wie die Säure im Zusammenspiel wirkt. Der Praxisleitfaden Oenologie des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz empfiehlt deshalb, bei Entscheidungen im Jungwein neben der Analytik auch den beabsichtigten Stil und die sensorische Beurteilung einzubeziehen. Messwerte geben Orientierung; sie ersetzen nicht die Prüfung der konkreten Partie.

    Vom Most zum Jungwein

    Manche Entscheidungen fallen früh, andere erst nach Beginn der Gärung. Säure kann sich im Verlauf der Verarbeitung verändern: Unter anderem können Kalium und die Ausfällung von Weinstein eine Rolle spielen. Auch der biologische Säureabbau, bei dem Milchsäurebakterien bestimmte Säuren umsetzen, ist ein möglicher Einfluss – sofern er zum Wein und zum Stilziel passt.

    Eine Entsäuerung kommt nicht automatisch bei jeder säurereichen Partie infrage; ebenso wenig bedeutet eine frühe Lese, dass ein Most zwingend nachgesäuert werden muss. Verfahren und zulässige Mengen sind weinrechtlich geregelt und hängen unter anderem von Produkt und Gebiet ab. Säuerung und Entsäuerung sind dabei nicht beliebig kombinierbare Korrekturen. Für konkrete Maßnahmen müssen Betriebe die geltenden Regeln prüfen.

    In der Praxis bedeutet das: erst analysieren, dann die Partie im geplanten Ausbau beurteilen und schließlich abwägen, ob überhaupt ein Eingriff nötig ist. Bei einer Entsäuerung im Jungwein kann beispielsweise auch die Stabilität mitbedacht werden; nach einer Behandlung braucht der Wein gegebenenfalls Zeit, bevor er weiterverarbeitet wird. Welche Maßnahme sinnvoll ist, lässt sich daher nicht aus einem einzelnen Säurewert ableiten.

    Was sich über 2026 sagen lässt

    Das DWI machte die Säure bei der ungewöhnlich frühen Lese ausdrücklich zum Teil der Lesereife-Entscheidung. Der VDP-Rückblick berichtet aus einzelnen Regionen von unterschiedlichen Erfahrungen, darunter auch von stabilen oder moderaten Säurewerten. Das sind Einschätzungen aus den jeweiligen Betrieben und keine flächendeckende Messreihe. Ein belastbarer Vergleich konkreter Werte für 2026 ist auf Grundlage dieser Quellen nicht möglich.

    Die entscheidende Frage nach der Lese lautet deshalb nicht schlicht: „Wie viel Säure hat der Jahrgang?“ Sie lautet: Welche Säure bringt die einzelne Partie mit, wie entwickelt sie sich im Keller, und welcher Wein soll daraus werden? Erst wenn Analyse, Verkostung und Stilziel zusammenkommen, wird aus der frühen Ernte eine begründete Kellerentscheidung.

  • Ein neuer Basler Weinpreis braucht nachvollziehbare Spielregeln

    Ein neuer Basler Weinpreis braucht nachvollziehbare Spielregeln

    Der neue International Wine Award des Weinfestivals Basel startet mit einer klaren Aufgabe: Er soll in einem großen Messeangebot Orientierung schaffen. Bei der ersten Ausgabe wurden 255 Weine eingereicht; 204 erhielten eine Medaille. Doch für einen Preis, der als Qualitätsnachweis und Entscheidungshilfe dienen soll, zählen nicht allein die Ergebnisse. Ebenso wichtig ist, nach welchen Regeln sie zustande kommen.

    Die bisher veröffentlichten Informationen geben einen Überblick über Umfang und Kategorien, aber kein vollständiges Bild des Verfahrens. Das ist kein Beleg für ein mangelhaftes Juryurteil. Es begrenzt jedoch, was Produzenten, Handel und Publikum über dessen Vergleichbarkeit und Aussagekraft nachvollziehen können.

    Viele Medaillen, wenige Verfahrensdetails

    Nach Angaben des Veranstalters und des Kooperationspartners VINUM wurden die Einreichungen den Oberkategorien Weiss, Rot, Schaumwein und Süsswein zugeordnet. Zwei alkoholfreie Weine waren ebenfalls dabei. Am Ende standen 72 Gold- und 132 Silbermedaillen. Die Auszeichnungen für die jeweils bestplatzierten Rot- und Weissweine gingen an Weine aus Südafrika.

    Die Veranstalter meldeten zudem rund 15 Prozent mehr Anmeldungen als im Vorjahr. Der Vergleich bezieht sich auf den Vorgängerwettbewerb «La Sélection»; eine öffentlich erläuterte Vergleichsgrundlage oder absolute Vorjahreszahl liegt in den geprüften Mitteilungen nicht vor. Die Angabe ist daher als Veranstalterbilanz zu lesen, nicht als unabhängig geprüfter Wachstumstrend.

    Offen bleiben in den zugänglichen Informationen grundlegende Fragen: Waren die Weine anonymisiert? Wie viele Jurymitglieder bewerteten sie, und nach welcher Skala? Gab es festgelegte Punkteschwellen für Gold und Silber oder wurden die Medaillen innerhalb jeder Kategorie verteilt? Auch Angaben zu Teilnahmegebühren und dazu, wer einreichen durfte, sind dort nicht detailliert ausgewiesen. Ohne solche Regeln lässt sich weder einschätzen, wie streng die Auszeichnung vergeben wird, noch wie gut Ergebnisse über Kategorien und Jahrgänge hinweg vergleichbar sind.

    Preis und Messe liegen eng beieinander

    Der Award ist Teil eines Weinfestivals, das Produzenten, Importeure und Publikum zusammenbringt. Die ausgezeichneten Flaschen werden auf dem Festival sichtbar gemacht; Siegerweine wurden zudem in einer von VINUM veranstalteten Masterclass vorgestellt. Das schafft einen unmittelbaren Nutzen für Aussteller und Besucher: Prämierte Weine werden leichter auffindbar, Händler und Produzenten erhalten zusätzliche Aufmerksamkeit.

    Diese Nähe von Wettbewerb und Messe ist nicht ungewöhnlich und für sich genommen kein Interessenkonflikt. Sie macht aber transparente Regeln besonders wichtig. Wer Preise verleiht und zugleich eine Plattform für Aussteller und Weinverkauf betreibt, sollte deutlich trennen, was eine Juryentscheidung bedeutet und welche kommerzielle Rolle die Medaille anschließend spielt. Eine Auszeichnung belegt zunächst, dass eine Jury einen Wein im Rahmen eines bestimmten Wettbewerbs prämiert hat. Sie ersetzt weder ein allgemein verbindliches Qualitätsurteil noch eine unabhängige Prüfung des gesamten Sortiments.

    Der nächste Schritt: das Reglement zugänglich machen

    Der Award knüpft an «La Sélection» an und wird gemeinsam mit VINUM organisiert. Für den Neustart spricht die dokumentierte Beteiligung aus mehreren Ländern und Kategorien; zugleich umfasst die erste Runde mit 255 Anstellungen einen überschaubaren Ausschnitt des internationalen Weinangebots. Eine große Zahl prämierter Weine allein sagt wenig über die Trennschärfe eines Wettbewerbs aus.

    Ein öffentliches Reglement könnte diese Lücke schließen: mit Teilnahmevoraussetzungen und Gebühren, der Zusammensetzung und möglichen Interessenkonflikten der Jury, dem Verkostungsmodus, der Bewertungsskala und den Schwellen für Medaillen. Auch eine klare Auskunft dazu, ob die Einreichung durch Produzenten, Händler oder beide möglich ist, wäre relevant. Das würde nicht die Juryentscheidung vorwegnehmen, sondern sie verständlicher machen. Für einen Preis, der Besucherinnen und Besuchern Orientierung geben und Ausstellern Sichtbarkeit verschaffen soll, ist Nachvollziehbarkeit selbst ein Teil des Qualitätsversprechens.

  • La Gomera als Prüfstein für nachhaltigen Inselweinbau

    La Gomera als Prüfstein für nachhaltigen Inselweinbau

    Vom 12. bis 14. November richtet sich der Blick des Weinbaus auf La Gomera: Die Insel beherbergt die III Jornadas Técnicas Internacionales de Vitivinicultura Sostenible, eine internationale Fachtagung, die in der Agenda der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) steht. Organisiert wird sie von der Cátedra de Agroturismo y Enoturismo de Canarias der Universität La Laguna und des Kanarischen Instituts für Lebensmittelqualität, gemeinsam mit dem Cabildo von La Gomera. Es geht um mehr als ein grünes Etikett: Was muss ein Weinbaubetrieb belegen, wenn er seine Arbeit nachhaltig nennt?

    Die Frage ist auf der Insel besonders konkret. La Gomera ist steil und kleinteilig; Reben stehen auf Terrassen und Hängen, die vielerorts von Trockenmauern gehalten werden. Das macht den Anbau arbeitsintensiv und erschwert den Zugang mit Maschinen. Die geschützte Herkunftsbezeichnung DOP La Gomera umfasst die Insel. Doch Herkunft allein ist kein Nachhaltigkeitsnachweis. Entscheidend ist, welche Folgen die Bewirtschaftung tatsächlich hat – für Wasser und Böden ebenso wie für Menschen und Betriebskosten.

    Eine Bilanz statt eines Schlagworts

    Für den Wasserverbrauch reicht es nicht, nur die Menge zu nennen, die auf dem Weinberg ankommt. Aussagekräftig wäre eine nachvollziehbare Bilanz: Wie viel Wasser wird je Fläche und Erntemenge eingesetzt, aus welcher Quelle stammt es, und wie verändern sich Bedarf und Ertrag zwischen Jahren? Auch Bodenpflege und Vegetation im Weinberg können die Bewertung beeinflussen. Solche Fragen sind hier Prüfkriterien, keine vorweggenommenen Ergebnisse über Betriebe auf La Gomera.

    Ähnlich sorgfältig müsste der Blick auf Transport und Energie ausfallen. Inselwein kann Wege zu Abfüllung, Verpackung und Absatzmärkten einschließen, die sich von denen eines Festlandsbetriebs unterscheiden. Zugleich ist eine Bilanz nur dann fair, wenn sie klar abgrenzt, welche Strecken und Prozessschritte sie erfasst. Ohne vergleichbare Bezugsgrößen drohen einfache Aussagen – etwa «regional» oder «ressourcenschonend» – mehr zu versprechen, als Daten tragen.

    Der Aufwand gehört mitgerechnet

    Nachhaltigkeit ist nicht allein eine Frage des ökologischen Fußabdrucks. Auf steilen Parzellen kostet Handarbeit Zeit; Erreichbarkeit, Pflege der Mauern und verfügbare Arbeitskräfte prägen, ob eine Bewirtschaftung langfristig möglich ist. Eine umfassendere Betrachtung würde daher Umweltwirkungen mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit und sozialen Bedingungen zusammendenken. Welche Kennzahlen dafür taugen, hängt auch davon ab, ob sie auf Betriebsebene erhoben und über mehrere Jahre verglichen werden können.

    Die Veranstalter stellen die Tagung unter das Thema nachhaltiger beziehungsweise regenerativer Weinbau. Das Cabildo kündigte ein ausführliches technisches und akademisches Programm an; Details waren zum Redaktionsstand noch nicht vollständig veröffentlicht. Deshalb lässt sich noch nicht sagen, welche konkreten Fallstudien oder Messverfahren diskutiert werden. Gerade darin liegt der journalistische Prüfstein für die Vorschau: Nicht ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit macht ein Verfahren überprüfbar, sondern offengelegte Kriterien, belastbare Daten und eine Bilanz, die Zielkonflikte nicht ausblendet.

    Drei Tage auf La Gomera

    Die Tagung findet vom 12. bis 14. November 2026 auf La Gomera statt. Im Mittelpunkt stehen laut Veranstaltern Herausforderungen des Weinbaus angesichts von Klimawandel und Wasserknappheit; außerdem ist die Verleihung des Preises «Vitivinicultura Sostenible 2026» angekündigt. Der genaue Veranstaltungsort auf der Insel war in den geprüften Angaben nicht ausgewiesen. Für die Region ist das Treffen eine Gelegenheit, die besondere Arbeit in ihren Weinbergen in eine größere Debatte einzubringen – und für die Fachwelt, Nachhaltigkeit dort nicht als Etikett, sondern als überprüfbare Praxis zu diskutieren.

  • Wiener Wein im eigenen Stadtalltag

    Wiener Wein im eigenen Stadtalltag

    Eine Stadt kann sich ihren Wein nicht bloß ins Glas holen: In Wien stehen die Weingärten tatsächlich im Stadtgebiet. Zwischen dicht bebauten Vierteln, Verkehrsachsen und Grünraum wächst eine landwirtschaftliche Kultur, die im Alltag leicht aus dem Blick gerät – bis eine Flasche auf dem Tisch steht oder die Winzerinnen und Winzer selbst ausschenken.

    Am Donnerstag, 12. November 2026, soll die Tour de Vin unter dem Titel „Wine in the City“ in die Markterei Markthalle kommen. Falstaff kündigt dort neun Wiener ÖTW-Betriebe mit aktuellen Jahrgängen und gereiften Weinen an. Was Besucherinnen und Besucher tatsächlich fragen und welche Themen das Gespräch prägen, lässt sich vor dem Termin nicht vorwegnehmen. Die Veranstaltung ist deshalb ein Anlass, die Verbindung zwischen Herkunft und Stadtleben zu betrachten – kein Ersatz für Stimmen aus dem Publikum.

    Weinbau, nicht bloß Stadtromantik

    Wien ist das einzige österreichische Weinbaugebiet, das eine Großstadt umfasst. Nach der Flächendokumentation von Österreich Wein waren 2023/24 insgesamt rund 588 Hektar Rebfläche ausgewiesen. Der Wiener Gemischte Satz machte davon mit rund 239 Hektar einen großen Teil aus. Die Zahlen machen den Weinbau zu mehr als einer malerischen Kulisse: Reben gehören zur landwirtschaftlichen Nutzung und prägen zugleich den offenen Landschaftsraum der Stadt.

    Besonders eng mit Wien verbunden ist der „Wiener Gemischte Satz DAC“. Die geschützte Bezeichnung ist an konkrete Regeln gebunden: Mindestens drei Rebsorten müssen gemeinsam im Weingarten stehen, zusammen gelesen und verarbeitet werden. Der größte Sortenanteil darf höchstens die Hälfte ausmachen, der drittgrößte muss mindestens zehn Prozent erreichen. Das ist mehr als ein traditionsreich klingender Name: Die Herkunft und die gemeinsame Verarbeitung sind Teil dessen, was die Bezeichnung verspricht.

    Vom Heurigen auf den Esstisch

    Der Heurige ist ein naheliegender Ort, Wiener Wein kennenzulernen, aber nicht der einzige. In einer Weinbar, im Restaurant oder zu Hause kann ein Wiener Weißwein auch ein unkomplizierter Begleiter zum Essen sein. Zu einer würzigen Jause oder gebratenem Gemüse kann ein trockener Weißwein mit lebendiger Säure einen frischen Gegenpol setzen; bei reichhaltigeren Speisen hilft Säure, den Eindruck von Fett auszubalancieren. Das ist keine starre Paarungsregel: Entscheidend sind Zubereitung, Würze und der Stil des konkreten Weins.

    Der Gemischte Satz bietet zudem einen guten Gesprächseinstieg, weil seine Rebsorten nicht erst im Keller zu einer Cuvée verschnitten werden: Sie wachsen gemeinsam und werden zusammen verarbeitet. Wie sich das in einem bestimmten Wein ausdrückt, hängt jedoch vom Jahrgang und vom Ausbau ab. Ohne konkrete Flaschen und gesicherte Angaben wäre es falsch, einen einheitlichen Geschmack für Wiener Wein zu behaupten.

    Begegnung statt fertiger Antwort

    Eine Verkostung mitten in der Stadt kann Herkunft greifbarer machen: Wer ein Glas probiert, kann direkt nach Weingarten, Rebsorten oder Bewirtschaftung fragen – oder danach, welcher Wein zum Essen auf dem eigenen Tisch passt. Ob solche Fragen am 12. November tatsächlich den Ton angeben, ist noch offen. Ebenso offen bleibt, ob das Publikum stärker über Herkunft, Arbeitsweise oder den Platz des Weins in der Gastronomie sprechen möchte.

    Gerade diese Antworten würden aus einer Präsentation einen Bericht über Stadtalltag machen. Vor dem Termin lässt sich nur festhalten: Wiener Wein ist keine bloße Besucherattraktion, sondern kommt aus Rebflächen innerhalb der Stadt und trägt eine klar definierte Herkunftsbezeichnung. Ob diese Nähe im Alltag spürbar wird, entscheidet sich nicht allein im Weingarten – sondern auch dort, wo Menschen Wein zum Essen wählen, im Lokal darüber sprechen oder ihn bei einer Präsentation kennenlernen.

  • Kann Traubentrester alkoholfreiem Wein Aroma geben?

    Kann Traubentrester alkoholfreiem Wein Aroma geben?

    Alkoholfreier Wein beginnt oft mit einem Wein, dem der Alkohol nachträglich entzogen wird. Dabei verändert sich nicht nur der Alkoholgehalt: Auch flüchtige Aromastoffe können mit entfernt werden. An diesem Punkt setzt ein Forschungsprojekt der Hochschule Geisenheim an. Es fragt, ob gezielt fermentierter Traubentrester einen Teil der fehlenden Aromatik zurückbringen kann.

    Vorgestellt wird AROMAnoALK am Dienstag, 10. November 2026, um 14 Uhr auf der BrauBeviale in Nürnberg. Lisa Zimmermann präsentiert das Projekt am Stand der Hochschule Geisenheim in Halle 7, Stand 7-510. Der Ansatz klingt zunächst einfach: Ein Reststoff der Weinbereitung wird mithilfe von Mikroorganismen bearbeitet, um daraus Aromen für entalkoholisierten Wein und daraus hergestellte Getränke zu gewinnen. Ob das am Ende geschmacklich überzeugt, ist eine offene Forschungsfrage – kein bereits belegtes Ergebnis.

    Vom Pressrückstand zum möglichen Rohstoff

    Trester nennt man die festen Bestandteile, die nach dem Pressen der Trauben zurückbleiben: vor allem Schalen und Kerne, je nach Verarbeitung auch Stiele. Was davon übrig bleibt, ist keineswegs aromatisch neutral. In Schalen sitzen pflanzliche Inhaltsstoffe, die Mikroorganismen bei einer Fermentation umsetzen oder verändern können. Das Projekt will solche Vorgänge gezielt nutzen, statt den Trester nur als Nebenstrom der Weinproduktion zu betrachten.

    AROMAnoALK untersucht die Gewinnung von Aromen aus fermentiertem Trester zur Qualitätsoptimierung entalkoholisierter Weine. Nach Angaben des Forschungskreises der Ernährungsindustrie läuft das Vorhaben von 2024 bis 2027; beteiligt sind an der Hochschule Geisenheim Fachleute aus Mikrobiologie und Biochemie sowie aus der Oenologie. Die Laufzeit zeigt zugleich: Die Präsentation auf der Messe ist ein Einblick in laufende Forschung, kein Abschlussbericht.

    Was die Forschung noch zeigen muss

    Für die Übertragbarkeit auf den Keller kommt es auf mehrere Schritte an. Welcher Trester eignet sich – von welcher Rebsorte und aus welcher Verarbeitung? Welche Mikroorganismen bilden unter welchen Bedingungen die gewünschten Aromastoffe? Wie lassen sie sich aus dem vergorenen Material gewinnen, dosieren und stabil in ein fertiges Getränk einarbeiten? Und bleibt der gewünschte Effekt auch dann erhalten, wenn die Abläufe vergrößert werden?

    Die bislang zugänglichen Projektinformationen beantworten diese Detailfragen nicht. Sie benennen weder die eingesetzten Mikroorganismen noch konkrete Versuchsparameter oder sensorische Ergebnisse. Gerade die sensorische Prüfung ist entscheidend: Eine im Labor messbare Aromaverbindung muss nicht automatisch in einem Getränk ausgewogen wirken. Auch die Zusammensetzung des Tresters dürfte eine Rolle spielen. Sorte, Reife, Pressung und Verarbeitung beeinflussen, welches Ausgangsmaterial überhaupt vorliegt.

    Vom Labor in den Betrieb

    Selbst wenn ein Ansatz im Forschungsmaßstab funktioniert, ist damit die Anwendung im Weingut oder in einem größeren Betrieb nicht erwiesen. Für den Alltag zählen verlässliche Rohstoffqualität, kontrollierbare Fermentation, Lebensmittelsicherheit, Aufwand und Kosten. Dazu kommt die Frage, wie sich ein gewonnenes Aroma in unterschiedlichen alkoholfreien Weinen verhält. Ein Riesling ist nicht mit jedem entalkoholisierten Wein gleichzusetzen; auch die Ausgangsqualität und das Verfahren des Alkoholentzugs prägen das Produkt.

    Das Projekt ist deshalb interessant, weil es zwei Herausforderungen zusammenführt: den Umgang mit einem Nebenprodukt der Weinbereitung und die Suche nach neuen Möglichkeiten für alkoholfreie Weine. Die Messepräsentation kann klären, welche Versuchsschritte bereits erprobt werden und wie die Forschenden ihre Proben beurteilen. Bis belastbare Resultate veröffentlicht sind, bleibt der Trester vor allem ein möglicher Aromalieferant – nicht der Beleg für eine bereits verbesserte Qualität alkoholfreier Weine.

  • Radebeuler Anglühen: Der Test beginnt erst nach dem Fest

    Radebeuler Anglühen: Der Test beginnt erst nach dem Fest

    Radebeul legt den Winterauftakt nicht auf einen Platz. Am 7. und 8. November 2026 verteilen sich die Stationen des „Radebeuler Anglühens“ über die Stadt: von Weingütern und Straußwirtschaften bis zu Hotels und Kulturorten. Die Stadt nennt 45 Gastgeber; ein kostenfreier Shuttle soll ausgewählte Orte verbinden.

    Die Frage, ob daraus mehr wird als ein Ausflug, steht zwischen den Feuerschalen und Winzerhöfen: Bleiben Gäste über Nacht? Für das Wochenende gibt es Übernachtungsangebote. Ob diese zusätzliche Buchungen auslösen, ist bislang nicht belegt. Das Programm zeigt einen Anlass, keine Erfolgsbilanz.

    Ein Fest in vielen Höfen

    Die Veranstaltung geht nach Angaben der Stadt auf eine Initiative der Arbeitsgruppe „Wein & Genuss“ zurück. Nach der Premiere im Vorjahr wird sie 2026 erneut ausgerichtet. Auf dem Programm stehen unter anderem Glühweinangebote, Führungen, Musik und Kulinarik; die Stationen reichen vom historischen Dorfanger Altkötzschenbroda bis zu Weingütern und Schloss Wackerbarth.

    Diese Verteilung prägt auch die praktische Seite des Wochenendes. Der Shuttle fährt zwischen ausgewählten Gastgebern, zugleich gibt es Anbindungen an S-Bahn-Stationen. Die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen führt außerdem eine Dampferfahrt zwischen Dresden und Radebeul auf. Das erleichtert den Wechsel zwischen den Orten, sagt aber noch nichts darüber aus, wie viele Besucher anreisen oder wie lange sie bleiben.

    Übernachten ist möglich – die Wirkung offen

    Die Stadt bündelt auf ihrer Website Angebote örtlicher Beherbergungsbetriebe für das Anglühen. Darunter sind Hotels am Dorfanger und in der Nähe der Weinberge sowie das Gästehaus der Hoflößnitz. Dort stehen laut Anbieter vier Doppelzimmer und zwei Appartements zur Verfügung; die Unterkunft wirbt für das Wochenende mit einem besonderen Angebot.

    Ein solches Angebot macht eine Übernachtung planbar. Es belegt jedoch weder, dass Zimmer wegen des Festes gebucht wurden, noch dass Gäste länger bleiben als sonst. Für eine belastbare Einschätzung wären etwa Buchungszahlen im Vergleich zu einem üblichen Novemberwochenende, Angaben zu freien Kapazitäten und die Herkunft der Gäste nötig. Auch Gastronomie- und Weingutsumsätze müssten getrennt betrachtet werden: Ein voller Hof an einem Nachmittag ist nicht automatisch zusätzliche regionale Wertschöpfung.

    Der Maßstab kommt nach dem Wochenende

    Das Anglühen setzt auf ein Zusammenspiel, das für Radebeul naheliegt: Wein, Gastronomie und Kultur verteilen sich über eine Stadt, deren Weingüter und Veranstaltungsorte nicht an einem einzigen Festplatz zusammenlaufen. Ein Shuttle und Übernachtungsmöglichkeiten können aus dem Besuch einen längeren Aufenthalt machen. Ob das tatsächlich geschieht, muss sich an den Buchungen und an den Rückmeldungen der Betriebe zeigen.

    Zum Redaktionsschluss am 5. November liegt das Wochenende noch vor Radebeul. Über zusätzliche Übernachtungen, Auslastung oder Umsätze lässt sich daher noch keine Bilanz ziehen. Der journalistische Test beginnt nach dem Abbau: mit den Zahlen der Gastgeber und den Stimmen der Betriebe, nicht mit der Größe des Programms.