Autor: WEINROOM

  • Dänemarks Weinherbst lässt sich nicht auf eine Zahl bringen

    Dänemarks Weinherbst lässt sich nicht auf eine Zahl bringen

    Die dänische Weinlese 2026 erzählt bislang keine einheitliche Geschichte. Im Norden Jütlands meldet Guldbæk Vingård eine Rekordernte; nahe Kolding soll Spätfrost einen Teil der Trauben gekostet haben; auf Røsnæs zog sich die Lese nach hinten. Das sind Berichte einzelner Betriebe – keine nationale Erntestatistik und erst recht kein abschließendes Urteil über den Jahrgang.

    Die Unterschiede sind mehr als eine Frage des Kalenders. Spätfrost trifft junge Triebe oder Blüten, Trockenheit belastet die Reben später in der Saison; Lage, Entwicklungsstand und lokale Wetterbedingungen entscheiden mit, wie stark ein Ereignis ins Gewicht fällt. Was sich aus den vorliegenden Meldungen ablesen lässt, ist deshalb vor allem die Verschiedenheit der Verläufe.

    Drei Orte, drei Erntebilder

    In Nordjütland beschreibt Kim Thrysøe von Guldbæk Vingård eine günstige Blüte und Fruchtentwicklung. Der Betrieb meldet eine Rekordernte und gesunde Trauben ohne Botrytis. Das ist eine Betriebsangabe, keine landesweite Aussage. Sie steht neben einer ganz anderen Nachricht aus dem Gebiet bei Kolding: Bei Skærsøgaard soll ein Frostereignis am 10. Mai den Ertrag um geschätzt 30 Prozent reduziert haben. Inhaber Sven Moesgaard verbindet mit der kleineren Ernte die Erwartung konzentrierterer Trauben, besonders für Rot- und Schaumweine. Ob sich diese Erwartung im fertigen Wein bestätigt, lässt sich im Herbst noch nicht beurteilen.

    Auf Røsnæs, der Halbinsel bei Kalundborg, verlief die Saison wiederum anders. STUB Vingaard meldete eine Lese, die zehn bis 14 Tage später begann als in den beiden Vorjahren. Der Betrieb erwartet von den wechselnden Bedingungen komplexe Weißweine mit etwas geringerem Alkohol. Auch das ist eine Prognose des Weinguts, kein Ergebnis einer unabhängigen Verkostung oder Analyse.

    Warum ein einzelner Wettertag nicht alles erklärt

    Frost ist kein abstrakter Landeswert: Entscheidend ist, wann er auftritt und in welchem Entwicklungsstadium sich die Reben am jeweiligen Standort befinden. Ebenso lässt sich Trockenheit nicht allein aus einer landesweiten Wetterbeschreibung auf jeden Weinberg übertragen. Die vorliegenden Meldungen nennen Frost, Sommerhitze, Trockenheit und spätere Niederschläge als Faktoren der Saison, liefern aber keine vergleichbaren Wetter- und Ertragsreihen für alle Betriebe. Eine genaue Rangliste der Ursachen wäre damit spekulativ.

    Der Blick zurück hilft, die Größenordnung einzuordnen, ersetzt aber keine aktuelle Erntebilanz. Nach Angaben von Danmarks Statistik wuchs die dänische Traubenproduktion von 2016 bis 2022 auf 349 Tonnen; das mit Trauben bestockte Areal lag 2022 bei 173 Hektar. Für 2025 weist die Statistik vorläufig 182 Tonnen Trauben zur Weinherstellung aus. Diese Jahreszahlen belegen eine kleine, regional verteilte Produktion – sie sagen nichts darüber aus, wie viel 2026 geerntet wurde.

    Noch keine nationale Bilanz

    Dass ein Betrieb Rekord meldet und ein anderer Einbußen, ist kein Widerspruch. Es zeigt, warum Erntezahlen von einzelnen Weinbergen nicht einfach addiert oder auf das ganze Land übertragen werden dürfen. Dafür bräuchte es eine landesweite Erhebung mit vergleichbaren Angaben zu Fläche, Ertrag und abgeschlossenem Lesestand. Eine solche Bilanz für 2026 liegt in den hier geprüften Quellen nicht vor.

    Auch die Qualität des Jahrgangs bleibt offen. Gesunde Trauben, geringere Mengen oder eine längere Reifezeit können Hinweise sein; sie entscheiden nicht allein über den Wein. Erst Gärung, Ausbau und eine spätere Prüfung der fertigen Weine erlauben belastbarere Aussagen. Dänemarks Weinherbst lässt sich derzeit also am präzisesten als Summe unterschiedlicher örtlicher Erfahrungen beschreiben – nicht als eine Zahl.

  • KaiserHerbst: Warum ein guter Tag nicht viele Termine braucht

    KaiserHerbst: Warum ein guter Tag nicht viele Termine braucht

    Der KaiserHerbst spannt seinen Bogen 2026 vom 10. Oktober bis zum 8. November: vier Wochen mit Angeboten rund um Wein, Kulinarik, Natur und Kultur am Kaiserstuhl und Tuniberg. Für das letzte Wochenende am 7. und 8. November liegt der Reiz nicht zwingend darin, möglichst viele Programmpunkte abzuhaken. Ein Tag, der Zeit für den Ort lässt, kann mehr über eine Weinregion erzählen als ein dicht getakteter Kalender.

    Das ist ein Vorschlag zur Planung, kein Vor-Ort-Bericht: Konkrete Veranstaltungen, freie Plätze und Öffnungszeiten für das Abschlusswochenende sind vor einer Fahrt aktuell zu prüfen. Die Veranstalterseite beschreibt ein breites Programm, das sich über mehrere Orte und Formate verteilt. Gerade deshalb lohnt es sich, den Tag nicht mit ungeprüften Erwartungen zu füllen.

    Erst den Ort wählen, dann den Termin

    Der Kaiserstuhl ist keine einzelne Weinbergkulisse, sondern eine Region mit verstreuten Orten, Betrieben und Wegen. Wer den Tag mit einem bestimmten Programmpunkt beginnt und den nächsten erst danach sucht, riskiert, mehr Zeit auf dem Weg als am Ziel zu verbringen. Praktischer ist die umgekehrte Reihenfolge: zunächst einen Ort und ein Format auswählen, dann prüfen, was sich in dessen Nähe sinnvoll anschließen lässt.

    Für die Auswahl zählen drei Fragen: Wird erklärt, wie Weinbau und Landschaft zusammenhängen? Ist der Ort mit dem gewählten Verkehrsmittel erreichbar? Und bleibt zwischen den Stationen Zeit, statt nur knapp zur nächsten weiterzuziehen? Eine Führung, ein Besuch bei einem Weingut oder ein Naturerlebnis kann den Kern des Tages bilden. Eine zweite Station ist dann eine Ergänzung, kein Pflichtpunkt.

    Die Landschaft nicht nur als Kulisse lesen

    Der Naturgarten Kaiserstuhl stellt Wein, Natur, Kultur und Kulinarik als Themen des Herbstprogramms nebeneinander. Für Gäste kann eine gute Vermittlung daraus einen Zusammenhang machen: Wie prägen Gelände und Böden die Arbeit in den Reben? Was lässt sich bei einem Spaziergang erkennen, was erst im Gespräch mit einem Betrieb? Die Fragen sind konkreter als das Versprechen, eine Region in wenigen Stunden vollständig kennenzulernen.

    Auch für den Wein gilt: Herkunft ist mehr als ein Name auf der Karte. Ein Gespräch über Weinberge und Bewirtschaftung kann den Blick auf den Ort lenken, anstatt nur eine Folge von Proben zu bieten. Wer Wein probiert, sollte den Besuch entsprechend planen – etwa mit einer alkoholfreien Anreise und ohne weitere Fahrt am Steuer. Die redaktionelle Auswahl eines Termins sagt dabei nichts über die Qualität einzelner Weine aus.

    Eine Mahlzeit als Teil des Tages

    Regionale Küche muss kein zusätzlicher Programmpunkt im Wettlauf sein. Sie kann eine Pause markieren und den Besuch mit dem Ort verbinden: als reserviertes Essen oder als unkomplizierte Einkehr, sofern Angebot und Öffnungszeiten für den betreffenden Tag bestätigt sind. Gerade im November ist es sinnvoll, diese Details vorab zu klären, statt sich auf spontane Verfügbarkeit zu verlassen.

    So entsteht ein überschaubarer Ablauf: eine Veranstaltung mit erkennbarem Bezug zur Region, Zeit für einen Weg durch die Landschaft und eine Mahlzeit. Wer noch eine zweite Veranstaltung einplant, sollte prüfen, ob sie tatsächlich einen neuen Blick eröffnet – oder nur den Kalender füllt.

    Ein Wochenende ohne Vollständigkeitsanspruch

    Der KaiserHerbst endet am Sonntag, 8. November 2026. Sein Programm lädt dazu ein, verschiedene Seiten der Region zu entdecken; daraus folgt aber kein Auftrag, möglichst viele davon an einem Tag unterzubringen. Welche Termine am Abschlusswochenende stattfinden, ob Plätze verfügbar sind und wie gut sich einzelne Orte verbinden lassen, sollte vor der Abfahrt anhand der aktuellen Angaben geprüft werden.

    Ein gelungener Besuch braucht keinen Marathon. Ein gut gewählter Termin, ein aufmerksamer Blick auf die Landschaft und genügend Zeit dazwischen sind ein vernünftiger Maßstab für einen Tag am Kaiserstuhl.

  • Nicht jede Neuerung ist Fortschritt.

    Wer Herkunft ernst nimmt, darf sie nicht mit Unveränderlichkeit verwechseln. Das ist für mich der Gedanke, der unsere Beiträge dieser Woche verbindet. Eine andere Rebsorte pflanzen, Technik einsetzen, Rebfläche aufgeben: Jede dieser Entscheidungen kann wie ein Bruch aussehen. Ob sie einer Weinkultur schadet oder ihr Zukunft ermöglicht, entscheidet sich aber nicht daran, wie vertraut sie uns ist.

    Ich möchte Herkunft deshalb weniger als Verpflichtung zum Weitermachen verstehen. Sie ist eine Verpflichtung zur Begründung. Warum diese Rebe an diesem Ort? Warum dieser Arbeitsaufwand? Und für welchen Wein, für welche Menschen soll er geleistet werden? Das verlangt mehr als Treue zu einem vertrauten Etikett. Es verlangt, den Zusammenhang zwischen Landschaft, Handwerk und wirtschaftlicher Existenz immer wieder neu zu prüfen.

    Die richtige Rebe ist noch kein Betriebsplan

    „Pilzfest ist nicht trockenheitsfest: Welche Rebe für welches Problem?“ bringt diese Aufgabe auf einen präzisen Punkt. Widerstand gegen Pilzkrankheiten beantwortet nicht automatisch die Wasserfrage. Rebsorte, Unterlage – also der wurzelbildende Teil der veredelten Rebe – und Bewirtschaftung müssen zusammenpassen. Wer daraus nur die Suche nach einer vermeintlichen Zukunftssorte macht, verkürzt das Problem.

    Ähnlich lese ich unseren Beitrag über Merlot in Deutschland. Wärmere Jahre sind kein hinreichender Betriebsplan. Die Entscheidung für eine internationale Sorte ist weder schon ein Verlust an Eigenständigkeit noch von selbst ein Zeichen kluger Anpassung. Entscheidend ist, ob sie zum Standort und zur Ausrichtung des Betriebs passt. Herkunft entsteht für mich nicht durch die Abwehr alles Neuen, sondern durch nachvollziehbare Entscheidungen am konkreten Ort.

    Das gilt auch für Maschinen. Unser Blick auf Weinbergstechnik fragt danach, welche Arbeit tatsächlich entfällt und welche von Hand bleibt. Genau diese Nüchternheit wünsche ich mir für die Zukunftsdebatte. Ebenso wichtig ist die Grenze der Übertragbarkeit: Was unter den Inselbedingungen La Gomeras sinnvoll erscheint, muss für einen deutschen Betrieb noch lange nicht passen. Lernen heißt nicht kopieren.

    Auch weniger kann eine Entscheidung für Zukunft sein

    Am unbequemsten wird dieser Gedanke bei der Rebfläche. Die Rodungsprämie in Rheinland-Pfalz fördert die Aufgabe produktiver Flächen und berührt dabei auch Pflanzgenehmigungen. Das ist keine bloße Korrektur einer Zahl. Unser Beitrag „Wenn weniger Rebfläche zur Betriebsstrategie wird“ stellt damit eine Frage, die sich nicht romantisch beantworten lässt: Muss Bewahren immer bedeuten, alles weiterzubewirtschaften?

    Der stärkste Einwand verdient Respekt. Eine Weinlandschaft ist mehr als die Summe einzelner Betriebsrechnungen. Wer nur auf Kosten schaut, kann aus dem Blick verlieren, was eine Region unverwechselbar macht. Weniger Fläche darf deshalb nicht zum bequemen allgemeinen Zukunftsmodell erklärt werden. Aber auch das Gegenteil überzeugt mich nicht: einem Betrieb das Festhalten an jeder Parzelle als kulturelle Pflicht aufzuerlegen. Bewahrung braucht tragfähige Betriebe, nicht bloß gute Absichten.

    Derselbe Maßstab sollte für alkoholfreie Weine gelten. Das Geisenheimer Projekt AROMAnoALK untersucht, wie Traubentrester zur Aromagewinnung beitragen könnte. Daraus folgt noch kein fertiges Qualitätsversprechen. Wohl aber ein Grund, solche Produkte ernsthaft zu beurteilen, statt sie vor der Prüfung aus der Weinkultur auszuschließen.

    Meine Schlussfolgerung aus dieser Woche ist deshalb kein Aufruf zur Neuerung um jeden Preis. Ich wünsche mir eine Weinwirtschaft, die Veränderungen weder feiert noch abwehrt, bevor sie deren Folgen verstanden hat. Herkunft sollte der Maßstab dieser Prüfung sein, nicht ihr Abbruchargument. Bewahren heißt dann: begründet entscheiden, was bleiben soll – und was sich ändern muss, damit es bleiben kann.

  • Aufmerksamkeit bezahlt keine Arbeit im Weinberg

    Eine Flasche kommt unter den Hammer, ein Weinberg wird zur Disposition gestellt. Zwischen diesen beiden Entscheidungen liegt für mich der Gedanke dieser Weinwoche. Am 7. November sollen in Bad Kreuznach nach Angaben des VDP 30 Lose von 14 Weingütern versteigert werden. Zugleich stellt Rheinland-Pfalz Betrieben eine Prämie für die dauerhafte Rodung produktiver Rebflächen in Aussicht. Das ist kein Widerspruch. Es sind unterschiedliche Ausschnitte derselben Branche.

    Unsere Beiträge vom 29. Oktober bis 5. November legen eine unbequeme Unterscheidung nahe: Aufmerksamkeit für Wein ist nicht dasselbe wie eine wirtschaftliche Grundlage für Weinbau. Ich halte es für einen Fehler, das eine als Beweis für das andere zu behandeln. Wer Herkunft und Handwerk bewahren will, muss auch darüber sprechen, welche Arbeit sich unter welchen Bedingungen noch tragen lässt.

    Die Ausnahme ist nicht der Maßstab

    „Was der Zuschlag verrät – und was nicht“ stellt die richtige Frage. Ein Gebot zeigt, was ein bestimmter Wein seinen Bietern wert ist. Es beantwortet nicht, wie verlässlich ein Betrieb seine übrigen Weine absetzt. Die ausgewählte Flasche kann begehrt sein, ohne dass daraus eine belastbare Aussage über den gesamten Markt entsteht.

    Das stärkste Gegenargument verdient Respekt: Herausragende Weine können einer Region Aufmerksamkeit verschaffen. Auszeichnungen können neugierig machen, Versteigerungen besondere Leistungen sichtbar halten. Eine Weinwirtschaft ohne solche Anziehungspunkte wäre nicht automatisch gerechter oder stabiler. Aber Strahlkraft ersetzt keine Nachfrage in der Breite. Aus einem hohen Zuschlag folgt noch keine Antwort auf die Kosten einer Arbeitsstunde im Weinberg.

    Deshalb erscheint mir „Wenn weniger Rebfläche zur Betriebsstrategie wird“ als notwendiges Gegenstück. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz nennt die Senkung des Produktionspotenzials und die Marktentlastung als Ziele der angekündigten Rodungsförderung. Weniger Fläche darf dabei nicht vorschnell als persönliches Scheitern gelesen werden. Es kann eine Entscheidung sein, mit der ein Betrieb seine verbleibende Arbeit überhaupt erst wirtschaftlich ordnet.

    Herkunft braucht Spielraum

    Gegen Rodung spricht freilich mehr als Sentimentalität. Wer Wein vom Ursprung her denkt, kann Rebflächen nicht nur als Produktionskapazität betrachten. An ihnen hängen Landschaft, Können und regionale Eigenart. Ich möchte deshalb weder jede Fläche um jeden Preis verteidigen noch ihren Verlust zur nüchternen Selbstverständlichkeit erklären. Entscheidend ist, welche Perspektive dem Betrieb bleibt – nicht, ob seine Entscheidung in eine Fortschritts- oder Untergangserzählung passt.

    Derselbe Maßstab verbindet unsere Beiträge über Merlot in Deutschland und arbeitssparende Weinbergstechnik. Die internationale Rebsorte ist nicht schon deshalb die richtige Wahl, weil wärmere Jahre sie denkbar machen. Eine Maschine ist nicht schon deshalb eine Entlastung, weil sie einen Arbeitsgang übernimmt. Es kommt darauf an, was am konkreten Standort gelingt, welche Handarbeit verbleibt und ob das Ergebnis zum Betrieb passt.

    Das klingt weniger verheißungsvoll als die nächste große Lösung. Gerade darin liegt seine Stärke. Anpassung ist keine Abkehr von Herkunft. Sie kann deren Voraussetzung sein.

    Fortschritt muss etwas leisten

    Auch alkoholfreier Wein gehört in diese Betrachtung, nicht an ihren Rand. Beim Geisenheimer Projekt AROMAnoALK wird untersucht, wie Aromastoffe aus fermentiertem Traubentrester die Produktqualität verbessern könnten. Das ist ein Forschungsziel, kein fertiges Qualitätsversprechen. Ich halte diese Unterscheidung für produktiver als die Wahl zwischen pauschaler Begeisterung und grundsätzlicher Abwehr.

    Meine These dieser Woche lautet deshalb: Wir sollten Fortschritt weniger daran messen, wie viel Beachtung er findet, und stärker daran, welches Problem er tatsächlich löst. Eine tragfähige Weinwirtschaft braucht besondere Flaschen. Vor allem aber braucht sie Betriebe, die auch jenseits des besonderen Moments bestehen können.

  • Merlot in Deutschland: Welche Rechnung hinter der Sortenwahl steckt

    Merlot in Deutschland: Welche Rechnung hinter der Sortenwahl steckt

    Eine Rebsorte pflanzt man nicht für eine Saison. Die Entscheidung wirkt über Jahrzehnte – und damit weit über die Frage hinaus, ob ein Sommer warm genug wird. Merlot steht in Deutschland inzwischen auf rund 1.000 Hektar. Die Zahl ist ein Signal für wachsendes Interesse, aber noch keine Antwort darauf, ob die Sorte für einen bestimmten Betrieb eine gute Rechnung ist.

    Mehr Wärme öffnet eine Tür – nicht jede Lage

    Merlot stammt aus Frankreich und ist international etabliert. In Deutschland wächst die Fläche in einem Umfeld, in dem sich die Bedingungen für wärmeliebende rote Sorten verändern. Das Umweltbundesamt ordnet Merlot als Sorte ein, deren Anbaueignung mit steigenden Wärmesummen in deutschen Weinbaugebieten zunimmt. Zugleich betont es, dass Nachfrage, Moden und die Erfahrungen der Betriebe die Sortenwahl mitprägen.

    Wärme ist also ein Standortfaktor, kein Gütesiegel. Entscheidend bleibt, ob eine konkrete Parzelle die Reife der Trauben verlässlich ermöglicht und ob ihre Bedingungen auch in wechselhaften Jahren tragen. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau beschreibt Merlot als je nach Klima mittel bis spät bis spät reifend. Für den Betrieb heißt das: Nicht ein allgemeiner Trend, sondern das Zusammenspiel aus Lage, Jahrgangsverlauf und Bewirtschaftung muss passen.

    Eine Pflanzung bindet Kapital und Fläche

    Reben sind eine Dauerkultur. Das Umweltbundesamt veranschlagt ihre Lebensdauer mit 20 bis 30 Jahren und hebt hervor, dass Sortenentscheidungen bei Neupflanzungen deshalb sorgfältig abzuwägen sind. Wer Merlot setzt, entscheidet nicht nur über den Namen auf dem Etikett, sondern auch über eine langfristige Nutzung von Fläche, Arbeitszeit und Investitionen.

    Zu dieser Rechnung gehören Fragen, die keine Rebflächenstatistik beantwortet: Welche Erträge sind am Standort realistisch? Wie viel Aufwand erfordert die Bewirtschaftung? Lässt sich der Wein als eigenständige Sorte verkaufen oder soll er in eine Cuvée eingehen? Und erreicht der Betrieb Kundinnen und Kunden, die mit einer internationalen Rebsorte aus Deutschland etwas anfangen können? Eine belastbare Antwort hängt vom einzelnen Betrieb ab. Für pauschale Aussagen zu Ertrag oder Absatz liefert die verfügbare Datenlage keine Grundlage.

    Nachfrage ist Teil des Terroirs der Entscheidung

    Die jüngsten Zahlen machen die Bewegung greifbar: Das Deutsche Weininstitut bezifferte die Merlotfläche für 2025 auf 981 Hektar, ein Plus von 18 Hektar gegenüber dem Vorjahr. In seiner Meldung vom 30. Oktober 2026 rundete es den Bestand auf etwa 1.000 Hektar. Gleichzeitig nahm die gesamte deutsche Rebfläche 2025 ab; bei den roten Sorten fiel der Rückgang laut DWI stärker aus als bei den weißen. Merlot wächst also gegen einen größeren Flächentrend, bleibt aber eine vergleichsweise kleine Sorte.

    Das spricht nicht automatisch für einen Siegeszug. Eine wachsende Fläche kann Nachfrage signalisieren, aber auch Erwartungen an künftige Klimabedingungen oder den Wunsch nach einer breiteren Sortimentspalette. Welche Motive im Einzelfall ausschlaggebend sind, lässt sich aus den Zahlen allein nicht ablesen. Gerade deshalb gehört die Absatzfrage in dieselbe Kalkulation wie die Eignung des Weinbergs.

    Die Gegenrechnung: nicht pflanzen

    Auch der Verzicht ist eine aktive Sortenentscheidung. Ein Betrieb kann auf Reben setzen, die sich unter den eigenen Bedingungen bewährt haben, auf andere Rotweinsorten ausweichen oder angesichts von Markt und Aufwand eine Neupflanzung zurückstellen. Klimatische Veränderungen erweitern die Möglichkeiten, nehmen aber weder das Ertragsrisiko noch die Notwendigkeit einer Absatzstrategie aus der Rechnung.

    Merlot ist damit weder bloß eine Mode noch automatisch die Rebsorte der Zukunft. Die fast vierstellige Hektarzahl markiert eine Veränderung im deutschen Sortenspiegel. Ob daraus ein guter Weinberg wird, entscheidet sich jedoch kleinteiliger: auf einer konkreten Parzelle, im Betriebskonzept und bei den Menschen, die den Wein später kaufen sollen.

  • Würzburg unter der Stadt: Was Keller über Wein vermitteln

    Würzburg unter der Stadt: Was Keller über Wein vermitteln

    In Würzburg liegt Weinbau nicht nur an den Hängen über dem Main. Ein Teil seiner Geschichte und Arbeit steckt unter der Stadt: in Gewölben, Lagerkellern und Räumen, die bis heute zu Weingütern gehören. Am Samstag, 21. November 2026, öffnen Bürgerspital, Juliusspital, Staatlicher Hofkeller und Weingut am Stein ihre Keller für die „Nacht der offenen Weinkeller“. Der Termin ist noch nicht gewesen; was die Gäste dort tatsächlich erfahren, lässt sich vorab nicht als Erlebnisbericht erzählen. Die angekündigten Orte und Programmpunkte zeigen aber, welche Geschichten Keller vermitteln können – und wo die Inszenierung mitredet.

    Vom Raum zum Arbeitswissen

    Ein Keller ist zunächst kein Museum, sondern Teil des Betriebs. Hier wird Wein gelagert, umgefüllt oder für die Abfüllung vorbereitet. Holzfass und Edelstahltank stehen dabei für unterschiedliche Materialien und Arbeitsweisen, nicht automatisch für eine einfache Gegenüberstellung von „traditionell“ und „modern“. Wer im Keller mehr erfahren will, sollte deshalb auf die konkreten Abläufe achten: Welche Gefäße werden wofür genutzt? Wie unterscheiden sich Ausbau und Lagerung? Und welche Arbeitsschritte finden heute überhaupt noch in dem Raum statt?

    Die Veranstalter stellen verschiedene Kellerwelten in Aussicht. Das Bürgerspital kündigt Stationen mit ausgewählten Weinen und Einblicke in einen Bereich mit Edelstahltanks an. Im Juliusspital sollen große Holzfässer den historischen Keller prägen. Beim Weingut am Stein sind für das Warm-up Kellerführungen mit Erläuterungen zum Ausbau angekündigt; dort sollen auch Weine direkt aus dem Fass probiert werden können. Solche Programmpunkte können Arbeitswissen vermitteln – wenn aus dem Blick auf Fass oder Tank auch eine Erklärung wird, was darin geschieht.

    Geschichte ist mehr als Kulisse

    Besonders sichtbar wird der lange Zusammenhang von Wein und Stadt im Staatlichen Hofkeller unter der Würzburger Residenz. Das Weingut führt seine Geschichte auf eine Schenkung von 1128 zurück und verweist auf den Bau des heutigen Kellers ab 1720. Die Räume sind damit nicht bloß eine stimmungsvolle Hülle: Sie gehören zu einer Weinwirtschaft, deren Besitz- und Herrschaftsgeschichte sich mehrfach verändert hat. Die knappe Zeitlinie des Hofkellers erzählt auch von Übergängen – vom fürstbischöflichen über den königlich bayerischen zum staatlichen Betrieb.

    Ein weiterer Blick in die Stadtgeschichte führt in den Gewölbekeller der Alten Universität. Nach Angaben der Universität wurde er als Weinkeller angelegt und ab 1928 vom jüdischen Weinhändler Max Stern gepachtet. Die Familie floh vor der nationalsozialistischen Verfolgung; im Zweiten Weltkrieg diente der Keller als Luftschutzraum. Er gehört nicht zu den vier Veranstaltungsorten des Abends, zeigt aber, wie sich die Geschichte eines Weinkellers mit Handel, Verfolgung und Stadtleben verschränken kann. Solche Geschichten brauchen Kontext – stimmungsvolle Beleuchtung allein erzählt sie nicht.

    Unterwegs mit Maß und Orientierung

    Die Keller liegen nicht an einem einzigen Ort. Der VDP kündigt Shuttlebusse zwischen den Innenstadtweingütern und dem Weingut am Stein an; die Stadt Würzburg nennt abweichende Angaben zu Preis und Ablauf. Wer den Abend plant, sollte die aktuellen Informationen des Veranstalters prüfen und nicht mit einem festen Takt oder Betrag rechnen, solange die Angaben auseinandergehen. Der Shuttle macht den Ortswechsel ohne eigenes Auto grundsätzlich möglich; die Veranstaltung sollte dennoch kein Trinkparcours sein. Ein einzelner Keller, eine Führung und Zeit zum Zuhören können mehr über Wein vermitteln als möglichst viele Stationen.

    Auch die Atmosphäre ist Teil des Abends: Musik, Licht, Essen und Ausschank gehören zum angekündigten Programm. Sie können Keller zugänglich machen, aber auch den Blick auf ihre Funktion überdecken. Entscheidend ist die Frage, ob neben dem schönen Raum verständlich wird, wie Wein entsteht und warum genau dieser Keller so gebaut und genutzt wurde. Unter der Stadt lässt sich dann nicht nur feiern, sondern auch lesen – in Mauern, Fässern und den Geschichten, die Menschen mit ihnen verbinden.

  • Steirische Rieden erklären, ohne eine Rangliste zu schreiben

    Steirische Rieden erklären, ohne eine Rangliste zu schreiben

    Am 18. November 2026 lädt Wein Steiermark zur Riedenweinpräsentation ins Palais Ferstel, Strauchgasse 4, in Wien. Die Veranstalterseite kündigt rund 60 steirische Winzerinnen und Winzer und mehr als 350 Weine an, darunter Schaumweine. Die Verkostung ist für Weininteressierte von 16 bis 20 Uhr geöffnet; Fachbesucher können laut Veranstalter bereits ab 15 Uhr teilnehmen. Entscheidend ist weniger, welcher Wein am meisten Aufmerksamkeit erhält, als die Frage, was seine Herkunft tatsächlich erklärt.

    Eine Riede ist eine Einzellage. Im steirischen DAC-System steht der Riedenwein an der Spitze der Herkunftsstufen, über Gebiets- und Ortswein. Das ist eine Herkunftsangabe, keine Rangliste einzelner Hänge: Die Bezeichnung verspricht eine eng umrissene Herkunft, nicht automatisch einen einheitlichen Stil oder ein vorweggenommenes Qualitätsurteil.

    Erst die Herkunft, dann der Ausbau

    Die Steiermark umfasst drei DAC-Gebiete: Südsteiermark, Weststeiermark und Vulkanland Steiermark. Ihre Rebflächen ziehen sich über Hügel und steile Hänge; Boden, Höhe, Ausrichtung und lokale Wetterverhältnisse können sich auch innerhalb eines Gebiets deutlich unterscheiden. Die Rieden-Verordnung des Landes legt fest, welche Einzellagen als Rieden bezeichnet werden. Nach Angaben von Wein Steiermark ist Handlese in den steirischen DAC-Gebieten vorgeschrieben.

    Beim Vergleich lohnt sich ein konkreter Gesprächsleitfaden. Wo genau liegt die Riede, wie ist sie ausgerichtet, und welche Bodenverhältnisse prägen sie? Welche Rebsorte steht im Glas? Wie unterscheidet sich der Jahrgang von den Vorjahren? Erst danach folgt die Kellerfrage: etwa ob der Wein im Edelstahltank oder im Holz ausgebaut wurde, wie lange er auf der Hefe lag und ob der Ausbau die Herkunft hervorheben oder einen eigenen Stil setzen sollte. Solche Fragen machen Unterschiede besprechbar, ohne sie vorschnell einem einzelnen Faktor zuzuschreiben.

    Jahrgang und Reife mitdenken

    Ein Lagenname allein erklärt nicht, wie sich ein Wein zeigt. Der Jahrgang bringt seine Bedingungen mit; Erntezeitpunkt, Reife der Trauben und Entscheidungen im Keller prägen den späteren Wein zusätzlich. Bei älteren Jahrgängen kann man Erzeugerinnen und Erzeuger fragen, wie sich die Weine entwickelt haben und welche Flaschen sie für einen Vergleich ausgewählt haben. Gereifte Weine sind angekündigt; konkrete Jahrgänge nennt die Veranstaltungsseite nicht.

    Auch die Zahl der Proben spricht für ein gezieltes Vorgehen statt eines Rundgangs im Wettlauf. Eine Rebsorte aus zwei Rieden desselben Jahrgangs kann einen Vergleich eröffnen; anschließend lässt sich dieselbe Riede über unterschiedliche Jahrgänge oder Ausbauweisen betrachten. Das ist kein kontrolliertes Experiment: Häufig unterscheiden sich zugleich Erzeuger, Lesezeitpunkt und Kellerarbeit. Gerade deshalb lohnt das Gespräch mit den Winzerinnen und Winzern.

    Die Präsentation versammelt laut Veranstalter Weine aus allen drei steirischen DAC-Gebieten und mehr als 50 Rieden. Sie kann damit eine Landkarte in Gläsern bieten – sofern man die Namen nicht als Podestplätze liest. Wer Herkunft, Jahrgang und Ausbau getrennt erfragt, nimmt mehr mit als eine persönliche Favoritenliste.

  • Klimaanpassung braucht einen Plan für den ganzen Betrieb

    Klimaanpassung braucht einen Plan für den ganzen Betrieb

    Die Tagung über nachhaltigen Weinbau, die vom 12. bis 14. November 2026 auf La Gomera angekündigt ist, stellt eine Frage, die weit über die Kanaren hinausreicht: Wie kann ein Weinbaubetrieb auf ein unsicherer werdendes Klima reagieren, ohne dabei Wasser, Boden, Arbeitskraft und wirtschaftliche Tragfähigkeit gegeneinander auszuspielen? Der Ort liefert dafür Anschauung – aber kein fertiges Rezept.

    La Gomeras Weinberge liegen vielfach an steilen Hängen. Kleine, von Mauern gestützte Terrassen gliedern das Gelände; Maschinen können dort kaum eingesetzt werden. Nach Angaben der kanarischen Landwirtschaftsverwaltung umfasst die geschützte Herkunftsbezeichnung DOP La Gomera rund 120 Hektar. Die Insel ist damit ein besonderer Rahmen für eine Tagung, deren Veranstalter unter anderem Bodenpflege, Begrünung und Weinbau in komplexem Gelände ankündigen.

    Anpassung ist mehr als eine Maßnahme

    Im deutschen Weinbau liegen andere Bedingungen vor: Flusstäler, Steillagen und wärmere, trockenere Standorte unterscheiden sich selbst innerhalb eines Anbaugebiets. Gemeinsam ist ihnen, dass Reben als Dauerkultur lange an einen Standort gebunden sind. Eine Entscheidung über Begrünung, Unterlage oder Rebsorte wirkt daher über eine Saison hinaus. Und kein einzelner Eingriff beantwortet zugleich die Fragen nach Wasserversorgung, Starkregen, Frost, Erntezeitpunkt und Kosten.

    Das zeigt sich bereits beim Boden. Eine Begrünung zwischen den Rebzeilen kann Wasser aufnehmen, Abfluss bremsen und Erosion mindern. Sie beansprucht aber ebenfalls Wasser. In trockenen Phasen zählt deshalb nicht das Prinzip „immer begrünen“, sondern die passende Mischung aus Pflanzenbestand, Pflegezeitpunkt und Bodenverhältnissen. Das Umweltbundesamt nennt Bodenbedeckung, humusfördernde Bewirtschaftung und standortangepasste Bodenbearbeitung als mögliche Wege, Verdunstung und Erosionsrisiko zu reduzieren. Welche davon sinnvoll ist, hängt von Wasservorrat, Hang und Bewirtschaftung ab.

    Auch Bewässerung ist keine isolierte technische Entscheidung. Sie setzt eine verfügbare Wasserquelle voraus und kann Investitionen, Energiebedarf sowie laufende Arbeit bedeuten. Wo Wasser knapp oder rechtlich begrenzt ist, lässt sich eine Anlage nicht einfach als allgemeine Klimavorsorge behandeln. Umgekehrt muss ein Betrieb beurteilen, ob in bestimmten Jahren oder Entwicklungsphasen gezieltes Wasser tatsächlich einen Unterschied macht. Dazu gehören belastbare Informationen über Bodenfeuchte und Wetter ebenso wie die Frage, wer die Anlage betreibt und bezahlt.

    Boden, Rebe und Arbeitszeit zusammen denken

    Für die Rebe selbst kommen weitere Stellschrauben hinzu: Unterlagen, Rebsorten, Laubwand und Zeitpunkt der Arbeiten. Später reifende Sorten oder veränderte Erziehungs- und Pflegemaßnahmen können Spielräume eröffnen, doch Neuanpflanzungen binden Kapital und Fläche über Jahre. Zudem wirken Herkunftsregeln und die Identität eines Betriebs mit: Was sich agronomisch anbietet, muss nicht ohne Weiteres zu einem bestehenden Sortiment oder zu den Vorgaben einer geschützten Herkunft passen.

    Ein Projekt der Universität Bayreuth in Franken bringt die Logik einer Betriebsplanung auf den Punkt: Dort werden unter anderem trockenheitstolerante Unterlagen, Begrünung, Bodenpflege und spätreifende Sorten als mögliche Ansätze diskutiert. Die Universität beschreibt erfolgreiche Anpassung nicht als Einzelrezept, sondern als standortspezifische Kombination aus Boden-, Wasser-, Pflanzen- und Biodiversitätsmanagement. Das ist eine hilfreiche Orientierung, keine Erfolgsgarantie. Ein Versuch auf einer fränkischen Fläche belegt nicht automatisch, was in einer Moselsteillage oder auf einem sandigen Standort funktioniert.

    Die Kombination muss außerdem zur verfügbaren Arbeitszeit passen. Begrünung will gesteuert, Erosionsschutz gepflegt, Bewässerung überwacht und eine veränderte Reberziehung umgesetzt werden. In Handarbeitslagen ist die zusätzliche Pflege besonders sorgfältig gegen den möglichen Nutzen abzuwägen. Klimaanpassung ist damit auch eine organisatorische Aufgabe: Wer erledigt welche Arbeit, zu welchem Zeitpunkt, mit welcher Technik und mit welchen Kosten? Solche Fragen gehören in denselben Plan wie die Wahl einer Maßnahme.

    Was sich übertragen lässt – und was nicht

    La Gomeras Terrassen zeigen, wie stark Weinbau an Gelände und menschliche Arbeit gebunden sein kann. Gerade deshalb wäre es falsch, die Insel als Vorbild für deutsche Betriebe schlechthin zu behandeln. Die dortige Herkunft DOP La Gomera und ihre kleinteiligen Hanglagen bilden einen anderen Zusammenhang als deutsche Weinbaugebiete mit anderen Niederschlägen, Böden, Flächenstrukturen und Regeln. Auch die auf der Tagungsseite beschriebenen Themen und Programmpunkte sind zunächst Veranstalterangaben; eine endgültige Bilanz der Tagung kann vor ihrem Beginn nicht gezogen werden.

    Übertragbar ist eher die Methode: Risiken für den eigenen Betrieb benennen, mehrere Maßnahmen gemeinsam prüfen und deren Kosten, Nutzen und Nebenwirkungen gegeneinander abwägen. Dazu zählen längere Trockenphasen ebenso wie Starkregen, der Boden abträgt; ein wärmerer Jahresverlauf ebenso wie Spätfrost. Der Klimablick darf nicht nur auf den heißen Sommer fallen.

    Ein praktikabler Plan beginnt deshalb mit einer Bestandsaufnahme: Wo steht Wasser zur Verfügung? Welche Parzellen verlieren bei Starkregen Boden? Wo ist Handarbeit unverzichtbar? Welche Investitionen kann der Betrieb tragen, und welche Entscheidungen sind durch Herkunftsregeln oder bestehende Kundenbindungen eingeschränkt? Aus dieser Analyse können Prioritäten entstehen – zunächst kleinere Änderungen bei Bodenpflege und Arbeitsabläufen, später womöglich kostspieligere Eingriffe wie Bewässerung oder eine schrittweise Sortimentsänderung.

    Der Ertrag solcher Planung ist nicht, jede Wetterfolge verhindern zu können. Er liegt darin, Abhängigkeiten sichtbar zu machen und Entscheidungen nicht erst dann zu treffen, wenn eine Krise schon auf dem Weinberg steht. Die Tagung auf La Gomera kann dafür Gesprächsanlass sein. Die Antworten müssen jedoch aus dem Boden, dem Wasserhaushalt und der wirtschaftlichen Wirklichkeit jedes einzelnen Betriebs kommen.

  • Welche Technik im Weinberg tatsächlich Arbeit spart

    Welche Technik im Weinberg tatsächlich Arbeit spart

    Der Weinberg ist ein Arbeitsplatz mit vielen Wiederholungen – und ebenso vielen Ausnahmen. Laub schneiden, Triebe ordnen, den Boden unter den Reben pflegen, Pflanzenschutz ausbringen: Maschinen können einzelne Handgriffe übernehmen. Doch eine Maschine, die eine Tätigkeit erledigt, spart nicht zwangsläufig im gleichen Maß Arbeitszeit. Entscheidend ist, ob sie in den Betrieb passt, wie viel Vorbereitung und Überwachung nötig sind und ob anschließend noch von Hand nachgearbeitet werden muss.

    Der Anlass für die Frage nach der Praxis ist aktuell: Für den 11. November 2026 ist auf der BrauBeviale in Nürnberg ein Vortrag des Geisenheimer Agrartechnik-Professors Dimitrios Paraforos über den „Weinberg der Zukunft“ angekündigt. Was lässt sich heute schon vernünftig einordnen – und wo sind Versprechen von Robotik und Digitalisierung noch Forschungsziele?

    Die Ersparnis beginnt beim Arbeitsgang

    Mechanisierung bedeutet zunächst, dass eine Maschine menschliche Arbeit unterstützt oder einen einzelnen Vorgang übernimmt. Im Weinbau ist das längst Alltag: Traktoren und Anbaugeräte bearbeiten den Boden oder fahren durch die Rebzeilen; maschinelle Laubarbeiten und Vollernter haben weitere Abläufe verändert. Die Rahmenempfehlungen des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum Rheinland-Pfalz beschreiben Mechanisierung als Grundlage, auf der teilautonome und später stärker selbstständig arbeitende Systeme aufbauen.

    Am ehesten lässt sich Arbeit dort sparen, wo ein Vorgang regelmäßig wiederkehrt und die Maschine ihn zuverlässig erledigen kann. Bei der Unterstockpflege etwa geht es um den Streifen direkt unter den Reben. Geräte können dort den Bewuchs mechanisch bearbeiten; Sensoren und Regelungen sollen helfen, den Arbeitsgang an die Pflanzen anzupassen. Das kann Handarbeit verringern, beseitigt sie aber nicht automatisch: Reihen müssen befahrbar sein, die Geräte eingestellt und kontrolliert werden, und beschädigte oder ausgelassene Stellen können Nacharbeit erfordern.

    Autonom heißt nicht unbeaufsichtigt

    Ein autonomes Fahrzeug fährt und arbeitet selbstständig innerhalb bestimmter Grenzen. Das macht den Betrieb nicht menschenleer. Maschinen müssen zum Einsatz gebracht, gewartet und überwacht werden; bei Störungen oder wechselnden Bedingungen braucht es weiterhin Entscheidungen. Das DLR Rheinland-Pfalz unterscheidet deshalb zwischen Mechanisierung, teilautonomen Systemen und Vollautonomie. Die vollständige autonome Bewirtschaftung, auch in Steillagen, ist dort als Entwicklungsrichtung beschrieben – nicht als bereits überall verfügbare Lösung.

    Auch die Digitalisierung kann Arbeitsabläufe beeinflussen. Sensoren erfassen beispielsweise Zustände im Weinberg; aus Daten lassen sich Karten oder bedarfsgerechte Arbeitsaufträge ableiten. Geisenheimer Forschungsprojekte untersuchen unter anderem, wie sich Bewässerung und Maschineneinsätze präziser steuern lassen. Das Ziel ist nicht bloß, Daten zu sammeln: Sie sollen eine konkrete Entscheidung verbessern. Ob dadurch Arbeitsstunden oder Kosten sinken, muss jedoch im jeweiligen Verfahren und Betrieb nachgewiesen werden.

    Gelände und Betrieb entscheiden

    Im Steilhang ist der Nutzen einer Maschine nicht allein eine Frage ihrer technischen Fähigkeiten. Sicherheit, Neigung, Boden, Zeilenbreite und die Möglichkeit, ein Gerät zu transportieren oder zu wenden, setzen Grenzen. Die Hochschule Geisenheim untersucht technische Verfahren für Steillagen ausdrücklich auch mit Blick auf Arbeitssicherheit, Arbeitsstunden und Vollkosten. Das verweist auf den Kern der Rechnung: Nicht nur die eingesparte Handarbeit zählt, sondern auch Anschaffung, Betrieb, Wartung und die verbleibenden Arbeitsschritte.

    Für kleinere Betriebe kann eine spezialisierte Maschine schwer auszulasten sein; für größere, einheitlich angelegte Flächen kann dieselbe Technik besser passen. Das ist eine betriebliche Abwägung, keine allgemeingültige Rangliste. In den geprüften Quellen finden sich keine belastbaren Vergleichszahlen, die eine bestimmte Robotertechnik als pauschal arbeits- oder kostensparend ausweisen.

    Klimaanpassung ist auch Arbeitsplanung

    Technik kann helfen, Weinberge gezielter zu bewirtschaften – etwa wenn Sensoren den Wasserbedarf einer Fläche genauer erfassen oder Maschinen einen Arbeitsschritt präziser ausführen. Gerade bei knapper werdenden Ressourcen ist das relevant. Doch Technik ersetzt keine Anpassungsstrategie: Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt von Standort, Boden und Bewirtschaftung ab. Digitale Daten sind dabei ein Werkzeug, kein Ergebnis an sich.

    Die nüchterne Antwort auf die Frage, was wirklich Arbeit spart, lautet deshalb: nicht der Roboter als solcher, sondern ein passender, überprüfbarer Arbeitsgang. Entscheidend ist, ob die Maschine unter den Bedingungen des Betriebs verlässlich arbeitet und die eingesparte Zeit größer ist als Aufwand für Vorbereitung, Betreuung und Nacharbeit. Für viele neue Systeme wird genau das noch in Feldversuchen und Praxisprojekten geprüft. Die Zukunft des Weinbergs beginnt nicht mit möglichst viel Technik, sondern mit dem Nachweis, dass sie an der richtigen Stelle hilft.

  • Die Waadt sucht das Gespräch jenseits der Sprachgrenze

    Die Waadt sucht das Gespräch jenseits der Sprachgrenze

    Am 9. November zieht ein Stück Waadt nach Bern: Mehr als 30 Weingüter präsentieren im Kursaal ihre Weine, darunter jüngere und ältere Jahrgänge. Der Salon des Vins Vaudois ist eine Gelegenheit, die Herkunft nicht nur auf dem Etikett zu lesen, sondern den Erzeugerinnen und Erzeugern direkt Fragen zu stellen. Für das deutschsprachige Publikum wird dabei auch die Übersetzung wichtig – nicht nur die sprachliche, sondern die von Landschaft, Rebsorte und Jahrgang.

    Sechs Weinregionen, mehr als ein Bild

    Wer Waadt sagt, meint oft Chasselas und Lavaux. Beides gehört zum Kern des Kantons, doch es erzählt nicht die ganze Geschichte. Die offizielle Regionalgliederung umfasst sechs Weinregionen: La Côte, Lavaux, Chablais, Bonvillars, Les Côtes de l’Orbe und Vully. Dazu kommen acht kontrollierte Ursprungsbezeichnungen. Die Reblandschaft reicht vom Genfersee bis an die Ufer des Neuenburger- und Murtensees.

    Das ist mehr als eine Karte für den Prospekt. Zwischen den Regionen ändern sich Lage, Relief und Nähe zu See, Jura oder Alpen. In Lavaux prägen steile, terrassierte Hänge das Bild; La Côte liegt am Genfersee und an den Ausläufern des Jura. Im Chablais treffen Alpenraum und See aufeinander. Solche Unterschiede verdienen am Verkostungstisch eine genaue Frage: Welche Herkunft steht auf der Flasche – und was bedeutet sie für den Wein? Ein Ort oder eine Appellation ist dabei keine Geschmacksbeschreibung, sondern zunächst eine präzise Herkunftsangabe.

    Chasselas als Einstieg, nicht als Grenze

    Chasselas ist die bekannteste Waadtländer Rebsorte und für viele der naheliegende Anfang. Doch gerade ein Salon mit mehr als 30 Betrieben kann zeigen, wie schnell dieses Bild zu eng wird. Neben dem vertrauten Weisswein aus Chasselas begegnen Besucherinnen und Besuchern weitere Sorten und unterschiedliche Stilentscheidungen. Welche Weine tatsächlich am Tisch stehen, hängt vom Angebot der teilnehmenden Betriebe ab; eine pauschale Verkostungserwartung lässt sich daraus nicht ableiten.

    Für den Austausch lohnt sich eine konkrete Frage nach dem Ort: Woher stammt der Wein, und welche Herkunftsbezeichnung trägt er? Ebenso aufschlussreich kann sein, nach dem Ausbau oder nach dem Umgang mit einem gereiften Jahrgang zu fragen. So wird aus einer allgemeinen Erklärung der Waadt ein Gespräch über den einzelnen Wein. Die Herkunft lässt sich nicht auf eine einzige Landschaft oder Sorte verkürzen.

    Was ein gereifter Jahrgang erzählen kann

    Die Veranstalter kündigen neben jüngeren auch ältere Jahrgänge an. Das macht den Termin besonders interessant: Gereifte Weine können Fragen nach Entwicklung und Trinkfenster aufwerfen, ohne dass sich das vorab für jede Flasche gleich beantworten lässt. Alter allein ist kein Qualitätsversprechen. Entscheidend bleiben Herkunft, Jahrgang, Ausbau und Zustand des einzelnen Weins – und die Auskunft des Weinguts dazu.

    Auch Handel und Gastronomie dürften andere Fragen mitbringen als private Gäste: Welche Weine lassen sich im Sortiment erklären? Welche Herkunftsangaben sind dem Publikum bekannt, und wo braucht es Orientierung? Der Salon setzt dafür auf unmittelbare Begegnungen. Ob daraus neue Bekanntschaften oder konkrete Geschäftsbeziehungen entstehen, lässt sich vor dem Termin nicht sagen. Sicher ist: Der Waadtländer Auftritt stellt die Region in Bern nicht als einheitliche Marke aus, sondern als Gefüge verschiedener Weinlandschaften, Betriebe und Jahrgänge.

    Ein Gespräch auf Augenhöhe

    Der Salon findet im Kursaal Bern statt und wird in Zusammenarbeit mit VINUM organisiert. Eine zusätzliche Auswahl ausgezeichneter Weine des Grand Prix du Vin Suisse 2026 ist ebenfalls angekündigt. Damit verbindet der Nachmittag und Abend regionale Präsentation mit einem Blick auf ausgezeichnete Schweizer Weine.

    Wer hingeht, muss die sechs Weinregionen nicht schon vorher auseinanderhalten können. Sinnvoller ist es, mit offenen Fragen zu kommen: Was unterscheidet diesen Wein von einem aus der Nachbarregion? Warum wurde gerade dieser Jahrgang mitgebracht? Und welche Herkunft sagt das Etikett genau aus? Wenn darauf konkrete Antworten folgen, ist der Salon mehr als eine Verkostung – er wird zum Gespräch zwischen Waadt und Deutschschweiz.