Ein neuer Weinberg beginnt nicht mit der Frage nach Riesling oder Spätburgunder allein. Unter der Veredelungsstelle sitzt eine zweite genetische Komponente: die Unterlage, auf der die gewünschte Rebsorte wächst. Sie bleibt im Boden verborgen, beeinflusst aber, wie sich Wurzeln und Triebe entwickeln – und damit, wie die Rebe auf ihren Standort reagieren kann.
Dass diese unterirdische Architektur nicht bei jeder Unterlage gleich aussieht, ist Thema der Forschung von Lukas Steng. Die Hochschule Geisenheim meldete am 13. Oktober 2026 den Abschluss seiner Promotion. Die öffentlich zugängliche Hochschulmeldung nennt den Titel der Dissertation, aber keine Ergebnisse. Einen konkreten Einblick in die Fragestellung und mögliche Bedeutung liefert eine begutachtete Geisenheimer Feldstudie aus dem Jahr 2025, an der Steng mitwirkte. Sie ist ein Baustein der Forschung, nicht automatisch eine Zusammenfassung seiner gesamten Dissertation.
Die Rebe besteht aus zwei Partnern
Die europäische Weinrebe wird meist veredelt: Der oberirdische Teil – das Edelreis – trägt die gewünschte Sorte. Darunter bildet die Unterlage das Wurzelsystem. Diese Praxis geht auf die Reblauskrise des 19. Jahrhunderts zurück. Viele Unterlagen stammen aus amerikanischen Rebenarten oder deren Kreuzungen, deren Wurzeln gegenüber der Reblaus widerstandsfähig sind. Die Unterlage ist damit weit mehr als ein biologischer Sockel. Sie kann Wachstum und Versorgung der Rebe mit Wasser und Nährstoffen mitprägen.
„Welche Unterlage passt?“, ist dennoch keine Frage, die sich mit einem einzigen Merkmal beantworten lässt. Boden, Wasserangebot, Kalkgehalt, gewünschte Wuchsstärke und die Eigenschaften des Edelreises spielen zusammen. Die Entscheidung fällt bei der Anlage des Weinbergs – und wirkt über viele Jahre. Gerade bei jungen Reben ist die Etablierung des Wurzelsystems entscheidend: Nach Angaben des Deutschen Weininstituts hatten junge Weinberge im trockenen Sommer 2026 besonders mit Wassermangel zu kämpfen, weil ihr Wurzelsystem noch weniger entwickelt war.
Wurzeln dreidimensional vermessen
Wurzeln im Feld zu untersuchen ist aufwendig. Sie liegen im Boden verborgen, verzweigen sich räumlich und lassen sich nicht einfach vollständig ausgraben, ohne Teile zu verlieren. Die veröffentlichte Studie begegnete dieser Schwierigkeit mit gezieltem Freilegen und digitaler 3D-Erfassung. Untersucht wurden Rieslingreben auf drei Unterlagen: 101-14, SO4 und Richter 110. Insgesamt erfasste das Team 96 Reben zu vier Zeitpunkten innerhalb der ersten 18 Monate nach der Pflanzung.
Die Ergebnisse zeigen Unterschiede in der räumlichen Gestalt und der Verteilung von Biomasse zwischen den untersuchten Genotypen. Richter 110 entwickelte im Versuch besonders tiefe, stärker vertikal ausgerichtete Wurzeln; die maximale gemessene Tiefe lag bei 180 Zentimetern. Die Studie berichtet außerdem, dass das Wurzelwachstum aller drei Varianten stärker entlang der Pflanzreihe als in den Zwischenraum verlief. Solche Befunde helfen, die Unterlage nicht nur als Namen auf dem Pflanzschein, sondern als Teil der Architektur der ganzen Rebe zu betrachten.
Vom Befund zur Entscheidung ist es noch ein Schritt
Eine tiefere Wurzel ist nicht automatisch eine Garantie gegen Trockenstress. Entscheidend ist auch, ob in den tieferen Bodenschichten tatsächlich Wasser verfügbar ist, wie durchlässig oder verdichtet der Boden ist und wie stark die Rebe oberirdisch wächst. Wurzelverteilung, Wasseraufnahme und Reaktion auf Trockenheit sind miteinander verbunden, aber nicht dasselbe. Zudem bildet ein Versuch mit drei Unterlagen und einem Standort nicht die Vielfalt deutscher Weinberge ab.
Die Daten können deshalb eine Grundlage sein, um Modelle zu verbessern und Unterlagen gezielter mit Standortbedingungen abzugleichen. Sie liefern aber keine einfache Rangliste für die Praxis. Auch die Promotionsmeldung selbst nennt keine Ergebnisse, die eine konkrete Empfehlung an Winzerinnen und Winzer tragen würden. Dafür braucht es die vollständige Arbeit und weitere Prüfungen unter unterschiedlichen Böden und Klimabedingungen.
Die Wurzelforschung verschiebt den Blick dennoch an einen wichtigen Ort: in den Boden, in dem die Rebe Wasser und Nährstoffe erschließt. Bei der Planung eines neuen Weinbergs entscheidet nicht allein die Sorte über seine Möglichkeiten. Auch die unsichtbare Hälfte der Pflanze verdient eine präzise Wahl – eine, die Bodenprofil, Wasserhaushalt und das langfristige Ziel des Betriebs zusammendenkt.
Redaktionell geprüft · 7. November 2026


