Autor: WEINROOM

  • Emrich-Schönleber: Was hinter der Auszeichnung steckt

    Emrich-Schönleber: Was hinter der Auszeichnung steckt

    Der VINUM Weinguide Deutschland 2027, seit dem 3. November 2026 erhältlich, zeichnet Emrich-Schönleber als Weingut des Jahres aus. Der Titel ist ein aktueller Anlass, aber keine Erklärung für den Betrieb. Die führt nach Monzingen an der Nahe: zu einer Familie, die aus einem gemischten Landwirtschaftsbetrieb ein auf Riesling ausgerichtetes Weingut formte – und sich auch heute nicht nur an dem orientiert, was sich am leichtesten verkaufen ließe.

    Vom Mischbetrieb zum Weingut

    Weinbau in der Familie Emrich ist laut der betriebseigenen Chronik seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt. In den 1960er Jahren sicherte Landwirtschaft neben Viehhaltung den Betrieb gegen die Risiken des Weinbaus ab. Zwischen 1965 und 1985 wurde daraus schrittweise ein reines Weingut; die Rebfläche wuchs nach Angaben des Hauses von etwa zwei auf zehn Hektar. Werner Schönleber setzte den Ausbau fort. 1994 trat der Betrieb dem VDP bei.

    Seit 2018 liegt die alleinige Verantwortung bei Frank Schönleber, der den Betrieb zuvor mit seinem Vater Werner geführt hatte. Die Arbeitsteilung bleibt familiär: Werner bringt seine langjährige Erfahrung im Außenbetrieb ein, Frank verantwortet Keller und Weinbauentscheidungen. Hanne Schönleber betreut vor allem Verkauf und Privatkunden; Anja Schönleber unterstützt Büro und Buchhaltung. Diese Rollen schildert die Familie selbst – sie geben Einblick in eine Organisation, in der Weinberg, Keller und Kundenkontakt nicht als getrennte Welten erscheinen.

    Der Hang als langfristige Aufgabe

    Der Halenberg ist mehr als ein Name auf dem Etikett. Frank Schönleber sagt im VDP-Interview, der Familie gehörten mehr als 60 Prozent der VDP.GROSSEN LAGE. Einen großen Teil habe sie nach jahrzehntelanger Verbuschung rekultiviert. Das ist eine langfristige Entscheidung: Flächen zurückzugewinnen verlangt Arbeit, bevor daraus wieder Ertrag werden kann. Der Betrieb führt außerdem die Lagen Frühlingsplätzchen und Auf der Ley in Monzingen sowie den Monzinger Niederberg.

    Die VDP-Angaben nennen 22,8 Hektar Rebfläche und Riesling als mit Abstand wichtigste Rebsorte. Die eigene Chronik spricht von rund 22 Hektar und einem Rieslinganteil von rund 90 Prozent; die Angaben weichen in den Anteilen leicht voneinander ab. Das gemeinsame Bild ist klar: Der Betrieb konzentriert sich stark auf Riesling, ergänzt durch Burgundersorten. Der VDP führt Schiefer, Quarzit und Kiesel als geologische Merkmale der Weinberge.

    Nicht nur dem Markt folgen

    Eine wirtschaftliche Entscheidung lässt sich auch daran ablesen, was ein Betrieb nicht aufgibt. Frank Schönleber beschreibt im VDP-Interview, dass die Nachfrage zunehmend den trockenen Weinen zugutekam. Komplett auf trockene Weine umzustellen, wäre nach seiner Einschätzung wirtschaftlich naheliegend. Trotzdem hält das Haus an fruchtsüßen Spätlesen fest: als Tradition der Nahe, die weiterentwickelt werden soll, statt sie aus dem Sortiment zu streichen.

    Das ist keine Absage an Veränderung. Schönleber spricht von einer feineren Ausrichtung dieser Weine und nennt als weiteres Vorhaben, einen Teil der Orts- und Lagenweine länger im Keller zurückzuhalten. Das bindet Lagerraum und verzögert den Verkauf; wie stark sich das betriebswirtschaftlich auswirkt, lässt sich aus öffentlichen Angaben nicht beziffern. Es zeigt aber, dass Entscheidungen hier nicht allein am kurzfristigen Absatz ausgerichtet werden.

    Auszeichnung und Alltag

    Der Weinguide-Titel würdigt das Haus, ersetzt aber nicht den Blick auf seine Entwicklung: den Umbau vom Mischbetrieb, die Rekultivierung am Halenberg und die Aufgabenverteilung über mehrere Generationen. Emrich-Schönleber ist ein Familienbetrieb, dessen Kontinuität nicht bedeutet, alles unverändert zu lassen. Sie zeigt sich darin, dass ein jüngerer Betriebsleiter Verantwortung übernimmt, während Erfahrung und gewachsene Verpflichtungen im Weinberg präsent bleiben – und dass auch eine weniger gefragte Weinkategorie ihren Platz behalten darf.

  • Wenn weniger Rebfläche zur Betriebsstrategie wird

    Wenn weniger Rebfläche zur Betriebsstrategie wird

    Eine Rebzeile aufzugeben, ist eine Entscheidung mit langer Halbwertszeit. In Rheinland-Pfalz können Winzerinnen und Winzer vom 9. bis 30. November 2026 eine Förderung für die dauerhafte Rodung produktiver Rebflächen beantragen. Das Land stellt 5.000 Euro je Hektar in Aussicht. Doch die Prämie ist nicht einfach ein Zuschuss zu einer ohnehin fälligen Arbeit: Mit ihr geben Betriebe Pflanzmöglichkeiten auf – und müssen klären, was mit dem Boden und den verbleibenden Kosten geschieht.

    Der Schritt fällt in eine Zeit, in der die Rebfläche des Landes bereits schrumpft. Nach Angaben des Statistischen Landesamts waren 2025 rund 64.694 Hektar mit Keltertrauben bestockt, 398 Hektar beziehungsweise 0,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Förderung setzt damit einen politischen Anreiz in einem Markt, der Anpassungsdruck auf Betriebe ausübt. Sie beantwortet aber nicht, welche Flächen langfristig wirtschaftlich tragfähig sind.

    Geld für den dauerhaften Schnitt

    Beantragt werden kann die Prämie für produktive Flächen, die in der Weinbaukartei des Betriebs geführt werden. Voraussetzung sind ordnungsgemäße Traubenerntemeldungen für 2024 und 2025 sowie eine fristgerechte Meldung für 2026. Ausgeschlossen sind unter anderem Rebflächen, die in den vergangenen fünf Jahren eine Förderung zur Umstrukturierung erhalten haben, sowie Steillagen ab 30 Prozent Hangneigung. Nach Bewilligung – voraussichtlich im Januar oder Februar 2027 – darf gerodet werden. Die Auszahlung folgt nach Kontrolle der Rodung.

    Der entscheidende Unterschied zur Umstrukturierung liegt im Ziel: Dort wird eine Rebfläche für eine erneute oder veränderte Bewirtschaftung vorbereitet. Die Rodungsprämie hingegen soll produktive Rebfläche dauerhaft aus dem Weinbau nehmen. Für die geförderte Fläche entfällt grundsätzlich der Anspruch auf eine Wiederbepflanzungsgenehmigung. Zudem werden bestehende Neuanpflanzungsgenehmigungen des Betriebs gelöscht; zehn Jahre lang können keine neuen beantragt werden. Eine besondere Möglichkeit bleibt: Eine Genehmigung, die durch die Rodung einer anderen Fläche entstanden ist, kann für die geförderte Fläche genutzt werden.

    Weniger Fläche heißt nicht automatisch weniger Aufwand

    Für die Betriebsrechnung zählt nicht nur die Zahlung pro Hektar. Die Rodung selbst kostet Arbeit und Geld; auch danach kann Pflege nötig sein, damit die Fläche nicht verwildert oder unerwünschte Gehölze aufkommen. Ob sich Kosten tatsächlich verringern, hängt davon ab, wie die Parzelle bisher bewirtschaftet wurde, ob sie gepachtet ist und welche Nutzung künftig möglich ist. Ein einheitlicher Betrag kann diese Unterschiede nicht abbilden.

    Die Fläche kann außerdem Teil eines größeren Betriebszusammenhangs sein: Wege, Maschinen, Arbeitsabläufe und Pachtverhältnisse richten sich häufig nach mehreren Parzellen. Werden einzelne Stücke aufgegeben, kann das die Bewirtschaftung der verbleibenden Weinberge erleichtern – oder neue organisatorische Fragen aufwerfen. Das ist eine betriebliche Abwägung, keine automatische Folge der Förderung. Auch die Nutzung nach der Rodung lässt sich nicht pauschal festlegen; sie hängt unter anderem von Eigentum, Verträgen, örtlichen Bedingungen und möglichen weiteren Genehmigungen ab.

    Anpassung mit langer Frist

    Die Landesstatistik zeigt einen Rückgang, aber keine simple Erklärung für jede einzelne Rodung. 2025 sank die bestockte Rebfläche in Rheinland-Pfalz um 0,6 Prozent; gegenüber 2020 verzeichneten mehrere Anbaugebiete ebenfalls Rückgänge. Bundesweit fiel die Weinerzeugung im Wirtschaftsjahr 2024/25 laut vorläufiger BMEL-Bilanz um knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Solche Zahlen beschreiben den wirtschaftlichen Kontext, sagen aber nicht, welche Parzelle eines konkreten Betriebs aufgegeben werden sollte.

    Die Prämie macht Flächenaufgabe zu einer ausdrücklich geförderten Option – und verbindet sie mit langfristigen Einschränkungen. Für Betriebe geht es deshalb nicht allein um die Frage, ob 5.000 Euro je Hektar die Rodungskosten auffangen. Entscheidend ist, welchen Platz die Fläche in der Betriebsplanung hat und was der dauerhafte Verzicht auf Pflanzgenehmigungen bedeutet. Weniger Rebfläche kann eine Strategie sein. Ihre Tragfähigkeit hängt davon ab, ob sie Kosten, Arbeitsaufwand und die Zukunft der verbleibenden Weinberge zusammenbringt.

  • Wie belastbar ist ein Geschmackseindruck?

    Wie belastbar ist ein Geschmackseindruck?

    Ein Wein steht im Glas, zwei Menschen probieren ihn – und berichten vielleicht von unterschiedlichen Eindrücken. Auch ein und dieselbe Person kann bei einer späteren Probe anders urteilen. Das macht Geschmack nicht beliebig. Es zeigt vielmehr, dass Wahrnehmung von Bedingungen abhängt und Fragen braucht, die sich prüfen lassen: Erkennen Prüfpersonen einen Unterschied? Beschreiben sie ihn ähnlich? Kommen sie bei einer Wiederholung zu vergleichbaren Einschätzungen?

    Die 15. Deutschen Sensoriktage an der Hochschule Geisenheim am 5. und 6. November 2026 geben Anlass, solche Fragen genauer anzusehen. In der Sensorik geht es nicht darum, einen einzigen, allgemeingültigen Geschmack festzuschreiben. Sie untersucht, was Menschen mit ihren Sinnen wahrnehmen – und wie zuverlässig sich diese Wahrnehmung unter bestimmten Bedingungen erfassen lässt.

    Was genau soll geprüft werden?

    Eine sensorische Prüfung beginnt nicht mit dem Urteil „gut“ oder „schlecht“, sondern mit einer klaren Frage. Unterscheiden sich zwei Weine wahrnehmbar? Wie stark ist eine bestimmte Eigenschaft ausgeprägt? Oder welches Produkt bevorzugen Verbraucherinnen und Verbraucher? Das sind verschiedene Aufgaben: Eine Präferenz sagt etwas über Gefallen aus, ein Unterschiedstest über die Wahrnehmbarkeit eines Unterschieds. Beides sollte nicht verwechselt werden.

    Auch die Prüfgruppe richtet sich nach der Frage. Geschulte Prüfpersonen können beispielsweise beschreiben, welche Eigenschaften sie wahrnehmen und wie intensiv sie diese einschätzen. Verbraucherbefragungen wiederum untersuchen, wie Produkte bei einer bestimmten Zielgruppe ankommen. Die Hochschule Geisenheim beschreibt für ihre Sensoriklabore sowohl analytische Prüfungen als auch Verbrauchertests. Welches Verfahren passt, hängt davon ab, was man herausfinden will.

    Schulung macht Eindrücke vergleichbarer

    Eine Schulung soll nicht allen Prüfenden denselben Geschmack beibringen. Sie hilft ihnen vielmehr, Unterschiede zwischen Wahrnehmungen und Bewertungen zu erkennen, Begriffe abzustimmen und Skalen konsistent anzuwenden. Referenzen – etwa eindeutig festgelegte Vergleichsproben für eine Eigenschaft – können dabei helfen, die Bedeutung eines Begriffs zu klären. Eine Beschreibung wie „intensiv“ wird dadurch nicht zu einer objektiven Wahrheit; sie erhält aber einen nachvollziehbaren Rahmen.

    Auch Fachleute sind keine Messgeräte ohne Streuung. Menschen unterscheiden sich in ihrer Empfindlichkeit und darin, wie sie Eindrücke benennen. Deshalb wird bei einer quantitativen beschreibenden Analyse nicht nur auf den Mittelwert geschaut: Wichtig ist auch, ob einzelne Prüfpersonen Produkte unterscheiden können, wie gut sie sich innerhalb der Gruppe abstimmen und ob sie ihre eigenen Einschätzungen wiederholen können. Die Norm ISO 11132 beschreibt Kriterien, mit denen sich die Leistung eines geschulten Panels und seiner Mitglieder überprüfen lässt.

    Versuchsaufbau: kleine Details, große Wirkung

    Wer weiß, was im Glas ist, kann Erwartungen in die Wahrnehmung einbringen. Bei einer Blindprüfung bleiben Identität und Marke deshalb verborgen. Zufällige Codes und wechselnde Reihenfolgen erschweren es, aus der Position oder dem Etikett auf die Probe zu schließen. Einheitliche Gläser, Mengen und Temperaturen reduzieren weitere Einflüsse. Pausen sind wichtig, weil mehrere Proben hintereinander ermüden oder die Wahrnehmung beeinflussen können.

    Solche Vorkehrungen beseitigen Vorurteile und Schwankungen nicht vollständig. Sie begrenzen sie und machen den Versuch fairer. Ebenso entscheidend ist, dass die Frage und die Auswertung vorab feststehen: Ein Unterschied, der nachträglich aus vielen möglichen Eindrücken herausgesucht wird, ist weniger überzeugend als eine gezielt getestete Erwartung.

    Wiederholung ist ein Belastungstest

    Wird dieselbe Probe unter ähnlichen Bedingungen erneut geprüft, lässt sich die Wiederholbarkeit einschätzen: Kommt eine Person oder ein Panel zu vergleichbaren Ergebnissen? Das ist nicht dasselbe wie Reproduzierbarkeit. Dafür müsste man zusätzlich betrachten, ob Ergebnisse auch bei veränderten Bedingungen – etwa mit einem anderen Panel oder zu einem anderen Zeitpunkt – Bestand haben. Selbst gute Wiederholbarkeit beweist nicht, dass ein Urteil für alle Menschen gilt oder dass eine Vorliebe „richtig“ ist.

    Damit wird die Grenze sensorischer Aussagen sichtbar: Sie beschreiben Wahrnehmungen von Menschen in einem bestimmten Prüfverfahren. Sie können belastbare Hinweise auf Unterschiede, Eigenschaften oder Akzeptanz liefern, wenn Fragestellung, Schulung und Versuchsaufbau passen. Das Ergebnis bleibt aber an diese Bedingungen gebunden. Ein persönlicher Geschmackseindruck ist also weder bloße Laune noch ein objektives Messresultat. Wissenschaftliche Sensorik macht ihn prüfbarer – und genauer darin, was er aussagen kann und was nicht.

  • Wer im Weinführer sichtbar wird – und wer nicht

    Wer im Weinführer sichtbar wird – und wer nicht

    Ein Weinführer zeigt nicht nur, welche Weine seine Redaktion überzeugen. Er entscheidet auch, welche Weingüter überhaupt in den Blick geraten. Wer im Buch steht, bekommt einen Platz auf der gedanklichen Landkarte der Leser. Wer fehlt, bleibt dort zunächst unsichtbar – aus Gründen, die eine Punktzahl allein nicht erklären könnte.

    Der am 3. November 2026 erschienene VINUM Weinguide Deutschland 2027 bietet dafür einen aktuellen Anlass. Nach Verlagsangaben wurden mehr als 10.000 Weine verkostet und rund tausend Weingüter neu beschrieben. Das ist eine umfangreiche Auswahl. Ein vollständiges Verzeichnis des deutschen Weinbaus ist es nicht.

    Die Auswahl beginnt vor dem ersten Glas

    VINUM beschreibt den Zugang als Einladungsverfahren: Im Frühjahr bittet die Redaktion Kandidaten zur Teilnahme. Interessierte Betriebe können sich über eine zentrale Kontaktadresse melden; ihre Anfrage wird an die Redaktion weitergereicht. Damit gibt es einen Weg, selbst auf sich aufmerksam zu machen. Ein Anspruch auf Aufnahme lässt sich daraus nicht ableiten.

    Nach den veröffentlichten Grundsätzen verlangt VINUM keine Verkostungsgebühren; auch die Aufnahme ist laut Verlag nicht kostenpflichtig. Die Betriebe sollen eine repräsentative Kollektion einsenden, vom Basiswein bis zur Jahrgangsspitze. Gebührenfreiheit beseitigt damit eine mögliche finanzielle Zugangshürde. Flaschen auszuwählen, Angaben zusammenzustellen und ein Paket zu versenden, bleibt dennoch Arbeit auf dem Weingut.

    Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Zugang und Urteil: Erst muss ein Betrieb berücksichtigt werden, dann müssen seine Weine auf dem Tisch stehen. Die spätere Bewertung kann nur erfassen, was tatsächlich zur Probe gelangt.

    Blindprobe ist nicht gleich Vollerhebung

    Das Verfahren besteht nach VINUMs Darstellung aus mehreren Stufen. Zunächst werden Weine offen verkostet, also mit bekannter Identität. In regionalen Endrunden folgen für Weine ab einer bestimmten Punktzahl Blindproben; nationale Finalproben dienen dem Vergleich der Spitzen. Der Guide arbeitet somit nicht ausschließlich verdeckt.

    Beides hat unterschiedliche Aufgaben: Die offene Probe soll die Entwicklung eines Betriebs einordnen, die verdeckte den Vergleich ohne sichtbaren Namen ermöglichen. Doch auch eine Blindprobe beantwortet nicht, warum ein anderes Weingut gar nicht eingeladen wurde oder keine Kollektion geschickt hat. Die Fairness der Bewertung und die Breite der Auswahl sind zwei getrennte Fragen.

    Kleine Güter, große Fragezeichen

    Für 2027 erklärt VINUM, Qualität entscheide, nicht Betriebsgröße oder Marketingbudget. Das ist der redaktionelle Maßstab. Ob kleine Familienbetriebe, größere Güter und Genossenschaften entsprechend ihrer jeweiligen Verbreitung vorkommen, lässt sich mit den veröffentlichten Angaben jedoch nicht feststellen. Dafür bräuchte es Vergleichszahlen zu Einladungen, Einsendungen und Aufnahmen nach Betriebsgröße und Betriebsform.

    Auch die Darstellung wäre zu untersuchen: Ein Eintrag allein sagt noch nichts über Textumfang, hervorgehobene Weine oder zusätzliche Aufmerksamkeit durch eine Auszeichnung. Aus der bloßen Zahl der Porträts lässt sich deshalb keine Chancengleichheit ableiten. Ebenso wenig belegt sie eine Benachteiligung kleiner Betriebe.

    Sichtbarkeit ist auch eine Entscheidung des Betriebs

    Wie unterschiedlich Weingüter mit dieser Öffentlichkeit umgehen, zeigen ihre eigenen Veröffentlichungen. Das fränkische Weingut Schäffer meldete im Dezember 2025 die positive Aufnahme seiner Weine im VINUM Weinguide 2026 auf seiner Website. Die Bewertung wird damit Teil der eigenen Kommunikation.

    Das Ingelheimer Wein- und Sektgut Menk betonte dagegen in seiner Angebotsliste vom Mai 2024 Distanz zu Weinführern und verwies auf seine Teilnahme an der Landesweinprämierung Rheinland-Pfalz. Das dokumentiert eine andere Haltung zur Bewertung, aber weder eine Ablehnung durch VINUM noch den Status in der Ausgabe 2027.

    Die wichtigste Leseregel bleibt deshalb schlicht: Ein fehlender Eintrag ist kein belastbares Qualitätsurteil. Ein Weinführer bietet Orientierung innerhalb seiner Auswahl. Wie diese entsteht, gehört zur Aussagekraft des Buches ebenso wie die Punkte im Porträt.

  • Was eine Weinauktion über den Markt verraten kann – und was nicht

    Was eine Weinauktion über den Markt verraten kann – und was nicht

    Ein hoher Zuschlag ist eine klare Zahl. Seine Bedeutung ist weniger eindeutig. Wenn am Samstag, 7. November 2026, in Bad Kreuznach Wein versteigert wird, lässt sich daran Zahlungsbereitschaft ablesen – aber zunächst nur für das konkrete Angebot unter den Bedingungen dieser Auktion.

    Der VDP.Nahe kündigt im Museum Römerhalle, Hüffelsheimer Straße 11, insgesamt 30 Lose von 14 Weingütern an, mit Beteiligung aus Ahr, Rheinhessen und Pfalz. Die Vorprobe läuft von 9 bis 11 Uhr; um 13 Uhr beginnt die auch per Livestream übertragene „nasse“ Versteigerung. Dabei wird eine Auswahl der angebotenen Weine ausgeschenkt. Das Programm bietet einen Blick auf ausgewählte 2025er und ältere Jahrgänge, keine repräsentative Jahrgangsschau.

    Ein Los ist nicht gleich eine Flasche

    Ein Los bezeichnet die separat versteigerte Angebotseinheit. Dahinter können zahlreiche Flaschen stehen; Privatkunden müssen deshalb nicht die gesamte Menge übernehmen. Sie vereinbaren ihren Flaschenwunsch mit einem zugelassenen Weinkommissionär, der für sie bietet.

    Anschaulich wird die Größenfrage beim 2025er Riesling GG „Auf der Ley“ von Emrich-Schönleber aus Monzingen an der Nahe. Der Katalog führt unter N14 bis N16 insgesamt 360 Flaschen à 0,75 Liter, 60 Magnumflaschen à 1,5 Liter und sechs Doppelmagnumflaschen à drei Liter. Die Ausrufpreise betragen je Flasche 100, 200 und 500 Euro, Stand 5. November 2026, vor Nebenkosten. Das sind Startpreise, keine erzielten Ergebnisse.

    Schon diese Staffelung zeigt: Die Doppelmagnum startet oberhalb des Vierfachen der Normalflasche, obwohl sie deren vierfachen Inhalt besitzt. Für einen Vergleich kann man auf 0,75 Liter umrechnen. Die unterschiedliche Knappheit der Formate verschwindet dadurch aber nicht. Ein späterer Mehrpreis wäre deshalb nicht automatisch ein höherer Preis für denselben Liter Wein.

    Geboten wird über Mittler

    Nach den Versteigerungsbedingungen dürfen ausschließlich anerkannte Weinkommissionäre mitsteigern. Der Auftrag nennt den gewünschten Wein, die Flaschenzahl und das Preislimit. Dieses Limit ist eine Obergrenze, kein zwingender Kaufpreis: Der Kommissionär soll möglichst günstig innerhalb des Auftrags ersteigern.

    Auch beim Preis sind mehrere Ebenen auseinanderzuhalten. Zum Zuschlag kommen laut Bedingungen fünf Prozent Provision, gegebenenfalls Versand und weitere Kosten; Umsatzsteuer ist zusätzlich zu berücksichtigen. Ein veröffentlichter Steigpreis lässt sich daher nicht ohne Klärung seiner Berechnungsbasis mit einem Endkundenpreis im Handel vergleichen.

    Was nach dem Zuschlag zählt

    Für die spätere Auswertung wäre zuerst zu fragen: Welche Mengen wurden tatsächlich versteigert, zu welchen Preisen und in welchen Formaten? Ein Mengenrückgang kann einen höheren Durchschnittspreis begleiten. Umgekehrt kann ein größerer Erlös allein aus einem umfangreicheren Angebot entstehen. Charity-Lose sollten separat betrachtet werden: Hier lässt sich die Zahlungsbereitschaft für Wein nicht sauber vom Spendenmotiv trennen.

    Belastbarer als der höchste Einzelpreis wäre deshalb eine Gegenüberstellung vergleichbarer Positionen über mehrere Jahre, jeweils mit Menge, Format und identischer Preisbasis. Auch sie beschreibt allerdings nur diesen Ausschnitt des Marktes. Der Zuschlag allein verrät weder, wie viele Endkunden hinter einem Kommissionär stehen, noch wie leicht der Wein später weiterverkauft werden könnte.

    Den notwendigen Gegenblick liefert der breitere Absatzmarkt: Nach Angaben des Deutschen Weininstituts gingen 2025 die in Deutschland eingekauften Weinmengen und die damit erzielten Umsätze gegenüber 2024 jeweils um rund sieben Prozent zurück. Grundlage ist eine vom DWI beauftragte NielsenIQ-Analyse. Ein hoher Auktionspreis würde diesem Befund nicht widersprechen. Seltene Weine können gefragt sein, während insgesamt weniger Wein gekauft wird. Die Nahe-Auktion ist damit ein aufschlussreiches Marktfenster – aber kein Abbild der ganzen Weinwirtschaft.

  • Zürich und Basel: Zwei Wege, Weinregionen zu erklären

    Zürich und Basel: Zwei Wege, Weinregionen zu erklären

    Weinregionen kommen im November an zwei sehr unterschiedlichen Orten in die Stadt: auf die Zürichseeflotte am Bürkliplatz und in die historischen Säle des Badischen Bahnhofs in Basel. Die Expovina läuft vom 29. Oktober bis 12. November 2026; der Badische Weinbahnhof folgt am 14. November. Hier eine internationale Auswahl, dort die Konzentration auf ein deutsches Anbaugebiet.

    Beide Veranstaltungen bringen Herkunft dorthin, wo das Publikum lebt. Doch ihre Programme setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Zürich bietet Orientierung in einer großen Weinwelt, Basel macht Unterschiede innerhalb einer benachbarten Region zum Thema.

    Zürich: Orientierung zwischen vielen Herkünften

    Für die Expovina nennt der Veranstalter rund 200 Aussteller und etwa 4.000 Weine aus 33 Ländern. Portugal ist Gastland. Die Messe findet diesmal nicht ausschließlich auf Schiffen statt: Wegen des tiefen Wasserstands wurde ein rund 1.000 Quadratmeter großer Seepavillon eingerichtet. Einzelne Standortangaben im gedruckten Katalog können deshalb überholt sein.

    Zur Vermittlung gehören mehrere Ebenen. Eine digitale Messebegleitung bündelt Weine, Aussteller und Programm. Masterclasses in der Captain’s Lounge auf der Fähre Schwan widmen sich unter anderem Regionen; an der Swan Tasting Bar sind wechselnde Gastregionen vorgesehen. Neben dem Gespräch am Stand gibt es damit ausdrücklich Angebote, die eine Auswahl thematisch zusammenführen.

    Auch prämierte Weine der Expovina Wine Trophy sind Teil des Messeangebots. Auszeichnungen stehen hier also neben Wissensformaten. Über die geografische Herkunft einer Flasche, ihre Rebsorte und die Arbeit im Keller geben allerdings erst die jeweiligen Produktinformationen und Erläuterungen Auskunft. Eine Medaille allein beantwortet diese Fragen nicht.

    Basel: Eine Region wird aufgefächert

    Der Badische Weinbahnhof kündigt für den 14. November von 14 bis 20 Uhr mehr als 30 Betriebe im Gare du Nord im Badischen Bahnhof an. Es ist nach Veranstalterangaben die siebte Ausgabe. Die veröffentlichte Betriebsliste reicht von Weil am Rhein und Istein über Ihringen und Königschaffhausen bis nach Durbach und St. Leon-Rot.

    Damit ist der geografische Rahmen enger als in Zürich, aber keineswegs einheitlich. Baden gliedert sich in neun Weinbaubereiche. Das Deutsche Weininstitut hebt für das Markgräflerland den Gutedel hervor, während am Kaiserstuhl und Tuniberg rote und weiße Burgundersorten eine wichtige Rolle spielen. Schon die Zuordnung eines Betriebs zu seinem Bereich hilft, den großen Herkunftsnamen Baden genauer zu fassen.

    Wie Herkunft und Handwerk zusammenkommen, zeigt ein Ausstellerporträt des Veranstalters: Beim Weingut am Schlipf in Weil am Rhein nennt es für Gutedel Maischegärung und langes Hefelager. Das ist zunächst eine Information über die Erzeugung, keine unabhängige Verkostungsbeschreibung. Sie macht aber deutlich, warum die Rebsorte allein einen Wein noch nicht erklärt.

    Was hinter dem Regionsnamen liegt

    Auch das Wort Vulkan erklärt den Kaiserstuhl nur teilweise. Die Landesgeologie beschreibt dort einen kleinräumigen Wechsel der Ausgangsgesteine und Böden; große Flächen sind von Löss geprägt. Die konkrete Lage eines Weinbergs ist daher aufschlussreicher als ein pauschales Gesteinsetikett. Welche Bedeutung der Standort für einen bestimmten Wein hat, muss am einzelnen Beispiel erläutert werden.

    Die Programme eröffnen somit zwei Vergleichsmöglichkeiten: zwischen Ländern und Regionen in Zürich, zwischen Betrieben einer Region in Basel. Welcher Zugang beim Publikum mehr Verständnis schafft, lässt sich aus den Ankündigungen nicht ableiten. Belegt sind die Angebote, nicht ihr Lernerfolg. Für die Erklärung einer Flasche liefern jedoch Ort, Rebsorte und Ausbau jeweils andere Informationen als Punktzahl und Preis.

  • Treffpunkt Meran: Welche Antworten Italiens Weinbranche jetzt braucht

    Treffpunkt Meran: Welche Antworten Italiens Weinbranche jetzt braucht

    Meran bringt für ein Gespräch über Herkunft gute Voraussetzungen mit: Weinbau prägt das Umland, dessen vergleichsweise mildes Klima und sandige Böden die örtliche Tourismusorganisation hervorhebt. Doch wenn sich die Weinwelt vom 6. bis 10. November zum 35. Merano WineFestival trifft, reicht der Blick auf den Weinberg allein nicht aus. Ebenso wichtig wird sein, wer die Weine künftig bestellt – und zu welchem Anlass.

    Termin und Hauptort sind inzwischen direkt bestätigt: Gourmet’s International veranstaltet das Festival im Kurhaus und an weiteren Orten der Stadt. Die fünftägige Schau bietet damit einen konkreten Treffpunkt für eine Branche, deren Hoffnungen auf Erholung neben grundlegenden Fragen an ihr Angebot stehen.

    Was Meran auf den Tisch bringt

    Der Auftakt am 6. November gehört „TasteTerroir – bio&dynamica“. Angekündigt sind biologische, biodynamische und Naturweine, Amphorenweine sowie Produkte mit wenig oder ohne Alkohol. Vom 7. bis 9. November folgt „The Festival“ mit italienischen und internationalen Weinen; am 10. November setzt „Catwalk Champagne &more“ den Schwerpunkt auf Schaumwein. Masterclasses im Hotel Terme ergänzen das Programm.

    Schon diese Nachbarschaft ist interessant: Herkunft, Bewirtschaftung, Ausbaugefäß und Alkoholgehalt bezeichnen unterschiedliche Eigenschaften eines Weins. Keine ersetzt die andere. Die Frage an die Betriebe lautet deshalb nicht bloß, welche Kategorie sie bedienen. Sie lautet, wie verständlich sie erklären können, was ihr Produkt ausmacht. Meran ist dabei keine Vorschau auf einen einzigen Jahrgang, sondern ein Vergleichsraum für unterschiedliche Herkünfte und Erzeugnisse. Ein Qualitätsurteil über das angekündigte Angebot lässt sich daraus nicht ableiten.

    Exportplus ist noch keine Entwarnung

    Wie vorsichtig Erfolgsmeldungen zu lesen sind, zeigen die jüngsten Zahlen des Branchenverbands Unione Italiana Vini. Nach dessen Auswertung vorläufiger EU-Daten stieg der Wert italienischer Weinlieferungen in die USA von Juli bis September 2026 gegenüber dem Vorjahresquartal um nahezu 17 Prozent. Über die ersten neun Monate blieb jedoch ein Minus von sechs Prozent.

    UIV-Präsident Lamberto Frescobaldi sieht als mögliche Erklärung für den Quartalsanstieg auch das Auffüllen amerikanischer Lager, nicht allein zusätzlichen Konsum. Für die Gespräche in Meran ergibt sich daraus eine nüchterne Leitfrage: Kommen neue Bestellungen aus dauerhaftem Interesse – oder aus dem Warenbedarf der Zwischenhändler? Beides kann Kellereien helfen, verlangt aber unterschiedliche Planung. Eine Exportzahl allein beantwortet noch nicht, welche Weine am Restauranttisch oder im Handel tatsächlich überzeugen.

    Alkoholfrei braucht ein eigenes Profil

    Besonders deutlich wird die Unsicherheit bei entalkoholisierten Weinen. Im April erwartete das Observatorium UIV-Vinitaly für 2026 einen Anstieg der italienischen Produktion um 90 Prozent. Das war eine Prognose, kein bereits erreichtes Jahresergebnis. Zugleich meldete die Untersuchung FIPE-UIV, dass 71 Prozent der befragten Restaurants kein Interesse hätten, entalkoholisierte Weine auf ihre Karte zu nehmen.

    Wachstumserwartung und Zurückhaltung stehen also nebeneinander. Dass der Meraner Auftakttag No-/Low-Alcohol-Produkte ausdrücklich aufführt, macht die Kategorie sichtbar; ihren Platz beim Publikum beweist es noch nicht. Zu klären bleibt, welches geschmackliche Profil, welchen Service und welche verständliche Ansprache solche Produkte brauchen. Sie verdienen eine eigenständige Betrachtung, nicht die Rolle einer bloßen Ersatzlösung.

    Die produktivste Erwartung an Meran ist deshalb keine schnelle Antwort für ganz Italien. Interessant wird, ob Betriebe Herkunft und veränderte Nachfrage zusammenbringen, ohne ihre Unterschiede einzuebnen. Nicht jeder Wein muss leichter werden, nicht jedes Weingut braucht eine alkoholfreie Linie. Aber jedes Angebot braucht eine plausible Antwort auf die Frage, für wen es gedacht ist.

  • Pilzfest ist nicht trockenheitsfest: Welche Rebe für welches Problem?

    Pilzfest ist nicht trockenheitsfest: Welche Rebe für welches Problem?

    Gesunde Trauben, aber zu wenig Wasser: Schon zum Lesebeginn am 18. August 2026 meldete das Deutsche Weininstitut Trockenheitsprobleme, besonders in jungen Anlagen. Teilweise wurden Trauben entfernt, um die Reben zu entlasten. Auch ältere Weinberge auf wenig wasserspeichernden Böden waren gefährdet. Der Bericht beschreibt einen Zwischenstand, zeigt aber deutlich: Traubengesundheit und Wasserversorgung sind verschiedene Aufgaben.

    Genau deshalb lohnt der Blick auf die Geisenheimer Rebsortentage vom 27. und 28. August 2026. Die Hochschule stellte dort Arbeiten an PIWI-Sorten, Klonen und Unterlagen vor. Drei Ansätze, die im Gespräch über robuste Reben leicht zusammenrücken, tatsächlich aber unterschiedliche Probleme bearbeiten.

    PIWI: Abwehr ist kein Wasservorrat

    PIWI steht für pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Bei ihrer Züchtung werden Qualitätseigenschaften von Kulturreben mit Resistenzen anderer Reben kombiniert. Im Mittelpunkt stehen der Echte und der Falsche Mehltau. Die Widerstandskraft fällt je nach Sorte und Erreger unterschiedlich aus; auch Blätter und Trauben können verschieden reagieren.

    Widerstandsfähig bedeutet zudem nicht unverwundbar. Die rheinland-pfälzische Weinbauberatung sieht auch bei PIWIs gezielte Pflanzenschutzbehandlungen vor, unter anderem, um die Resistenz zu erhalten. Der Gewinn liegt im verminderten Aufwand, nicht im Versprechen völliger Behandlungsfreiheit.

    Über die Reaktion auf Wassermangel sagt das Kürzel dagegen nichts Verlässliches. Das Julius Kühn-Institut behandelt Klimaanpassung ausdrücklich als zusätzliche Züchtungsaufgabe neben der Pilzresistenz. Eine PIWI-Sorte kann für einen trockenen Standort geeignet sein – belegt werden muss diese Eigenschaft gesondert.

    Klone: dieselbe Sorte, andere Trauben

    Klonenselektion setzt innerhalb einer bestehenden Rebsorte an. Ausgewählte Rebstöcke werden vegetativ, also ohne neue Kreuzung über Samen, vermehrt. Genutzt werden Unterschiede, die etwa durch natürliche Mutationen entstanden sind.

    Ein anschauliches Beispiel liefert der Spätburgunder: Geisenheim entwickelte unter anderem lockerbeerige und kleinbeerige Klontypen sowie solche mit aufrechtem Wuchs. Ziel war insbesondere, die Anfälligkeit für Botrytis, den Erreger der Graufäule, zu senken. Eine günstigere Traubenstruktur ist jedoch etwas anderes als die eingekreuzte Mehltauresistenz einer PIWI-Sorte. Und auch sie belegt noch keine Trockenheitstoleranz.

    Unterlagen: die Entscheidung unter der Erde

    Bei der Pfropfrebe trägt die Unterlage das Wurzelsystem; auf ihr sitzt das Edelreis der gewünschten Weinsorte. Unterlagen dienen dem Schutz vor der Wurzelreblaus, müssen aber zugleich zum Boden und zum Wasserhaushalt passen.

    Wie eng die Auswahl abgewogen werden muss, zeigt Weinbauberater Gerd Götz vom DLR Rheinpfalz: Trockentoleranz steht neben Kalkverträglichkeit, Wuchskraft und Verträglichkeit mit dem Edelreis. Auch die Reife wird beeinflusst. Für einen beispielhaften trockenen, heißen Rieslingstandort nennt er unter anderem „5 BB“ und „1103 Paulsen“ als mögliche Unterlagen. Das ist eine standortgebundene Abwägung, keine Bestenliste für trockene Weinberge.

    Erst den Standort prüfen

    Für eine Pflanzentscheidung gehören deshalb Bodenbeschaffenheit, Wasserhaushalt, Kalkgehalt, Pflanzdichte und Ertragsziel zusammen. Dazu braucht es mehrjährige Vergleiche der vorgesehenen Sorte-Klon-Unterlagen-Kombination unter ähnlichen Bedingungen. Auch das Rebalter zählt: Geisenheim untersucht Wasserstresstoleranz in einem Rieslingversuch mit gleichem Klon und gleicher Unterlage, aber unterschiedlich alten Reben.

    Die entscheidende Frage lautet also nicht: Welche Rebe kann alles? Sondern: Welches Problem soll sie hier lösen? Gegen Mehltau, Traubenfäule und Wassermangel können unterschiedliche Eigenschaften helfen. Erst ihre passende Kombination macht aus einem einzelnen Vorteil eine tragfähige Entscheidung für den Weinberg.

  • Jahrgang 2026: Wie viel Herkunft steckt im Etikett?

    Jahrgang 2026: Wie viel Herkunft steckt im Etikett?

    Ein Ortsname, ein Weinbergsname, dazu Rebsorte und Jahrgang: Ein deutsches Weinetikett kann viel erzählen. Entscheidend ist allerdings, welchen geografischen Raum ein Name tatsächlich bezeichnet. Eine Großlage ist etwas anderes als eine Einzellage – und erst recht als eine VDP.GROSSE LAGE.

    Mit dem Jahrgang 2026 wird diese Unterscheidung besonders wichtig. Für die geografischen Angaben endet die Übergangsfrist der 2021 eingeführten Herkunftsregeln. Weine bis einschließlich Erntejahrgang 2025 dürfen weiterhin nach den früheren Vorgaben gekennzeichnet und bis zum Aufbrauchen der Bestände verkauft werden. Alte und neue Etiketten werden deshalb nebeneinanderstehen.

    Vom Anbaugebiet zum Weinberg

    Die Reform staffelt die Herkunft von Qualitäts- und Prädikatsweinen genauer. Die Grundebene bildet das bestimmte Anbaugebiet, etwa Mosel, Pfalz oder Rheinhessen. Diese Namen sind geschützte Ursprungsbezeichnungen, kurz g.U. Ohne engere Herkunftsangabe können die Trauben aus dem gesamten jeweiligen Anbaugebiet stammen. „Gebietswein“ beschreibt diese Ebene; das Wort muss nicht als zusätzliche Stufenbezeichnung auf dem Etikett stehen.

    Darüber folgen Bereich beziehungsweise Großlage, dann Gemeinde oder Ortsteil und schließlich Einzellage. Das DWI verbindet damit ein steigendes Qualitätsversprechen. Eine feinere Herkunft ist aber keine Garantie für den persönlichen Geschmack: Die geografische Einordnung ersetzt kein Urteil über den einzelnen Wein.

    Was „Region“ tatsächlich bedeutet

    Das auffälligste Signal ist das vorangestellte Wort „Region“. Wird ein Bereichs- oder Großlagenname verwendet, muss es unmittelbar davorstehen – in gleicher Farbe, Schriftart und Schriftgröße. „Region“ meint hier also nicht einfach eine Weinlandschaft und auch nicht das gesamte Anbaugebiet.

    Ein Bereich ist eine abgegrenzte Einheit innerhalb des Anbaugebiets; eine Großlage fasst mehrere Einzellagen zusammen. Der Zusatz macht kenntlich, dass der folgende Name nicht für einen einzelnen Weinberg steht. Gerade ähnlich klingende Herkunftsnamen lassen sich so besser auseinanderhalten.

    Ortswein und Lagenwein: mehr als Namen

    Trägt der Wein eine Gemeinde oder einen Ortsteil als Herkunftsangabe, gelten zusätzliche Bedingungen. Most oder Maische müssen mindestens den für Kabinett vorgeschriebenen natürlichen Mindestalkoholgehalt erreicht haben: Gemeint ist das aus dem Traubenzucker ableitbare Alkoholpotenzial, nicht der spätere Alkoholwert auf der Flasche. Der Wein muss deshalb weder „Kabinett“ heißen noch süß schmecken. An Endverbraucher darf ein solcher 2026er frühestens am 15. Dezember 2026 abgegeben werden.

    Bei einer Einzellage muss der Gemeinde- oder Ortsteilname unmittelbar davor- oder dahinterstehen. Auch hier gilt die Kabinett-Mindestanforderung. Hinzu kommen Vorgaben zu den Rebsorten, festgelegt in der jeweiligen Produktspezifikation, dem verbindlichen Regelwerk der geschützten Herkunft. Für einen Lagenwein des Jahrgangs 2026 ist die Abgabe an Endverbraucher frühestens am 1. März 2027 erlaubt. Ein Lagenname allein bedeutet weder „trocken“ noch „Großes Gewächs“.

    Gesetz und Verband auseinanderhalten

    Parallel besteht die Klassifikation des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter: VDP.GUTSWEIN, VDP.ORTSWEIN, VDP.ERSTE LAGE und VDP.GROSSE LAGE. Das sind Verbandsstufen, nicht bloß andere Schreibweisen der gesetzlichen Herkunftsebenen. Besonders wichtig: Die VDP.GROSSE LAGE bezeichnet die höchste Lagenstufe des Verbands, keine weingesetzliche Großlage.

    Auch „Erstes Gewächs“ und „Großes Gewächs“ verlangen einen gesonderten Blick. Die 2026 geänderte Weinverordnung sieht sie als Gütezeichen eines eigenen Klassifikationskomitees vor. Dessen Vergaberegeln benötigen die Zustimmung des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Eine besondere Übergangsregelung erlaubt die bisherigen Vorschriften längstens bis einschließlich Jahrgang 2030, endet aber früher, sobald die neue Geschäfts- und Prüfungsordnung samt Vergabeanforderungen wirksam wird.

    Die wichtigste Lesereihenfolge bleibt damit einfach: zuerst das Anbaugebiet, dann die engere geografische Angabe, schließlich mögliche Verbands- oder Gütezeichen. So wird sichtbar, was ein Etikett über Herkunft verbindlich sagt – und was es über den Geschmack noch offenlässt.

  • Eine Ernte, mehrere Zahlen: Wie der Jahrgang 2026 vermessen wird

    Eine Ernte, mehrere Zahlen: Wie der Jahrgang 2026 vermessen wird

    Eine Weinernte kann gegenüber dem Vorjahr wachsen und trotzdem unterdurchschnittlich ausfallen. Sie kann auch in zwei Veröffentlichungen unterschiedlich groß erscheinen, ohne dass eine davon zwangsläufig falsch ist. Beim deutschen Jahrgang 2026 treffen beide Fälle zusammen. Wer die Zahlen verstehen will, muss zuerst auf ihre Zeitangaben schauen.

    Veröffentlichungsdatum ist nicht Erhebungsstichtag

    Die am 13. Oktober veröffentlichte Destatis-Prognose nennt 8,0 Millionen Hektoliter Weinmost: fünf Prozent mehr als 2025, vier Prozent weniger als im Durchschnitt 2020 bis 2025. Ihr Datenstand ist jedoch der 20. September. Rund 400 freiwillige Berichterstatterinnen und Berichterstatter schätzen die erwarteten Mosterträge ihrer Betriebe. Das ist keine vollständige Vermessung bereits gefüllter Keller; Erfahrungen und Annahmen über den weiteren Verlauf fließen ein.

    Die jüngere DWI-Mitteilung vom 20. Oktober verarbeitet dagegen die abschließenden regionalen Schätzungen aus allen 13 Anbaugebieten. Ihre Tabelle trägt den Stand 21. Oktober und summiert sich auf 7,732 Millionen Hektoliter. „Final“ bezeichnet hier weiterhin eine Schätzung, nicht das endgültige amtliche Ernteergebnis. Auch sind beide Veröffentlichungen keine völlig getrennten Messwelten: Die DWI-Tabelle nennt den Deutschen Weinbauverband und Destatis als Datenherkunft.

    Zwei Maßstäbe für dieselbe Menge

    Gerundet spricht das DWI von 7,7 Millionen Hektolitern und Vorjahresniveau. Die Tabelle zeigt gegenüber 7,664 Millionen Hektolitern im Jahr 2025 ein kleines Plus, gerundet ein Prozent. Zugleich liegt die Prognose zehn Prozent unter dem dort ausgewiesenen Zehnjahresmittel.

    Darin steckt kein Widerspruch zu den vier Prozent unter Durchschnitt bei Destatis: Dort umfasst die Vergleichsperiode sechs Jahre, beim DWI zehn. Hinzu kommt die veränderte Ernteschätzung. Die beiden Abstände sind deshalb keine unmittelbar vergleichbaren Schadensanzeigen. Wer eine Ernte einordnet, braucht neben der Menge stets den Bezugszeitraum.

    Mosel, Franken, Pfalz: drei unterschiedliche Bilanzen

    An der Mosel erwartet die jüngere Tabelle 610.000 Hektoliter, 18 Prozent weniger als 2025 und 13 Prozent unter dem Zehnjahresmittel. Franken steht mit 326.000 Hektolitern bei minus 15 beziehungsweise minus 20 Prozent. Die Pfalz dagegen gewinnt gegenüber 2025 zwölf Prozent hinzu: Ihre 2,1 Millionen Hektoliter bleiben dennoch fünf Prozent unter dem längeren Mittel. Erholung ist nicht dasselbe wie eine große Ernte.

    Als Erklärung für die regionalen Unterschiede nennt das DWI die Niederschlagsverteilung und die Wasserspeicherfähigkeit der Böden. Doch auch innerhalb eines Gebiets unterscheiden sich die Bedingungen. Der Pfälzer Winzer Franz Wehrheim berichtet im VDP-Rückblick besonders von Schwierigkeiten junger Anlagen und leichter Böden. Dorothee Zilliken schildert für ihre Beobachtungen an Mosel, Saar und Ruwer dagegen eine gute Versorgung der Reben trotz Wärme. Solche Betriebsberichte ergänzen die Statistik, ersetzen aber keinen Gebietsdurchschnitt.

    Weniger Most ist noch kein besserer Wein

    Schon zur offiziellen fränkischen Leseeröffnung am 3. September wurden gesunde Trauben und hohe Qualität hervorgehoben. Auch die späteren Branchenberichte beurteilen den Jahrgang ausgesprochen positiv. Sebastian Fürst beschreibt beim VDP eine sehr frühe fränkische Lese und gesundes, reifes Lesegut.

    Das sind zugeordnete Einschätzungen der Erzeugerseite, keine unabhängigen Urteile über sämtliche fertigen Weine. Eine Mengenstatistik kann sie weder bestätigen noch widerlegen. Sie beschreibt, wie viel Most erwartet wird – nicht, wie ausgewogen oder langlebig ein Wein sein wird. Für den Jahrgang 2026 bleiben deshalb zwei Fragen getrennt: Was kam mengenmäßig zusammen? Und was entsteht daraus im Keller?