Ein Wein steht im Glas, zwei Menschen probieren ihn – und berichten vielleicht von unterschiedlichen Eindrücken. Auch ein und dieselbe Person kann bei einer späteren Probe anders urteilen. Das macht Geschmack nicht beliebig. Es zeigt vielmehr, dass Wahrnehmung von Bedingungen abhängt und Fragen braucht, die sich prüfen lassen: Erkennen Prüfpersonen einen Unterschied? Beschreiben sie ihn ähnlich? Kommen sie bei einer Wiederholung zu vergleichbaren Einschätzungen?
Die 15. Deutschen Sensoriktage an der Hochschule Geisenheim am 5. und 6. November 2026 geben Anlass, solche Fragen genauer anzusehen. In der Sensorik geht es nicht darum, einen einzigen, allgemeingültigen Geschmack festzuschreiben. Sie untersucht, was Menschen mit ihren Sinnen wahrnehmen – und wie zuverlässig sich diese Wahrnehmung unter bestimmten Bedingungen erfassen lässt.
Was genau soll geprüft werden?
Eine sensorische Prüfung beginnt nicht mit dem Urteil „gut“ oder „schlecht“, sondern mit einer klaren Frage. Unterscheiden sich zwei Weine wahrnehmbar? Wie stark ist eine bestimmte Eigenschaft ausgeprägt? Oder welches Produkt bevorzugen Verbraucherinnen und Verbraucher? Das sind verschiedene Aufgaben: Eine Präferenz sagt etwas über Gefallen aus, ein Unterschiedstest über die Wahrnehmbarkeit eines Unterschieds. Beides sollte nicht verwechselt werden.
Auch die Prüfgruppe richtet sich nach der Frage. Geschulte Prüfpersonen können beispielsweise beschreiben, welche Eigenschaften sie wahrnehmen und wie intensiv sie diese einschätzen. Verbraucherbefragungen wiederum untersuchen, wie Produkte bei einer bestimmten Zielgruppe ankommen. Die Hochschule Geisenheim beschreibt für ihre Sensoriklabore sowohl analytische Prüfungen als auch Verbrauchertests. Welches Verfahren passt, hängt davon ab, was man herausfinden will.
Schulung macht Eindrücke vergleichbarer
Eine Schulung soll nicht allen Prüfenden denselben Geschmack beibringen. Sie hilft ihnen vielmehr, Unterschiede zwischen Wahrnehmungen und Bewertungen zu erkennen, Begriffe abzustimmen und Skalen konsistent anzuwenden. Referenzen – etwa eindeutig festgelegte Vergleichsproben für eine Eigenschaft – können dabei helfen, die Bedeutung eines Begriffs zu klären. Eine Beschreibung wie „intensiv“ wird dadurch nicht zu einer objektiven Wahrheit; sie erhält aber einen nachvollziehbaren Rahmen.
Auch Fachleute sind keine Messgeräte ohne Streuung. Menschen unterscheiden sich in ihrer Empfindlichkeit und darin, wie sie Eindrücke benennen. Deshalb wird bei einer quantitativen beschreibenden Analyse nicht nur auf den Mittelwert geschaut: Wichtig ist auch, ob einzelne Prüfpersonen Produkte unterscheiden können, wie gut sie sich innerhalb der Gruppe abstimmen und ob sie ihre eigenen Einschätzungen wiederholen können. Die Norm ISO 11132 beschreibt Kriterien, mit denen sich die Leistung eines geschulten Panels und seiner Mitglieder überprüfen lässt.
Versuchsaufbau: kleine Details, große Wirkung
Wer weiß, was im Glas ist, kann Erwartungen in die Wahrnehmung einbringen. Bei einer Blindprüfung bleiben Identität und Marke deshalb verborgen. Zufällige Codes und wechselnde Reihenfolgen erschweren es, aus der Position oder dem Etikett auf die Probe zu schließen. Einheitliche Gläser, Mengen und Temperaturen reduzieren weitere Einflüsse. Pausen sind wichtig, weil mehrere Proben hintereinander ermüden oder die Wahrnehmung beeinflussen können.
Solche Vorkehrungen beseitigen Vorurteile und Schwankungen nicht vollständig. Sie begrenzen sie und machen den Versuch fairer. Ebenso entscheidend ist, dass die Frage und die Auswertung vorab feststehen: Ein Unterschied, der nachträglich aus vielen möglichen Eindrücken herausgesucht wird, ist weniger überzeugend als eine gezielt getestete Erwartung.
Wiederholung ist ein Belastungstest
Wird dieselbe Probe unter ähnlichen Bedingungen erneut geprüft, lässt sich die Wiederholbarkeit einschätzen: Kommt eine Person oder ein Panel zu vergleichbaren Ergebnissen? Das ist nicht dasselbe wie Reproduzierbarkeit. Dafür müsste man zusätzlich betrachten, ob Ergebnisse auch bei veränderten Bedingungen – etwa mit einem anderen Panel oder zu einem anderen Zeitpunkt – Bestand haben. Selbst gute Wiederholbarkeit beweist nicht, dass ein Urteil für alle Menschen gilt oder dass eine Vorliebe „richtig“ ist.
Damit wird die Grenze sensorischer Aussagen sichtbar: Sie beschreiben Wahrnehmungen von Menschen in einem bestimmten Prüfverfahren. Sie können belastbare Hinweise auf Unterschiede, Eigenschaften oder Akzeptanz liefern, wenn Fragestellung, Schulung und Versuchsaufbau passen. Das Ergebnis bleibt aber an diese Bedingungen gebunden. Ein persönlicher Geschmackseindruck ist also weder bloße Laune noch ein objektives Messresultat. Wissenschaftliche Sensorik macht ihn prüfbarer – und genauer darin, was er aussagen kann und was nicht.
Redaktionell geprüft · 5. November 2026


