Bäume im Weinberg versprechen vieles auf einmal: Schatten, mehr Vielfalt und möglicherweise einen ausgeglicheneren Wasserhaushalt. Doch unter der Oberfläche stehen Baum und Rebe nicht unabhängig nebeneinander. Beide erschließen Boden, nehmen Wasser und Nährstoffe auf – und können sich dabei in die Quere kommen. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung aus Geisenheim macht diese Konkurrenz messbar, zumindest für drei konkrete Weinberge und ein einzelnes Untersuchungsjahr.
Die Arbeit von Michael Bruch, Lukas Fichtl und Matthias Friedel fragt, was in Reben geschieht, wenn eine Baumreihe in ihrer Nähe steht. Ihr Ergebnis ist kein allgemeines Urteil über Agroforst im Weinbau, sondern ein genauer Blick auf bestimmte Abstände, Standorte und Messzeitpunkte.
Drei Standorte, drei Abstände
Die Forschenden untersuchten 2025 drei Weinberge in Geisenheim. Neben Rebzeilen standen Feldahorn, Birken oder Platanen. Die verglichenen Reben wuchsen in vier, sechs oder 18 Metern Abstand zur Baumreihe. Erfasst wurden unter anderem der Wasserstatus der Reben, das Öffnungsverhalten ihrer Spaltöffnungen und Eigenschaften der Beeren.
Spaltöffnungen sind kleine Poren auf der Blattoberfläche. Über sie nimmt die Pflanze Kohlendioxid auf und gibt Wasserdampf ab. Bei Wassermangel können sie sich stärker schließen; die Pflanze begrenzt damit den Wasserverlust, zugleich wird der Gasaustausch eingeschränkt. Auch das sogenannte Vor-Mittags-Wasserpotential, ein Messwert für den Wasserzustand des Blatts, fiel in der Untersuchung nahe den Bäumen im Mittel negativer aus: bei vier Metern Abstand stärker als bei sechs und 18 Metern.
Das Muster spricht dafür, dass die Reben in unmittelbarer Nähe der Baumreihen unter den untersuchten Bedingungen stärker mit Wasserknappheit konfrontiert waren. Es beweist aber nicht, dass jeder Baum jedem Rebstock Wasser entzieht. Die Messungen bilden einen bestimmten Zeitraum und konkrete Standorte ab; Unterschiede zwischen den Weinbergen beeinflussten mehrere Ergebnisse.
Wurzeln weichen aus
Besonders anschaulich ist der Blick in den Boden. An einem Standort legte das Team sechs Rieslingstöcke frei und erfasste ihre strukturellen Wurzeln dreidimensional. Die Wurzeln tendierten dazu, von der Baumreihe weg zu wachsen; in Richtung der Bäume fanden sich weniger starke Wurzelachsen. Das passt zur Deutung einer Konkurrenz um Wasser. Eine Kartierung von sechs Reben an nur einem Standort kann jedoch nicht zeigen, wie sich Wurzeln in jedem Weinberg oder unter anderen Bodenbedingungen entwickeln.
„Wem steht das Bodenwasser zu?“ ist deshalb keine Frage mit einer einfachen Antwort. Wasser wird nicht zwischen Pflanzen aufgeteilt wie ein festes Vorratsfach. Niederschlag, Bodentiefe und Bodenstruktur, Wurzelverteilung, Baumart und Witterungsverlauf bestimmen, was jeweils erreichbar ist. Auch die Rebe selbst passt ihr Wachstum an. Im Versuch lagen die Baumreihen vier Meter von der ersten Rebzeile entfernt; die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Anordnungen übertragen.
Nutzen und Konkurrenz zugleich
Agroforst – die Kombination von Gehölzen mit landwirtschaftlichen Kulturen – kann das Mikroklima verändern. Baumkronen können Schatten und Windschutz bieten; tief reichende Wurzeln könnten unter bestimmten Bedingungen Wasser aus tieferen Bodenschichten erschließen. Als hydraulischer Lift wird der mögliche Transport tieferen Wassers in trockenere obere Bodenschichten bezeichnet. Ob Reben davon profitieren oder ob die Bäume vor allem mit ihnen konkurrieren, hängt jedoch von den konkreten Bedingungen ab.
Eine weitere 2026 veröffentlichte Untersuchung aus Bordeaux liefert dazu einen anderen, nicht direkt vergleichbaren Befund: In einer ungewöhnlich nassen Vegetationsperiode 2024 fand sie keinen Hinweis auf verstärkte Wasserkonkurrenz zwischen Bäumen und Reben. Sie untersuchte ein anderes System und andere Fragen. Zusammengenommen machen die Arbeiten vor allem deutlich, wie wichtig Wetter und Versuchsbedingungen für die Bewertung sind.
Für die Praxis folgt daraus keine pauschale Empfehlung, Bäume zu pflanzen oder zu meiden. Die Geisenheimer Studie liefert einen Hinweis auf mögliche Wasser- und Wurzelkonkurrenz bei geringer Distanz. Ob daraus ein Vorteil oder ein Nachteil für einen konkreten Weinberg entsteht, lässt sich erst mit Blick auf Standort, Baumart, Abstand, Boden und mehrere Jahre beurteilen. Genau diese Langzeitperspektive bleibt eine wichtige nächste Aufgabe der Forschung.
Redaktionell geprüft · 5. November 2026


