Freitag, 6. November 2026Regionen · Rebsorten · Weingüter · Genuss

REGIONEN · HINTERGRUND

Klimaanpassung braucht einen Plan für den ganzen Betrieb

Eine Fachtagung auf La Gomera rückt nachhaltigen Weinbau in den Blick. Ihre Inselbedingungen lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen – doch die Fragen nach Wasser, Boden, Arbeit und Wirtschaftlichkeit betreffen Betriebe hier ebenso.

Die Tagung über nachhaltigen Weinbau, die vom 12. bis 14. November 2026 auf La Gomera angekündigt ist, stellt eine Frage, die weit über die Kanaren hinausreicht: Wie kann ein Weinbaubetrieb auf ein unsicherer werdendes Klima reagieren, ohne dabei Wasser, Boden, Arbeitskraft und wirtschaftliche Tragfähigkeit gegeneinander auszuspielen? Der Ort liefert dafür Anschauung – aber kein fertiges Rezept.

La Gomeras Weinberge liegen vielfach an steilen Hängen. Kleine, von Mauern gestützte Terrassen gliedern das Gelände; Maschinen können dort kaum eingesetzt werden. Nach Angaben der kanarischen Landwirtschaftsverwaltung umfasst die geschützte Herkunftsbezeichnung DOP La Gomera rund 120 Hektar. Die Insel ist damit ein besonderer Rahmen für eine Tagung, deren Veranstalter unter anderem Bodenpflege, Begrünung und Weinbau in komplexem Gelände ankündigen.

Anpassung ist mehr als eine Maßnahme

Im deutschen Weinbau liegen andere Bedingungen vor: Flusstäler, Steillagen und wärmere, trockenere Standorte unterscheiden sich selbst innerhalb eines Anbaugebiets. Gemeinsam ist ihnen, dass Reben als Dauerkultur lange an einen Standort gebunden sind. Eine Entscheidung über Begrünung, Unterlage oder Rebsorte wirkt daher über eine Saison hinaus. Und kein einzelner Eingriff beantwortet zugleich die Fragen nach Wasserversorgung, Starkregen, Frost, Erntezeitpunkt und Kosten.

Das zeigt sich bereits beim Boden. Eine Begrünung zwischen den Rebzeilen kann Wasser aufnehmen, Abfluss bremsen und Erosion mindern. Sie beansprucht aber ebenfalls Wasser. In trockenen Phasen zählt deshalb nicht das Prinzip „immer begrünen“, sondern die passende Mischung aus Pflanzenbestand, Pflegezeitpunkt und Bodenverhältnissen. Das Umweltbundesamt nennt Bodenbedeckung, humusfördernde Bewirtschaftung und standortangepasste Bodenbearbeitung als mögliche Wege, Verdunstung und Erosionsrisiko zu reduzieren. Welche davon sinnvoll ist, hängt von Wasservorrat, Hang und Bewirtschaftung ab.

Auch Bewässerung ist keine isolierte technische Entscheidung. Sie setzt eine verfügbare Wasserquelle voraus und kann Investitionen, Energiebedarf sowie laufende Arbeit bedeuten. Wo Wasser knapp oder rechtlich begrenzt ist, lässt sich eine Anlage nicht einfach als allgemeine Klimavorsorge behandeln. Umgekehrt muss ein Betrieb beurteilen, ob in bestimmten Jahren oder Entwicklungsphasen gezieltes Wasser tatsächlich einen Unterschied macht. Dazu gehören belastbare Informationen über Bodenfeuchte und Wetter ebenso wie die Frage, wer die Anlage betreibt und bezahlt.

Boden, Rebe und Arbeitszeit zusammen denken

Für die Rebe selbst kommen weitere Stellschrauben hinzu: Unterlagen, Rebsorten, Laubwand und Zeitpunkt der Arbeiten. Später reifende Sorten oder veränderte Erziehungs- und Pflegemaßnahmen können Spielräume eröffnen, doch Neuanpflanzungen binden Kapital und Fläche über Jahre. Zudem wirken Herkunftsregeln und die Identität eines Betriebs mit: Was sich agronomisch anbietet, muss nicht ohne Weiteres zu einem bestehenden Sortiment oder zu den Vorgaben einer geschützten Herkunft passen.

Ein Projekt der Universität Bayreuth in Franken bringt die Logik einer Betriebsplanung auf den Punkt: Dort werden unter anderem trockenheitstolerante Unterlagen, Begrünung, Bodenpflege und spätreifende Sorten als mögliche Ansätze diskutiert. Die Universität beschreibt erfolgreiche Anpassung nicht als Einzelrezept, sondern als standortspezifische Kombination aus Boden-, Wasser-, Pflanzen- und Biodiversitätsmanagement. Das ist eine hilfreiche Orientierung, keine Erfolgsgarantie. Ein Versuch auf einer fränkischen Fläche belegt nicht automatisch, was in einer Moselsteillage oder auf einem sandigen Standort funktioniert.

Die Kombination muss außerdem zur verfügbaren Arbeitszeit passen. Begrünung will gesteuert, Erosionsschutz gepflegt, Bewässerung überwacht und eine veränderte Reberziehung umgesetzt werden. In Handarbeitslagen ist die zusätzliche Pflege besonders sorgfältig gegen den möglichen Nutzen abzuwägen. Klimaanpassung ist damit auch eine organisatorische Aufgabe: Wer erledigt welche Arbeit, zu welchem Zeitpunkt, mit welcher Technik und mit welchen Kosten? Solche Fragen gehören in denselben Plan wie die Wahl einer Maßnahme.

Was sich übertragen lässt – und was nicht

La Gomeras Terrassen zeigen, wie stark Weinbau an Gelände und menschliche Arbeit gebunden sein kann. Gerade deshalb wäre es falsch, die Insel als Vorbild für deutsche Betriebe schlechthin zu behandeln. Die dortige Herkunft DOP La Gomera und ihre kleinteiligen Hanglagen bilden einen anderen Zusammenhang als deutsche Weinbaugebiete mit anderen Niederschlägen, Böden, Flächenstrukturen und Regeln. Auch die auf der Tagungsseite beschriebenen Themen und Programmpunkte sind zunächst Veranstalterangaben; eine endgültige Bilanz der Tagung kann vor ihrem Beginn nicht gezogen werden.

Übertragbar ist eher die Methode: Risiken für den eigenen Betrieb benennen, mehrere Maßnahmen gemeinsam prüfen und deren Kosten, Nutzen und Nebenwirkungen gegeneinander abwägen. Dazu zählen längere Trockenphasen ebenso wie Starkregen, der Boden abträgt; ein wärmerer Jahresverlauf ebenso wie Spätfrost. Der Klimablick darf nicht nur auf den heißen Sommer fallen.

Ein praktikabler Plan beginnt deshalb mit einer Bestandsaufnahme: Wo steht Wasser zur Verfügung? Welche Parzellen verlieren bei Starkregen Boden? Wo ist Handarbeit unverzichtbar? Welche Investitionen kann der Betrieb tragen, und welche Entscheidungen sind durch Herkunftsregeln oder bestehende Kundenbindungen eingeschränkt? Aus dieser Analyse können Prioritäten entstehen – zunächst kleinere Änderungen bei Bodenpflege und Arbeitsabläufen, später womöglich kostspieligere Eingriffe wie Bewässerung oder eine schrittweise Sortimentsänderung.

Der Ertrag solcher Planung ist nicht, jede Wetterfolge verhindern zu können. Er liegt darin, Abhängigkeiten sichtbar zu machen und Entscheidungen nicht erst dann zu treffen, wenn eine Krise schon auf dem Weinberg steht. Die Tagung auf La Gomera kann dafür Gesprächsanlass sein. Die Antworten müssen jedoch aus dem Boden, dem Wasserhaushalt und der wirtschaftlichen Wirklichkeit jedes einzelnen Betriebs kommen.

Redaktionell geprüft · 5. November 2026

Neu im Magazin

Alle

KI · FRAG DEN ARTIKEL

Fragen?

Fragen stellen oder den Artikel vorlesen lassen · Mikrofon nötig · höchstens 2 Minuten

Ihre Fragen werden nicht gespeichert. KI-Antworten können Fehler enthalten. Es gelten unsere AGB und Datenschutzbestimmungen.